Another sunday.


Heute war ein schöner Tag. Wir waren draußen, sind in der Sonne herumspaziert und haben mit den Kindern gespielt. Es wurde viel gegessen und viel gelacht. Weil ich nicht mehr ganz so jung bin, fang ich an, in den Archiven zu kramen. Und weil ich anscheinend auch noch nicht so alt bin, finde ich nicht, dass früher aller besser war. Ich lass euch heute ein wenig in unserer Vergangenheit schmökern, während ich die Gegenwart in Worte fasse…

Lautes Katerraunzen

Sonntag ist Ausschlaftag. Verhalten schleiche ich aus dem Familienschlafzimmer. Das Gebot des Moments lautet, den drei knarrenden Dielen auszuweichen, die sich seit Jahrzehnten trickreich unter dem mäßig gepflegten Teppichboden verstecken. Ein Fehltritt würde das friedliche Band der Stille zerreißen lassen. Das kostbare Ritual, meine nächtlichen Traumgespenster mit dem Aroma frisch gebrühten Kaffees zu vertreiben wäre ruiniert. Schlafende Kinder weckt man nicht. Während der neue Tag zaghaft im blaugrauen Strahlen des Morgengrauens erwacht, graut es auch mir. Eine Flasche Rotwein stellte für mich früher nur den sprichwörtlichen Tropfen auf den heiß getanzten Steinböden der Clubs dar. Heute ist der Genuss einer solchen, die für mich zuverlässigste Methode geworden, ein Ehrenmal der inneren Werte zu erschaffen. Ich schalte den Geschirrspüler ab, den ich zu meiner Überraschung anscheinend nachts befüllt habe, und hole meine Lieblingstasse heraus. Ich gieße den wohlduftenden Wachmacher in den Bottich, füge zur Feier des Tages Milch und Zucker bei. Allmählich fallen die ersten Strahlen der zaudernden Wintersonne in den Flur und erleichtern mir das unbescholtene Vorüberschreiten an etlichen kleinen Dingen, die nicht auf den Boden gehören, als ich mich auf den Weg ins Badezimmer mache. Um dauerhaft Ordnung zu halten, ist ein gewisses Maß an Platz von Nöten. Ich nehme einen Schluck der zu süß ausgefallenen Melange, ein Gedanke lässt mich schmunzeln. Trotz meiner nennenswerten inneren Größe gelingt es mir nicht immer, das Chaos in meinem Kopf zu kontrollieren.

Sonntag ist Familientag. Während meine Kleinen noch friedlich in den Federbetten schlummern, ab und zu ist ein leises Schnaufen aus dem abgedunkelten Kämmerlein zu hören, fange ich an, den
Vormittag gedanklich in die einzelnen Arbeitsschritte einzuteilen. Am Nachmittag erwarten wir Besuch. Meine Schwiegerfamilie ist zum Essen eingeladen.


Das Bedauern keine Putzhilfe zu haben, relativiere ich schnell und zuverlässig damit, mich selbst davon zu überzeugen, dass der Reinigungsprozess vor allem meiner Psychohygiene dient. Mit dieser Argumentation kann ich jedem Dreck etwas Positives abgewinnen. Vor dem Kampf gegen die Spuren, die eine Arbeitswoche hinterließ, belohne ich mich. Im vollsten Wissen, dass mein Laster
niemals eine Tugend sein wird, stelle ich mich mit Zehenspitzen auf den Kunststoffhocker meines Sohnes.
Den Oberkörper weit aus dem kleinen Badezimmerfenster gelehnt, zünde ich die traditionelle
Hangover-Zigarette an. Die messerscharfe Morgenbrise kitzelt beim Einatmen die raue Stelle um meine Nase, die Haut meines Gesichtes fühlt sich vorlauter Kälte angespannt an. Ich atme aus, imposante Wolken verlassen meine Lunge. Das auffällig stabile Konglomerat aus Atemluft und Schadstoffen wird von den frostigen Fängen dieses Wintermorgens mitgetragen, vor den Dachgauben des Nachbarhauses ringeln sich die Schwaden in ihrem letzten Tanz, bevor sie sich
auflösen.
Ich beobachte die altersschwache Nachbarin, die in der Wohnung vis-à-vis ihren
fortschrittsfeindlichen Küchenherd mit Brettern befüllt. Ich kann es ihr nicht verdenken. Die Not, die die alten Menschen geprägt hat, ist lang vorbei. Die Gründe von vielen vergessen, von den Dümmsten sogar verleugnet. Unsere Generation muss ja nicht sparen. Es existiert eine Vielfalt an
Möglichkeiten, Dinge zu erwerben, die wir uns im Moment nicht leisten können. Der unangenehme Geruch von Kohlen unterbricht mein Sinnieren.

Es braucht Gewalt um die sperrige Fensterluke wieder zu verschließen. Die in den Sommermonaten geflissentlich ignorierte Feuchtigkeit feiert, unter der Oberfläche des Mauerwerks unseres alten Zinshauses verborgen, gerade ihre Sternstunde. Das vom Vermieter empfohlene Stoßlüften brachte
zwar kein Schwinden der latent angedeuteten Schimmelblüten in den Raumecken, dafür schmücken nun grazile Eisblumen den Übergang vom Fensterglas zum aufgequollenen Holzrahmen.
Vor meiner Rückkehr in den warmen Teil der Wohnung behandle ich die dunklen Flecken an der Wand mit beißendscharfem Chlorreiniger. Auch wenn ich das Ursprungsübel nicht beseitigen kann, verbleichen zumindest die Symptome. Diese partiellen Reinigungsaktionen im Vorfeld von Familienbesuchen, die allein einen kosmetischen Zweck erfüllen, sind zwar die Krönung der Sinnfreiheit, dienen allerdings hervorragend der eigenen Eitelkeit. Es geht jeder berufstätigen
Mutter gleich. Es gibt nur keine zu. Wer frei von Staub ist, lade als Erster ein!


Sonntag ist Waschtag. In meiner Jugend gemeinhin bekannt als Tag des Schmerzes, gibt die wohlverdiente Freizeit nun den notwendigen Raum Unmengen verschmutzter Bekleidung ins Reine zu bringen. Was von den zwei Deklarationen das geringere Übel ist, wage ich nicht zu entscheiden.
Geistreich vom Weingeist des Vorabends, spiele ich mit dem Gedanken, welch wunderbarer Kompromiss es wäre, die Wäscheberge sauber zu trinken. Vernünftig, wie ich bin, dünkt mir rechtzeitig, wie temporär diese Lösung wäre. Beflügelt von allerlei frommen Gedanken belade ich die Waschmaschine. Der frische Frühlingsduft des so weichmachenden Weichspülers erregt bei mir
leichten Brechreiz.


Sonntag ist der Tag der Ruhe. Alle Geschäfte bleiben geschlossen. Abgesehen vom Supermarkt am Bahnhof. Es ist der einzige Ort, an dem heute in unserer kleinen Stadt das Leben pulsiert. Oder zumindest das, was bei vielen gescheiterten Persönlichkeiten davon übrig geblieben ist. Nachdem mein Liebster aufgestanden ist, haben wir uns dahin gehend geeinigt, den Gästen überraschenderweise einen Braten aufzuwarten. Wir haben nichts Verwertbares im
Kühlschrank. Mir bleibt keine Wahl, ich muss diesen sozialen Höllenschlund in Gestalt eines Geschäftes aufsuchen, denn Mann kocht – Frau geht einkaufen. Allein die Parkplatzsuche zeigt mir meine inneren Grenzen auf. Ein Taxi verstellt den Weg – der mit seinen Händen wild artikulierende Fahrer probiert einen offenbar betrunkenen jungen Mann mit aggressiv klingenden franco-
arabischen Phrasen dazu zu bringen, die Rückbank seines Fahrzeuges zu verlassen.


Ich stell mein Auto im absoluten Halte- und Parkverbot ab. Die Zeit drängt. Niemand isst seinen Schweinsbraten medium rare. Ich haste zum Eingang des Geschäftes, werde von Schäfermischlingen angebellt, die nur ihr Revier und das ihrer Herrchen verteidigen. Höflich entschuldigt sich einer der
Hundehalter und zeigt mir mit einer Bierdose in der Hand, dass ich einfach durchgehen soll – der tut niemanden was! Ich habe keine Wahl.


Im Laden geht es wie in einem Taubenschlag zu. Ich ergattere das letzte Stück genießbar aussehenden Fleisches. Suche nach den Zutaten für die Knödelbeilage. Die meterlange Schlange an der Kasse macht mich misanthropisch. Durch das dumpfe Pochen in meinem Kopf werde ich übersensibel. Eine Dame mit hochrotem Gesicht hat eine Flasche Kräuterlikör unter den Arm geklemmt, sie zupft von hinten an meinem Mantel und erklärt, dass sie körperbehindert sei. Ich
möge sie bitte vorlassen. Und ob ich ein paar Münzen übrig hätte. Zwar habe ich nie behauptet ein guter Mensch zu sein, aber
diese Blöße kann ich mir nicht geben und somit lasse ich ihr den Vortritt. Erwartungsvoll schaut sie mich mit Blut unterlaufenden Augen an. Ich versuche meinen Ärger zu verbergen und hole etwas Kleingeld aus meiner Brieftasche hervor. Es ist ihr zu wenig. Meine Zurückhaltung erfährt ein jähes
Ende, ich gebe einige äußerst unfeine Wörter zum Besten. Endlich ist Ruhe. Jeder Wartende, der das Gespräch mitbekommen hat, bestraft mich mit eiskalten Blicken und vorwurfsvollen Mienen. Ich schäme mich zutiefst.


Sonntag ist der Tag der Gemütlichkeit. Nach dem köstlichen Sonntagsbraten ist der holprig verlaufende Vormittag schnell in Vergessenheit geraten. Das deftige Essen hat mir neue Lebensgeister eingehaucht. Gemütlich sitzen wir im Wohnzimmer als Familie beisammen. Meine Tochter kuschelt mit der Tante, gemeinsam schauen sie das neue Bilderbuch an. Mein Liebster baut
mit unserem Sohn ein Lego-Raumschiff zusammen, das die Oma als Geschenk mitgebracht hat. Nach einer Stunde hochkonzentrierter Arbeit fehlt ein Teil. Mit jeder Minute, die verstreicht, wird die Tragödie herzzerreißender. Alle Personen am Sofa werden evakuiert, mit einem Lineal versuche ich, das darunter verloren gegangene Stück wiederzubeschaffen. Mit dieser Situation habe ich im Vorfeld
nicht gerechnet. Ich kehre eine zwanzig Zentimeter lange Staubfluse hervor. Den Spruch, dass ich zu nichts gekommen bin, glauben sie mir alle. Trotz des nicht gänzlich verflogenen Putzmittelgeruchs.


Sonntag ist Lotto-Tag. Obwohl niemand einen Schein aufgegeben hat, ist die Lotto-Ziehung am frühen Sonntagabend ein Fixpunkt im Familienprogramm geworden. Nachdem unser Besuch in seine
saubere Wohnung zurückgekehrt ist, gehen die Kinder baden. Während sie unter fröhlichem Jauchzen den Badezimmerboden fluten, räumen wir Alten das Grobe weg, schlichten die fettigen Teller in den Geschirrspüler, hängen die Wäsche auf. Wir suchen den Kleinen das uns passend erscheinende Gewand für Montag aus den überquellenden Schränken.
Nach dem Verlassen der schaumigen Wogen werden die Pyjamas angezogen, die Zähne geputzt. Wir geben dem Karies keine Gelegenheit, er sucht sich ein anderes Kind. Die Show im Fernsehen startet.
Sechs aus fünfundvierzig faszinierenden Nummern werden gezogen. Mit leuchtenden Augen verfolgen meine zwei Lieblinge den klappernden Strudel aus durcheinanderwirbelnden Kugeln. Nach dem Joker fahren sie in Begleitung ihres Glühwürmchen-Hörspiels ins Träumeland.

Sonntag ist Krimitag. Gerädert vom Nichtstun liege ich am Sofa. Es ertönt eine altbekannte Melodie.
Im Fernsehen laufen männliche Beine auf nassem Asphalt. Lange bevor der Mörder gefasst wird, bin ich in den Armen meines Liebsten eingeschlafen, der sich nach der Auflösung des Kriminalfalles
wieder einmal vergebens bemüht mich aufzuwecken.

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