Nicht nur heute habe ich kein Foto für dich – mein smartphonebefreites Leben

Ich bin clean. Seit ziemlich genau einem Jahr genieße ich das Leben wieder ungefiltert.

Ich wette, ich weiß was ihr jetzt denkt.

Und nein, ich bin weder paranoid noch eine „Ökotussi“.

Vor etwas länger als vor einem Jahr, hatte ich die Chance, eine Million Euro zu gewinnen. Und das in Real-Life. Im Vorfeld durchlief ich einen kaum enden wollenden Casting-Prozess und wie erwartet fiel die immer wieder kommende Frage: „Was ist ihr größter Wunsch im Leben?“

Meine Antwort auf die Frage lautet: „Zeit.“.

Ich bin kein Kapitalist. Ich steh auf Minimalismus. Und muss leider trotzdem Rechnungen zahlen.

Ich war zu diesem Zeitpunkt beruflich ziemlich eingeteilt, zudem nicht einmal erfolgreich. Und das tat mir nicht gut. Der Schrei nach mehr Zeit mit meinen Kindern und meinem Partner wurde immer lauter, aber meine Möglichkeiten etwas zu ändern, blieben beschränkt.

Ich mag kein Glücksspiel. Aber ich steh auf Gewinnspiele. Tschüss Lotto, hallo Quizshow. Um mich so gut wie möglich vorzubereiten abonnierte ich am Smartphone jede mir bekannte Tageszeitung, Klatschpresse und Sportrevue und scrollte mich up-to-date. Jede freie Minute nutze ich, um mir unnützes Wissen ins Gehirn zu wischen.

Die erhoffte Million stellte sich nicht ein, aber die Angewohnheit, die ganze Zeit auf mein Handy schauen zu müssen, blieb.

Es ist mit allen schlechten Angewohnheiten das Gleiche. Falls man das eigene Fehlverhalten registriert, stört es einen selbst kaum. Es ist meistens das Umfeld, das eine Beschwerde einlegt. In diesem Fall war es mein Partner.

Ich bin gut darin, unberechtigte Kritik nicht einmal zu ignorieren. Und noch besser bin ich, bei berechtigter Kritik zu bocken. In derartigen Situationen neige ich dazu, ein etwas lächerliches Verhalten an den Tag zu legen, indem ich mich in Übertreibung übe.

Und genau das machte ich auch beim Smartphone-Gate. Vielleicht war es Zufall, dass genau in dieser Zeit mein Display crashte und ich wegen des ausgebliebenen Gewinns noch immer pleite war. Die Reparaturkosten waren zu hoch, ein vertragsfreier Neukauf utopisch.

Ich ging also ins Geschäft und erwarb das billigste, ein ganz und gar Smartness- freies Handy, welches mir (nicht) angeboten wurde und legte meinen letzten Zwanziger auf den Tisch. Und siehe da, mein Wunsch ging in Erfüllung!

Ich hatte endlich Zeit.

Wer einmal zum Rauchen aufgehört hat, kennt das Phänomen. Die ersten Tage sind ungut. In gewissen Situationen, zum Beispiel beim ersten Kaffee, griff ich intuitiv zum Handy, zog meine Hand zurück und wusste irgendwie nicht, was ich sonst tun sollte. Das Gleiche fand in jeder Wartesituation statt und überhaupt immer. Es dauerte sicher eine Woche, bis sich mein Verhalten umstellte. Das fand ich ziemlich erschreckend.

Nebenbei stellte sich der schönste Nebeneffekt ein, den man sich vorstellen kann. Ich hatte auf einmal irrsinnig viel Zeit. So wie ein Raucher zur Zigarette, griff ich als Smartphone-User bei jeder Gelegenheit zum Handy, um gewissen Tagesabschnitten ein Ende zu verleihen. Das funktionierte in etwa so:

– „Oh, ich hab jetzt das Wohnzimmer gesaugt, ich setzt mich mal kurz hin und schau, was es neues gibt.“ minus 15 Minuten wertvolle Zeit.

-„Oh, schau wie schön der Sonnenuntergang ist!“ Fotografieren, eventuell nachbearbeiten, tollen Text ausdenken, posten: minus 10 Minuten wertvolle Zeit. Bei jedem Like und Kommentar aufs Handy schauen, zurückschreiben oder reliken: minus was-weiß-ich-wie viele-Minuten wertvolle Zeit.

-„Määäääädls, Foooto!“ Alle schauen blöd (ein Foto reicht niemals), mit Sicherheit nachbearbeiten, lustigen Text dazu erfinden, posten, alle markieren, bei jedem Like (von mehreren Freundeskreisen) nachschauen, noch mehr Kommentare beantworten….: minus ein schöner Abend, den wir Freundinnen gemeinsam verbringen wollten.

-„Schau wie lieb die Kinder in der Blumenwiese sitzen!“ Fotos machen, Fotos ansehen, Fotos auswählen, der Oma schicken, der Mutter schicken, den Geschwistern schicken: minus 10 Minuten Kindheit. Der Oma zurückschreiben, bei der Mutter abheben, das Foto kommentieren, das die Schwester zurückgeschickt hat: noch einmal minus 15 Minuten Unbeschwertheit.

Alles in allem geht durch diese fragwürdigen Aktivitäten, an einem Tag, eine Menge Zeit drauf. Die durchschnittliche tägliche aktive Nutzungsdauer in Österreich beträgt übrigens drei Stunden. Das sind in der Woche 21 Stunden! Wir verwischen knapp ein Siebentel unserer Lebenszeit. Ich lass das jetzt einfach mal so stehen und sacken.

Wie alle Ex-Süchtigen bin auch ich sensibel und betrachte die Dinge aus der Perspektive der Geläuterten. Ich sehe Dinge, die ihr vermutlich nicht wahrnehmt.

Im Sommer bin ich mit den Kindern fast jeden Tag am See. Ich sitze den ganzen Tag vorne beim Wasser und schau den Kindern beim Spielen zu. Neben mir sitzen andere Eltern, die im Grunde ihres Herzens, ihre Kinder im kühlen Nass beaufsichtigen wollen. Während die liebe Mutti neben mir eine Whatsapp-Nachricht beantwortet und gedankenversunken lächelt, klettert in zwei Meter Entfernung ihr dreijähriger Sohn, ohne Schwimmflügel (die liegen neben Mama) auf die kleine Wasserrutsche und gleitet ins Verderben. Mein Sohn steht zufällig daneben und fischt ihn raus. Mama textet. Vielleicht postet sie ein Foto ihres Sohnes beschriftet mit #underwaterlove. Ich glaube aber nicht. Sie hat von alledem nichts mitbekommen.

An kinderfreien Abenden treibe ich mich gern auf Konzerten rum. Letztes Jahr hatte ich die wunderbare Gelegenheit den gradiosen David Byrne in der atemberaubend historischen Kulisse am Piazza unita d´italia in Triest erleben zu dürfen. Während der legendäre Musiker, alleine mit seiner Gitarre, auf der Bühne stand und die unverkennbaren Chords von „Psycho Killer“ anschlug, zog am rot-violett verlaufenden Firmament ein apokalyptisches Wetterleuchten auf. In die aufgeheizte Menschenmenge flossen kalte Luftströme, der Himmel wurde von Strophe zu Strophe dunkler und unheilvoller.

Dieses Geschenk in Form von Stimmung, Bühne und Musik ist bei mir unwiderruflich, als unbeschreibliche Erinnerung ins Gehirn gebrannt. Ich danke Gott dafür, dass ich das live erleben durfte. Im Gegensatz zum Großteil der anderen Konzertbesucher. Diese waren zwar auch dort, haben sich aber die Performance durch die Displays ihrer Handys angesehen und wahrscheinlich nur einen Bruchteil dieses Spektakels miterlebt. Dafür haben sie jetzt ein Video, dass sie sich wohl nicht wirklich mehr ansehen.

Alle zwei Wochen müssen wir mit unserer Tochter zur Routinekontrolle ins Krankenhaus. Die Kärntner Kinderkrebshilfe hat auf dieser Station ein wunderschönes Aquarium aufstellen lassen, das von den Kindern, die dort oft längere Zeit nicht rauskommen, gern betrachtet und bewundert wird. Doch manchen ist der „Film“ der da drin läuft nicht spannend genug und sie probieren „weiter zu wischen“. Auch das lass ich einfach mal so stehen und sacken.

Ich selber habe mich nach einer Anlaufzeit an mein „Leben ohne“ gewöhnt, ich finde sogar ohne Google-Maps, mir unbekannte Orte, dank der noch existenten Straßenbeschilderung. Ich lese den Klatsch und Tratsch morgens am Laptop, wenn die Kinder noch schlafen, in dieser Zeit versäum ich sicher nichts. Ich schau mir Abends mal eine Doku an und schlaf dann ohne einer Strahlenbombe unter dem Kopfkissen ein. Ich lebe gut und gerne mit meiner „Marotte“.

Mein Umfeld sieht das anders.

Ich erfahre oft nur über Umwege, dass das Training meines Sohnes nächste Woche entfällt. Ich bin ja nicht in der Whatsapp-Gruppe. Ich muss mich fragen lassen, ob ich eine SMS, ohne einer für mich klar ersichtlichen Frage, überhaupt gelesen habe, weil ich keine Antwort darauf gebe. Manchmal wollen die Leute wissen, wie ich Fotos von meinen Kindern mache. Ich lese am Abend Nachrichten auf Facebook, in denen mich Leute fragen, warum ich nach drei Stunden noch immer nicht zurückgeschrieben habe. Jetzt wisst ihr es!

Ich möchte niemanden etwas vorschreiben und noch weniger für ein entschleunigtes Leben missionieren gehen, aber probiert es mal aus. Lasst mal einen Tag das Smartphone zuhause. Oder löscht einfach alle Apps, die nicht wirklich wichtig sind. Glaubt mir, am Ende des Tages habt ihr gewonnen. Und wenn es „nur“ drei Stunden sind.

3 Kommentare zu „Nicht nur heute habe ich kein Foto für dich – mein smartphonebefreites Leben

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