Happiness is a warm gun.

Ich sollte bald wieder arbeiten. Die Karenzzeit neigt sich ihrem bitteren Ende zu. Weil sich ein Lebenslauf für mich nicht so locker wie ein Blogeintrag aus dem Ärmel schütteln lässt, stöbere ich hoffnungsvoll in alten Word-Dokumenten. Und finde das hier. Passt auch ganz gut zum Thema Arbeit, in die Versicherungsbranche werde ich wahrscheinlich trotzdem nicht mehr zurück wechseln. Viel Spaß beim Lesen!

Nach dem Harald einen Blick auf seine praktische Pulsuhr geworfen hat, weiß er mit Sicherheit, dass die verbleibende Strecke zum Abflughafen noch heiter werden wird.
Obwohl das morgendliche Klima im Reisebus tropische Verhältnisse erreicht hat, schreit ein junger Kollege, ihm sei die Luft auf den hinteren Plätzen zu trocken. Ein zustimmendes Raunen überflügelt die voll ausgelasteten Sitzreihen, die Vorfreude auf den von der Firma bezahlten Kurzurlaub macht die Besatzung durstig.

Prompt erhebt sich Gudrun in hingebungsvoller Nächstenliebe von ihrem angestammten Platz hinter dem Busfahrer und verteilt einige Dosen Bier, die von ihr vorsorglich in mehreren Kühlboxen bereitgehalten worden sind.

Neben ihrem jahrzehntelangen Wirken in der Schadensabteilung organisiert sie seit der Pensionierung der KFZ-Gerti mit höchstem Engagement und einer gehörigen Portion Edelmut die regelmäßigen Betriebsausflüge, die neben den zahlreichen Bonifikationen den ertragbringendsten Außendienstmitarbeitern vorbehalten sind.

Durch seine, Jahr für Jahr, vorbildlich hervorstechenden Verkaufszahlen genießt er die Befriedigung, viele ambitionierte Senkrechtstarter rasant kommen und noch schneller wieder gehen zu sehen, nachdem sie dem stetig wachsenden Konzern ihren kleinen Bekanntenkreis, versicherungstechnisch, zum Fraß vorgeworfen haben. Sein eigenes Verkaufskonzept ist so simpel wie erfolgreich. Anstatt der Jagd nach großen Verträgen nachzugehen, konzentriert er sich auf Kleinvieh, das bekanntlicher Weise den meisten Mist produziert. Diese Methode beschert ihm jedoch immer wieder das zweifelhafte Vergnügen, rückständigen Hinterwäldlern seiner einstigen Heimat einen Besuch abstatten zu
müssen.

Während die Stimmung im Bus ungeahnte Höhen erreicht, weil der normalerweise zurückhaltende Verkaufsmanager, befeuert vom Alkohol, einen kräftigen Schluck Schnaps, aus dem, nicht zuletzt wegen der Situation billig wirkenden Damenstiefel einer jungen Mitstreiterin nimmt, vibriert Haralds Smartphone. Sein Blick darauf, bestätigt ihm die fehlende Notwendigkeit zu antworten. Seine Ex-Frau Carmen bittet ihn via SMS, zum wiederholten Male, sich bei ihr zu melden. Verärgert angesichts ihrer Hartnäckigkeit, überkommt ihm das immer wiederkehrende Bedauern trotz offizieller Trennung, mit ihr weiterhin, im Verborgenen, die ihnen so vertraute Intimität weiterzuführen.

Der normaler Weise sauber zu ziehende Strich unter der Beziehung kam auch nach ihrer Scheidung nie zustande, wahrscheinlich liegt es daran, dass sie sich schon ewig kennen.

Lange vor Abschluss ihrer Lehrzeiten galten sie im Dorf als Paar, welches sie vor allem durch sein Drängen mit dem Erreichen ihrer Volljährigkeit verließen um in der nächst größeren Bezirksstadt ein neues, moderneres Leben aufzubauen. Sie blieb dem Friseurhandwerk treu, er hängte den Tischlerberuf gänzlich an den Nagel und konzentrierte sich auf den Aufbau seiner neuen Karriere im Versicherungswesen. Sie bekamen Mitte zwanzig kurz hintereinander zwei Söhne, deren Pflege und Betreuung, neben ihrer mittlerweile beruflichen Selbstständigkeit, Carmens ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, was ihn
wiederum dazu veranlasste, seinen Samen weit in der Damenwelt zu streuen.

Obzwar sie ihre arglose Denkweise zur Verliererin in der Beziehung machte, brachte ihr genau dieser Wesenszug den großen Vorteil, nach ihrer Trennung in der alten Heimat schnell wieder Fuß zu fassen. Sie renovierte mithilfe ihres höchst erfreuten Vaters den unteren Stock des elterlichen Familienhauses, und baute in kürzester Zeit einen beachtlichen Kundenkreis zu föhnender Hausfrauen auf.

Sein Nachsinnen erfährt einen jähen Abbruch.
Gudrun verkündet mit blechender Stimme durch den defekten Bordlautsprecher, dass die Zeit eine Zigarettenpause an der nächsten Raststätte erlaubt. Die johlende Kompanie applaudiert euphorisch. Nichtraucher Harald freut sich auch. Die Fahrtunterbrechung bietet ihm eine günstige Gelegenheit, mit dem gestiefelten Mädchen ins Gespräch zu kommen.
Jessie und er verstehen sich auf Anhieb, vor Kurzem hat sie sich von ihrem eifersüchtigen Freund getrennt. Männer verkraften es nicht, wenn Frauen erfolgreicher als sie selbst sind.

Harald kann das nicht bestätigen. Er vermutet, dass das eine Frage des Alters sei.
Verschwörerisch besiegeln sie ihre vielversprechende Freundschaft mit dem Genuss der kleinen Wodkafläschchen, die ihnen Gudrun in Begleitung eines indiskreten Zwinkerns zugesteckt hat. Wieder nimmt Harald das ungemein deplatzierte Vibrieren in seiner Hosentasche wahr. Es stoßt ihm bitter auf. Der straffe Zeitplan der illustren Reisegemeinschaft gibt leider nicht mehr Spielraum für Haralds Spielchen her, angetrieben von Gudruns Konsequenz nehmen alle Schäflein ihre ursprünglichen Sitzplätze ein, um die Atmosphäre weiter anzuheizen, legt der Fahrer eine CD mit Ballermannhits ein.

Die, anlässlich der plumpen Avancen des gestriegelten Rechtschutz-Freddies, abgelenkte Jessie scheint Haralds verheißungsvolle Blicke nicht wahrzunehmen. Egal, in den vier Tagen, fern ab aller Alltäglichkeit, wird er zu mehr als zum sprichwörtlichen Handkuss kommen.

Der Ordnung halber nimmt er sein Handy zur Hand und schickt Carmen die absolutierende Mitteilung, er habe das Klingeln im Trubel nicht vernommen, ist gerade an seinem Platz im Flieger angenommen, der Empfang ist lausig und der Abflug stehe unmittelbar bevor. Er werde sich im Hotel bei ihr melden. Sie wird das, wie immer verstehen und froh sein, dass er sich überhaupt rührt. Ihr letztes Zusammentreffen, das nun eine Woche her ist, eskalierte in einen Streit.

Gemeinsam, in Begleitung ihrer gelangweilten Söhne, gaben sie einem seiner
Kunden, der ein alter Schulfreund von ihr war, das letzte Geleit.
Josef, zu seinen Lebzeiten von der eingeschworen Dorfgemeinschaft als passionierter Waidmann verehrt, erlag einem tragischen Unfall. Laut Polizeibericht löste sich unter äußerst misslichen Umständen ein tödlicher Schuss aus seiner Langwaffe, während er nachts im Hochstuhl Beobachtungen durchführte, die der Zählung des Wildbestandes zugute kommen sollten. Am Begräbnistag goss es wie aus Kübeln. Nichtsdestotrotz folgte, dem aufwendig mit Blumengestecken verzierten Sarg, der unter den stolzen Klängen der Jägerkapelle zu Grabe getragen wurde, ein beachtlicher Tross.

Keiner im Dorf ließ es sich nehmen, diesem guten Mann die letzte Ehre zu erweisen. Der Pfarrer gab die emotionalsten Worte zum Besten, die seiner Rolle angemessen waren. Am offenen Grab sank Witwe Rosi, die altersschwache Mutter, gebeutelt unter der Last, die der liebe Herrgott ihr als Prüfung auftrug, lauthals schluchzend auf die Knie. Der einziger Sohn hatte ihr leider keine Enkel
hinterlassen, um sie zu stützen, trat Carmen geistesgegenwärtig aus der peinlich berührten Menge.

Anschließend an die trostlose Zeremonie sammelten sich die Trauergäste beim
Wirten, um dem Verstorbenen durch ihre Erzählungen und Anektoden zu huldigen. Harald nutze die Gunst der Stunde, um der geballten Menge potenzieller Kunden die unverzichtbare Begräbniskosten-Versicherung schmackhaft zu machen. Keinesfalls darf man den Hinterbliebenen zur Last fallen. Josef hat sich, im Nachhinein betrachtet, am Abschluss so einer gütlich getan.

Nicht auszumalen, seine Mutter müsste sich zu diesem Zeitpunkt noch mit finanziellen Sorgen herumschlagen. Die Tatsache, dass der Vertragsabschluss zeitnahe zum Unfalldatum erfolgte, blieb Teil von Haralds alleiniger Erinnerung an den viel zu früh Gegangenen. Und das, was bei diesem Termin außerdem passierte, erst recht.

Ausgestattet mit einer Fülle rentabler Formulare, hatte er alle erforderlichen Unterschriften eingeholt um sämtliche Bausparer aufzulösen, bestehende Lebensversicherungen zu liquidieren und den stattlichen Gesamterlös in einen einzigen Vertrag zu bündeln. Dessen Begünstigter, überraschender
Weise, Josefs unbekannter Cousin mit einem kranken Kind gewesen ist.

Nichts ahnend wollend, von der schicksalhaften Wende und verzaubert von dem reizvollen finanziellen Überschuss, der nächsten Monat seinen Kontostand weiter aufwärts klettern lassen würde, hatte Harald alle Fragen ausgespart, die moralische Bedenken mit sich gebracht hätten.

Carmen konnte dem Gasthausszenario nichts abgewinnen. Weil sie Rosi im Anschluss der Beisetzung zum renovierungsbedürftigen Gehöft begleitet hat, ist sie erst später zur Runde gestoßen. Ihrem Naturell widersprüchlich, verfolgte sie die Gespräche kommentarlos und wirkte in sich gekehrt.

Als der Sohn des Hauses den Gastraum betrat, bat sie Harald, mit ihr gemeinsam aufzubrechen. Sie war müde und hatte Kopfschmerzen. Harald hatte bereits
einen Schwung Visitenkarten verteilt, angeheizt von der alkoholinjizierten Triebhaftigkeit, kam er ihrer Bitte nach und er brachte sie in seinem fabriksneuen, weiß strahlenden Audi nach Hause. Zusätzlich zur Tatsache, dass sie sein neu erworbenes PS-Wunder ignorierte, gab sie ihm, angekommen in privaten Gefilden, nicht die kleinste Gelegenheit mit ihr intim zu werden. Carmens Bedürfnis, lieber zu reden, empfand er als Provokation.

Sie erzählte von boshaftem Dorftratsch, erwähnte wichtigtuerische Prahlereien ausgehend vom Sprössling der Wirtsfamilie. Sprach von diskreditierenden Bildern, zufällig aufgenommen von der örtlichen Wildkamera. Sie präsentierte ein Sammelsurium gesammelten Hausfrauengemunkels, dass hinter verschlossenen Türen während der Haarwäsche preisgegeben wurde. Die Quintessenz ihres unwillkommenen Redeschwalls war das vermeintliche Wissen, dass Josef die Waffe absichtlich gegen sich gerichtet habe, gepeinigt
von Höllenqualen, als Homosexueller bloßgestellt zu werden.

Harald hatte genug. Er nutze ihre Schwäche, stellte sie als pietätslos und zusätzlich noch sensationssüchtig dar, zornig verließ er den Ort unerfüllter Befriedigung.


Der unleidlichen Gedankengänge eines fast schlechtem Gewissen nachgehend, verpasst er den ungraziösen Sturz von Jessie. Der Bus hat den Flughafen erreicht. Schwankend schafft sie es dann doch, sich in die Reihe der Top-Türklinkenputzer einzuordnen. Um ihr ein sicheres Aussteigen zu gewähren, legt Harald fürsorglich seinen Arm um ihre Hüften.
Rechtschutz-Freddy hilft von der anderen Seite mit. Genervt von der Aufdringlichkeit der Konkurrenz nimmt Harald vorm Check-in sicherheitshalber eine Reisetablette mehr als empfohlen, um zusätzlich zur Flugangst auch seine latente Eifersucht in den Griff zu bekommen.

Den anschließenden Flug nimmt er maximal schematisch wahr. Auch die
großzügig konsumierten Bloody Marys schaffen es nicht, ihn aus den lähmenden Fängen des zuverlässig wirkenden Medikaments zu befreien.

Die Kombination macht aus ihm einen peinlich wirkenden alten Mann, der mit wachsender Paranoia beobachten muss, wie seine Jessie, vom Rechtschutz-Freddy mehr als freundschaftlich geküsst wird.

Im Hotel angekommen schafft er es schon beim zweiten Versuch, sich in sein Bett zu legen.
Reumütig und von der heutigen Jugend enttäuscht wählt er Carmens Nummer.

Als sie abhebt, wünscht er sich, er hätte es doch nicht getan.
Mit tränenerstickter Stimme schildert sie ihm die Vorfälle ihres heutigen Arbeitstages. Als sie zum vereinbarten Dauerwellentermin vor Rosis geschlossener Haustür stand und auf ihr energisches Klopfen keine Reaktion im Haus erfolgte, hat sie sich in ihrer Naivität über die Hintertüre Zugang zur Küche des alten Gebäudes verschafft.

Dort fand sie Rosi leblos am Küchentisch zusammengesackt vor. Der von Carmen sofort herbeigerufene Notarzt konnte nur noch Rosis Tod feststellen.

Die arme Seele hatte wohl bei der Durchsicht ihrer Post einen Herzinfarkt erlitten, den Brief der Versicherung, in dem die Ablehnung der geforderten Auszahlung begründet wurde, hielt sie noch in ihren dünnen Händen.

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