What the F*ck are measles? Oder das Ding mit dem Spazierengehen

Es ist Palmsonntag. Und, Himmel sei Dank, schon Abend.

Schlecht gelaunt schlendere ich durch das Dorf, in dem wir seit einem halben Jahr wohnen. Vor den Häusern, stehen auf der Straße, die dazu gehörigen Restmülltonnen. Denn morgen, haben wir Einwohner, einen großen Tag vor uns. Die monatliche Müllabholung steht bevor. Was für die Großstädter unter euch wie Utopie, oder ein schlechter Scherz klingen mag, ist bei uns die Realität. Wir kommen damit gut zurecht.

Nachdem ich hinter dem Stadel, den durch den Dauerregen, morastigen Weg, hintergerutscht bin, komme ich zum Friedhof. Schön gepflegt sind die Gräber. Das, in der Abenddämmerung festliche Flackern der Friedhofskerzen, lässt eine archaische Stimmung in mir aufkommen, das wohlig-morbide Gefühl in mir macht mich ein wenig weinerlich. Ich habe einen Auftrag.

Aber heute suche ich den Fußweg zur Drau (Fluss in Kärnten), die mir, in schwer abschätzbarer Distanz, von meinem Balkon aus betrachtet, ein wunderschönes Panorama bietet. Eine Expedition ins Unbekannte. Ich lerne meine Umgebung kennen. Arrangier mich mit der Unabänderlichkeit. Bin schizophrener Weise aufgeschlossen für alles Neue.

Ich mag sie nicht, die Gegend, in die wir gezogen sind. Es paaren sich alle Nachteile des Landlebens (an Wochentagen fährt der Bus einmal am Tag in die nächstgelegene Stadt, das einzige Geschäft im Ort hat 3! Mittagspause, usw.), mit denen der Stadt. Es gab viele Gründe, warum wir uns von unserer vorherigen Wohnung verabschiedet haben. Einer der hauptausschlaggebenden Punkte war, die Intention, meine lärmenden Kinder in Stunden der Entnervtheit, einfach in den Garten zu schicken, statt kilometerweite Autofahrten ins Grüne unternehmen zu müssen. Weil uns der finanzielle Aufwand, der mit einer Vier-Zimmer-Wohnung mit Garten bzw. ein Haus in Stadtnähe, mit einhergeht, extrem unvernünftig erschien, entschieden wir uns mit Bauchzwicken, aufs Land zu ziehen. Als wir den Mietvertrag für die günstigen 110 Quadratmeter unterschrieben, ahnten wir nichts von der unisolierten Ziegeldecke und der hypersensiblen Nachbarin mit der wir uns den Garten teilen sollten, die wegen dem nächtlichen Geschreis ihres Babys, das nachmittägliche Gelaufe meiner Kinder nicht erträgt. Also sind wir halt wieder „on Tour“.

Pünktlich zum Beginn der Osterferien nimmt das Drama seinen Lauf. Ein Busfahrer hatte sich mit Masern infiziert und eine nicht absehbare Menge von nicht immunisierten Fahrgästen angesteckt, die wiederum die „hysterisch-verteufelte Kinderkrankheit“ in die schöne, weite Welt verteilen. Klingt für „normale“ Leute nicht schlimm, für meine Tochter kann das den Tod bedeuten. Aufgrund einer angeborenen Gallengangsatresie musste sie mit 6 Monaten lebertransplantiert werden, ihr Immunsystem wird medikamentös unterdrückt, damit das Organ nicht abgestoßen wird. Weil sie wegen eine Folgeerkrankung drei Chemotherapie-Zyklen über sich ergehen lassen musste, ist ihr Impfschutz nicht mehr gegeben und sie darf auch nicht mehr geimpft werden. Ungünstig in Hochzeiten der impfkritischen Aluhutträger. Wir dürfen mit ihr momentan keine öffentlichen Gebäude betreten, müssen Spielplätze meiden, uns sowieso alles, wo Menschen sind. Mein Sohn hat Ferien und wir sitzen auf Grund des Regenwetters zu Hause fest. Deshalb hat die Frau meines Bruders sich bereiterklärt ihn für ein paar Ferientage zu übernehmen, damit nicht er auch noch darunter leiden muss. An dieser Stelle ein riesengroßes Danke, an alle Familienmitglieder und Freunde, die uns immer wieder mit Taten unterstützen.

Diese ganzen unnötigen Lebenskomplikationen stoßen mir ziemlich sauer auf. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, mit meiner Tochter insgesamt 14 Monate, in verschiedenen Krankenhäusern zu verbringen, teils unter Quarantäne. Und jetzt, wo es meiner Kleinen gut geht, sind wir wieder ausgeschlossen, vom „Flow des Lifes“. Auf unbestimmte Zeit. Die Druckventile für meine schlechte Laune kann ich nicht steuern. Mein Reservoir an Selbstkontrolle und Reflexion hab ich in den letzten Jahren in irgendeinem Krankenzimmer liegen lassen. Ich werde biestig und traurig, aggressiv und eingeschnappt, fühle mich wegen Kleinigkeiten verletzt und verletzte wegen Kleinigkeiten. Mein Partner erträgt viel, ist aber erstaunlicher Weise auch nur ein Mensch. Mit Gefühlen. Die Stimmung ist nicht schön. Eine Freundin sagt, ich muss was für mich tun. Eventuell spazieren gehen? Also geh ich.

Während meines Walk-of-Shames passiere ich hinter der Friedhofsmauer die illegale Müllablage. Zwischen Kränzen, ausgebrannten Plastikkerzenbehältern und anderem Grabzeugs, liegen Windeln, Flaschen, Fischstäbchenpackungen, Binden und lauter andere schöne Sachen. Der Haufen misst ca 3 x 3 x 3 Meter. Im Sommer werde ich eine andere Route nehmen. Ich biege einen Waldweg ein. Der führt nur leider nirgendwo hin. Ende Gelände. Ich möchte telefonieren. Das Ganze klären. Mich entschuldigen. Ich kann nicht.

Es nieselt. Ich suche eine alternative Strecke. Sehe die Beschriftung des Wanderweges. In zügigem Tempo geh ich bergab. Mein Wanderweg führt mich zu einem mit Gütesiegeln ausgezeichneten Schweinebauern. Ich mag Schweine. Aber nicht deren Fleisch. Und noch weniger ihren Geruch. Eilig geh ich weiter, das animalische Geschreie macht mich fertig. Die Drau sehe ich noch immer nicht. Mein „Wanderweg“ ist eine unasphaltierte Straße, die zwar wenig aber dafür sehr schnell befahren ist. Die drei Autos, die an mir, teilweise mehrmals, vorbei fahren, sind ausnahmslos tiefer gelegt worden, als vom Hersteller ursprünglich vorgesehen, und alle scheinen die gleiche Musik an Bord zu haben. Es ist die Art, die ich gern als Schlager-Techno bezeichne. Ich sehe in der Ferne ein Reh, dass Anlauf nimmt, um eine Gruppe Kraniche vom Feld zu verscheuchen. Anscheinend ist niemand frei von Schuld.

Nach einiger Zeit komme ich in ein Dorf. Es gibt anscheinend zwei Sorten von Einwohner. Die Erste beherbergt in ihrem Garten im Schnitt drei abgemeldete Autos. Das Gras, das langsam darüber wächst, lässt mich annehmen, dass dieser Trend schon länger anhält. Gras wächst auch auf den Dächern, und sogar aus dem Abflussrohr, das in kreativer Weise als Postkasten angebracht wurde. Die abgebrannten Ruinen ehemaliger Ställe runden das Bild meiner dorfgewordenen Depression ab, ich höre die Krähen schreien, die sich um den Kadaver eines überfahrenen Igels streiten. Kurz fühle ich mich wie am Balkan. Ende der 90er. Wären da nicht die anderen Häuser. Das Gras in deren Gärten wächst niemals über irgendetwas. Es wird ohne Zweifel, täglich mit einer Nagelschere gestutzt. In Mitten des kärntnerischen Englischen Rasens, steckt die dazugehörige Kärntner Flagge, daneben weht es Rot-Weiß-Rot, sicher ist sicher. Vor den Haustüren stehen angeschnittene Birkenstämmchen, die mit dümmlich dreinschielenden Osterhasengesichtern verunstaltet worden sind. Ein Gartenzwerg grinst keck zu mir her. Ich will nur noch um die nächste Kurve gehen. Ganz sicher sehe ich von dort die Drau. Hinter der Kurve lauert ein Truthahn. Er baut sich vor mir auf und gibt vibrierende Laute von sich. Hinter ihm steht noch einer. Ich bin fertig. Mit spazieren, mit dem Tag, mit der Woche, mit mir selbst. Ich kehre um. Fast freue ich mich auf zu Hause.

Als ich die Haustüre aufschließe fühl ich mich gut. Der Zwei-Stunden-Marsch hat gewirkt, der Sauerstoff mein Gehirn entlüftet. Mein Partner fragt mich, ob ich die Kleine ins Bett bringen könnte, sie möchte mit mir schlafen gehen. Ich fühle mich geehrt. Ich lese mit dem höchsten Maß an Zuneigung und Liebe vor, die der Struwwelpeter verträgt. Selig schläft die Kleine ein.

Ich komm zurück ins Wohnzimmer, die Stimmung ist vor lauter Schweigen aus reinem Gold, mir krampft mein Magen. Ich setzt zum Laptop und eröffne den Blog.

Vielleicht finde ich die Drau ja morgen.

6 Kommentare zu „What the F*ck are measles? Oder das Ding mit dem Spazierengehen

  1. Meine Liebe, es wird Zeit, dass ihr an die Ost-Seite des Wörthersees zieht. Dann können wir gemeinsam die Gegend unsicher machen. Dabei werden wir die Drau vermutlich auch nicht ausfindig machen, aber wir haben sicher mehr Spaß beim Suchen 😜

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