Der Hase muss in den Bau! Das Ding mit dem „Familienbett“


Selig schlummern die Kinderlosen im Bettchen, denn ihnen gehört das Träumeland (oder so ähnlich).

Es ist 5.30. Die Kinder schlafen. Endlich.

Selbst, völlig ausgelutscht, lutsche ich auf meinem ersten Kaffee herum, dem noch viele weitere folgen werden. Endlich Zeit zum Schreiben. Wer rastet, der rostet. Schlafentzug zählt zu den beliebtesten Foltermethoden. Die Ausübung ist unmenschlich. Ausgenommen, die Frau der Augenringe ist die Mutter. Die wusste das im Vorhinein, hat sich das ausgesucht. Ihr wurde diese etwas unangenehme Nebensache, zusammen mit dem größten Glück auf Erden, mit in die Wiege gelegt.

Aus der Wiege wurde schnell ein Gitterbett, aus der mütterlichen Brust ein Fläschchen. Natürlich nur als Überbrückung. Bis unser Augenstern genug isst. Wohlgesättigt und zufrieden schlummert, sich in der Nacht vielleicht ein bis zwei mal seufzend wendet und morgens ausgeruht und gutgelaunt ins Elternbett schlüpft um die letzten Minuten morgendlicher Stille und Geborgenheit, unter der warmen Decke, mit seinen lieben Eltern zu genießen.

So viel zur Theorie. Unsere Tochter wurde, auf Grund ihrer Erkrankung, mit drei Monaten auf eine spezielle Flaschennahrung umgestellt. Diese lieferte die lebensnotwendigen Nährstoffe in der Form, welche von ihrem kleinen Körper. wenigsten zum Teil aufgenommen werden konnte. Um ihr weiterhin das Gefühl von Geborgenheit zu geben, stillte ich sie nebenbei noch eine kurze Weile weiter, was ich aber dann zum Zeitpunkt ihrer Transplantation gänzlich unterließ.

Wer mich jetzt als Rabenmutter sieht, weil ein Kind gerade dann, die milchgebende Mutter braucht, irrt und sollte sich eventuell Fotos ansehen, die sehr schön veranschaulichen, dass sich das Stillen schon alleine wegen der Unzahl an Schläuchen und Drainagen etwas schwierig gestaltet. Vom Stress für die Mutter, den künstlichen Tiefschlafzeiten und Nahrungsmengenbeschränkungen nach der OP möchte ich gar nicht erst anfangen.

Zurück zum Thema. Für unsere Tochter, eine Schnullerverweigerin der ersten Stunde, wurde das Fläschchen zum allgegenwärtigen Wegbegleiter. Ihr Alpha und ihr Omega. Weil die Aufnahme fester Nahrung auch lange Zeit nach der Transplantation, aus vielen medizinischen Gründen, nicht möglich war, saugte sie sich mit ungebrochenen Willen immer wieder zurück ins Leben. Die zwei bildeten eine unzerstörbare Koalition, sie und ihr Fläschchen.

Ziemlich genau, heute vor zwei Jahren, „genossen“ wir unseren letzten längeren Klinikaufenthalt. Unser Baby hatte sich den Rota-Virus eingefangen. Während es bei ihr unten und oben gleichzeitig rauskam, entwickelte sie grotesker Weise von einer Minute auf die andere ein unbändigbares Verlangen nach bissfesten Essen. Das kleine dünne Mädchen pickte aus dem kaum gewürzten Krankenhauswurstsalat, die Käsestreifen raus und verschlang sie hingebungsvoll schmatzend. Seit diesem Zeitpunkt geht es steil bergauf. Sie schoss rasant in die Länge und Breite, fing bald an zu sprechen, ein halbes Jahr später, zu Papas Geburtstag machte sie endlich ihre ersten Schritte. Mit ihrer Vitalität und ihrem unaufhaltbaren Trieb alles Versäumte so schnell und intensiv wie möglich nach zu holen, wuchs auch ihr Durchsetzungsvermögen, ihre Sturheit und vor allem ihr Stimmvolumen. Mit der gleichen Beharrlichkeit und Konsequenz, an der sie sich selbst aus dem Sumpf der Vergänglichkeit gezogen hat, „erzieht“ sie jetzt uns. Das Fläschchen blieb bis heute.

Jeden Abend bringt Papa sie in ihr Bett. Erst gibt es ein Bilderbuch, dann das Fläschchen. Fest eingekuschelt schläft sie ein. Eine Weile später, gehen wir Eltern in das uns angedachte Bett und schließen für eine kurze Zeit die Augen. Mein Mutter-Akku hat in seiner Bett-Ladestation gerade 20 % geladen, dann hör ich, die Türe, wie in einem Westernfilm, explosionsartig auffliegen. Das Töchterchen ist das erste Mal aus dem Schlaf der Unschuldigen erwacht. Sie will ein Fläschchen. Keine Überraschung mehr für uns. Sie kriegt ein Fläschchen. Es ist kurz vor Mitternacht, keiner von uns Großen möchte sich zu diesem Zeitpunkt in Grund und Boden brüllen lassen. Das liebe Kind geht wieder schlafen.

Eine Stunde später. BAAAAAAAAM. Türe wieder offen. Tochter wieder da. Sie muss aufs WC. Verständlich. Das müsste ich auch. Stolz, weil sie von einem Tag auf den anderen, sogar in der Nacht sauber ist, setzt ich sie aufs Klo. „Das war ein Witz“. Sie muss ihres Glauben, doch nicht. Selten hab ich so gelacht. Ich will sie ins Kinderzimmer bringen. Sie will aber nicht zurück. Unsere Diskussion ist schnell beendet, die Gewinnerin steht eindeutig fest, aber wenigstens schläft mein Sohn noch.

Papa ist wach – Tochter im Elternbett – Papa im Kinderzimmer. Wenn man(n) am nächsten Tag arbeitet, reagiert man auf nächtliche Tritte in die Nierengegend recht empfindlich. Die Kleine kuschelt sich mit ihrem Kopf zu meinem Hals. Es kitzelt, aber duftet gut. Irgendwie schaff ich es wegzudämmern, Mutter ist auf Stand By.

Mama, bist du waaaach? Ich muss aufs Klo!“. Immerhin ist wieder eine Stunde vergangen. Diesmal handelt es sich um keinen Scherz. Nach verrichteten Geschäft betten wir uns erneut zu Ruhe, meine Tochter will, „Surprise-Suprise!“, keine Schüssel Reis, sondern? Ja, richtig. Ein Fläschchen. Ihr scharfer Ton schneidet das nächtliche Band der Ruhe in zwei, ich eile in die Küche, um ihr, das zum Großteil aus Wasser bestehende Hafermilch-Gebräu zu bereiten. Kind nuckelt sich exzentrisch saugend in den Schlaf. Muss eine Stunde später wieder mal aufs WC. Ich schick sie alleine. Sie geht bereitwillig. Sie ist schon groß. In weiser Voraussicht hab ich das Badezimmerlicht eingeschalten lassen.

„Mama, ich hab die Waschmaschine eingeschalten!“. Es ist 3:03. Ich steh auf und schalt die Waschmaschine aus. Meine Tochter will ein Fläschchen. Langsam werd ich grumpy. Ich drück ihr das Objekt meiner Verzweiflung in die Hand. Und schlafe ein. Im Halbschlaf vernehme ich leises Trippeln von Kinderfüßen.

„Bitte steh auf. Mir ist langweilig“. Meine Tochter hat meinen Sohn aufgeweckt. Ihren Spielgefährten. Der will aber noch schlafen. In unserem Bett. In dem Moment, in dem es links und rechts gleichmäßig schnarcht, übersiedele ich aufs Sofa. Dort kann ich mich ausstrecken. Aber nicht mehr schlafen. Es ist 4:30. Ich hör wieder ein verzweifeltes Saugen am leeren Fläschchen. Als nächstes muss sicher irgendwer aufs Klo.

Wenn ich ganz ehrlich bin, ich hab keinen Bock mehr auf den Scheiß. Aber auch nicht auf hysterische Wutanfälle zur Geisterstunde. Also mystifizieren wir. Der Osterhase kommt nämlich bald. Er bringt ein pinkes Rad mit Körbchen. Aber nichts im Leben ist umsonst. Auch nicht für meine Tochter. Der Osterhase wird ihre Fläschchen mitnehmen.

Meine Tochter freut sich auf Ostern. Vor allem auf die Schokolade. Aber irgendwie ist sie traurig.

Letztens hat sie mich gefragt, ob wir den Osterhasen im Gefängnis besuchen gehen werden. Erst nach kurzem Überlegen begriff ich die kausalen Zusammenhänge. Wer etwas „klaut“ kommt in den Bau.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Hase mit einer bedingten Haftstrafe davonkommen wird, es gibt sicher viele Fürsprecher seiner Person, die sich für ihn einsetzten werden. Vielleicht empfiehlt ihm der Nikolaus einen potenten Anwalt zu seiner Verteidigung.

Ich hoffe inständig, dass dieses Konstrukt aus Lügen aufgehen wird und ich endlich mal, wenigstens vier Stunden am Stück zum Schlafen komm.

Please stay tuned, ich staye by. Gute „Nacht“.

8 Kommentare zu „Der Hase muss in den Bau! Das Ding mit dem „Familienbett“

  1. Meine Große hat, nachdem ich abgestillt hatte, eine innige Bindung zu ihrem Zutz entwickelt. Nachdem sich der regelmäßige Gebrauch auf ihr Gebiss auswirkte, haben wir beschlossen, dass das geliebte Ding schnell weg muss. Deshalb bekam sie eines Nachts Besuch von der Zutzfee – diese sammelt die Zutz der „größeren“ Kindern ein, welche die Kinder für die Fee bereit legen, und bringt sie den Neugeborenen. Zum Dank lässt sie ein kleines Geschenk zurück. Das hat super funktioniert 😉
    Alles Liebe

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  2. Gleiches nächtliches Theater bei uns 😅
    Mein kinderloses Ich dachte immer:“Wie kann man nur so inkonsequent sein und den Kindern nachts Fläschchen servieren während die Kleinen ins Elternbett wandern.

    Mein jetziges Ich:“Was auch immer es ist – ich mache es! Hauptsache ich kann danach wieder ins Bett und vielleicht sogar zwei Stunden am Stück schlafen. 😂

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    1. Ich glaube, dass die Natur, die Kinderlosen absichtlich zu Allwissenden gemacht hat, weil die Menschheit sonst zum Aussterben verdammt sein würde.
      Seit Ostersamstag sind die Fläschchen erfolgreich weg. Sie schläft unglaublicher Weise durch! Der einzige Wermutstropfen an der Sache ist der, dass sich das Einschlafen als mühselig gestaltet, weil meine Tochter nun, trotz Licht und beider Elternteile im Bett „Angst vor der Decke“ hat.

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  3. Liebe Laura hab deinen Text echt gerne gelesen…..weiterschreiben!!!!!!!!!!
    und: 1.wie gehts dem Osterhasen mit dem Fläschen?
    2. du bist ausgeschlafen?
    glg

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