Gemeinsam auf einer Couch mit meinem Sohn, Semino Rossi und den Extraterrestrischen

Der Ostersonntag lief ausgesprochen harmonisch. Vormittags empfingen wir Besuch. Gemeinsam mit meiner Schwiegermutter und meiner Schwägerin haben wir uns die Bäuche vollgeschlagen, auf die Landung des Osterhasen gewartet und mit den Kindern und ihren neuen Fahrrädern die Gegend unsicher gemacht, in dem wir der Schokoladenfutterspur ums Feld gefolgt sind. Die Sonne schien und wir haben viel gelacht.

Abends haben wir die Kinder ins Bett gebracht und uns gemütlich auf die Couch gelümmelt, um uns vom Feiertagsprogramm im Fernsehen berieseln zu lassen.

Aber, wie ihr wahrscheinlich aus eigener Erfahrung wisst, irgendwas ist immer.

Mein Sohn hat vom Osterhasen eine Gespensterfigur für seine Tonie-Box (Eltern werden wissen, was das ist) bekommen, die ihm von Anfang an nicht unbedingt sympathisch war. Das Argument, dass der Osterhase sicher das Richtige für das jeweilige Kind aussucht, ließ er gelten und mit ein wenig Restskepsis hörte er sich, im Bett liegend, die Geschichte dann doch an.

Als ich mir gerade einen Artikel über eine Diskussion von „Chemtrail-Theoristen“ versus Wissenschaftler zu Gemüte führte und die Ermittlungen im eher langweiligen Sonntags-Tatort gerade richtig anliefen, stürmte mein Sohn mit weit aufgerissen Augen, in hellster Panik und Todesangst ins Wohnzimmer und flüchtete sich laut schreiend in meine Arme.

Nachdem ich ihn ein wenig beruhigen konnte, erklärte er mir unter lautem Schluchzen, dass das Nachtlicht in seinem Zimmer plötzlich zu flackern begann und dass dahinter mit großer Wahrscheinlichkeit Geister stecken. Oder Außerirdische, die auf der großen Wiese vor unserem Haus zur Landung ansetzten würden. Als ALF am Garagendach der Tanners landete, hätten in deren Haus auch die Lichter geflimmert.

Ich erwiderte, dass die Glühbirne deshalb flackert, weil sie bald gänzlich kaputt werden würde. Ich verstand die aufgekommene Panik und erlaubte ihm, bei uns im Wohnzimmer zu bleiben und schaltete auf eine Schlagershow um, um sein zartbesaitetes Gemüt nicht weiter zu reizen.

Das mit den Glühbirnen ließ meinem Sohn keine Ruhe. Er wollte wissen, warum sie nicht ewig halten. Ich sagte, dass da System dahinter stecke. Das Lampen, von den Herstellern, extra so konzipiert werden, um den Umsatz am Leben zu erhalten. Noch oft in seinem Leben würde er Zeuge vom Funktionsverlust einer solchen werden. Ich erzählte ihm von der ältesten Glühbirne der Welt, die mittlerweile geschätzte 120 Jahre ihren Dienst tut.

Mein Sohn verlangte, dass ich die 120-Jahre-Birne gleich am nächsten Morgen kaufe, um sie in seinem Zimmer zu montieren. Ich musste ihm, nicht nur wegen des darauffolgenden Feiertag, den Gefallen ausschlagen. Alternativ dünkte ihm, wir könnten selber eine bauen. Wenn die Leute das vor 120 Jahren hinbekommen haben, sollte das für mich doch kein Problem darstellen. Zur Herstellung des Glases brauch ich nur den Inhalt einer Sandkiste zusammenschmelzen.

Mein, offen zur Schau, getragener Protest erzeugte Gegenprotest. Langsam, aber sicher, wurde er aufmüpfig. Fing an, sich über das Fernsehprogramm zu beschweren, was das nur für eine beschissene Musik sei und warum Semino Rossi zu blöd aussieht.

Entgegen dem Mainstream, ist mein Sohn bekennender Michael Jackson-Fan. Und, obwohl ich für einen offenen Erziehungsstil bin, lass ich in dieser Affaire meine Finger davon, um sein unschuldiges Weltbild nicht völlig aus den Angeln zu heben.

Ich persönlich höre keinen Semino Rossi. Aber trotzdem mag ich es nicht, wenn Menschen auf ihr Äußeres reduziert werden und von präpubertären Sechsjährigen, mit holprig gewählten Schimpfwörtern, betitelt werden.

Also holte ich zum Gegenschlag aus. Glaubhaft gab ich zum Besten, dass der charmante Schlagerbarde, nach Michael Jacksons Tod, mittlerweile den Titel „Bester Sänger der Welt“ sein eigen nennt und seinen Bühnenshows weltweiter Ruhm vorauseilt. Mein Sohn solle sich das, im Herzen berührte und weinende Publikum ansehen und sich fragen, ob sich so viele Erwachsene täuschen können.

Das war zu viel. Er wollte wissen, welchen Musiker ich richtig entsetzlich fände. Geistig schwankte ich zwischen Andreas Gabalier und DJ Ötzi. Weil ich meinen Filius und sein loses Mundwerk, in Zukunft nicht in eine politische Bredoullie reinreiten wollte, entschied ich mich für den „DJ“. Ich musste mir nun vorstellen, dass die ganze „Beschissenheit“ von DJ Ötzi mit der Unendlichkeit des Universums multipliziert werde, damit ich eine ungefähre Ahnung hätte, wie „kakablöd“ Semino Rossi sei und dass er sicherlich niemals, in diesem Sonnensystem, der beste Sänger der Welt werden würde.

Äußerlich wurde es auch mir ein bisschen viel, innerlich konnte ich das Lachen kaum mehr halten. Mein Sohn solle Semino Rossi akzeptieren und sich zum neuen besten Sänger der Welt bekennen. Dessen Frisur sei der Nachfolger des „Undercuts“, alle Friseure dieser Welt würden nur noch diesen Schnitt liefern. Gleich nächste Woche bekäme auch er diesen Style.

Zusätzlich hätte ich ihm einen „Semino-Rossi-Tonie“ bestellt. Abgesehen davon, dass dieser haarscharf dem Original gleiche, könne er dann die schönsten Hits jeden Abend vorm Schlafengehen hören. Mein Sohn erwiderte, er werde diesen niemals anhören. Anstatt dessen, wolle er ihn in eine Zeitmaschine verfrachten und in die doppelte Vergangenheit zurückschicken. Ich erinnerte ihn daran, dass er das Sams auch nie hören hat wollen, nur weil es blöd aussieht. Und trotzdem ist es jetzt seine ungeschlagene Nummer Eins unter den Hörspielen.

Das Argument saß. Mein Sohn wollte wissen, woher Semino Rossi abstammt. Ich wusste es nicht. Vielleicht aus Italien, oder aus Spanien, eventuell ist er Portugiese.

Okaaaaay. Mein Sohn räumte ein, dass der Semino vielleicht irgendwann einmal, der beste Sänger Portugals werden könne, aber niemals der Welt! Ich beließ es dabei.

Beruhigt und anlehnungsbedürftig hockte er sich zu mir und schlief zu den kitschigen Klängen der Nacht ein.

Erleichtert nahm ich die Fernbedienung und schaltete aus. Meine Toleranz hatte jetzt auch Feierabend.

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