Mein Rat an euch: hört endlich mit euren Ratschlägen auf!

„Guter“ Rat ist teuer. Er kostet Nerven und im schlimmsten Fall Freundschaften.

Im Grunde meines Herzens bin ich ein höflicher, respektheuchelnder Mensch. Das ändere ich jetzt radikal. Ich habe die Nase gestrichen voll, von den gut gemeinten Ratschlägen.

Ihr kennt diese Leute, die auf jede ungestellte Frage eine ungewollte Antwort parat haben?

Als Elternteil werden wir mit praktischen Tipps und Erfahrungen bombardiert, die Besserwisser kommen oft aus dem Tal der Kinderlosen oder haben ihre aktiven Erziehungszeiten schon vor Jahrzehnten abgeschlossen. Vor diesen Zeitgenossen bin auch ich nicht gefeit, aber ich kann dem Ganzen noch einen draufsetzen, dazu komme ich aber später.

Jede Familie lebt in einem eigenen System, wir alle kennen unsere Kinder selbst am Besten und sind dahingehend bestrebt, ihnen die bestmöglichen Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, aber:

Kindern gehören klare Grenzen gezogen!

Was sich grundsätzlich gut anhört, scheitert an der Auffassung, wo diese Grenzen liegen. Ich entscheide selbst, wie weit ich meine Kinder gehen lasse und wann eindeutig der Punkt überschritten ist. Ich möchte, dass sich meine Kinder bei mir geliebt und geborgen fühlen. Und wenn eines meiner Süßen, oder vielleicht auch beide beschließen, dass sie eine nächtliche Wanderung von ihren Betten zu unserem unternehmen müssen, weil sie unsere Nähe suchen oder etwas Schlechtes geträumt haben, dann dürfen sie kommen. Immer und ausnahmslos. Oft genug gibt es Momente, in denen ich dabei keine Knie in meinem Kreuz verspüre und einfach nur den wunderbaren Duft der eigenen Kinder genieße, während die zwei eng aneinander gekuschelt vor sich hin träumen. Die Zeit vergeht so schnell und ihr Bedürfnis nach dem elterlichen Nest wird allzu schnell verschwinden.

Ein „Nein“ ist ein „Nein„!

Wenn es um Strom, Feuer, Gift oder anderen Katastrophenstoff geht, ist ein „Nein“ fraglos ein „Nein“. Weniger elementare Themen sind bei mir diskutabel. Während ich das Abendessen zubereite möchte das Kind mit Wasserfarben malen. Ich lehne ab. Einerseits, ist das Essen in zwanzig Minuten fertig, anderseits habe ich keinen Geist die Farben und das Wasser herzurichten und die Sauerei danach wieder wegzuputzen. Das Kind ist enttäuscht und frustriert, wo es doch so eine gute Idee hat. Es bricht mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich nachgebe. Letztendlich tut mir das Herrichten eigentlich nicht weh, die gefühlten langen zwanzig Minuten vergehen sinnvoll und mit ein paar Wischern ist der Tisch deckbereit. Mein Gott, das tut niemanden weh und ich bezweifle stark, dass ich damit gesetzlose Spießgesellen heran züchte. Ich fördere damit die Entwicklung sinnvoller Argumentationsfähigkeit.

Wenn das Kind schreit, musst du das einfach ignorieren!

Nein. Mein Fleisch und Blut ignoriere ich niemals. Ab jetzt ignoriere ich die anderen. Manchmal stell ich mir die Reaktion der „Guten-Ratgebern“ vor, wenn ich dieses schon so ausgekaute Gespräch einfach ignorieren würde. Ich tu, als ob der andere nicht da wäre und lasse ihn links liegen. Würde er dabei am Boden liegen, könnt ich mit einem Schritt über ihn rüber steigen.

Das sind alles allbekannte „Lieblingsthemen“. Aber heute warte ich euch das nächste Level, die ultimative Steigerung der pädagogischen Dominanz auf. Die selbsternannten Gesundheitsexperten.

Sie dürfen nicht auf alles hören, was Ärzte sagen!

Vor Kurzem führte ich mit einer Dame ein zufälliges Gespräch. Sie hatte über den Sommer in ihrem Hotel eine Stelle zu vergeben. Mit sehnsüchtiger Erwartung in meine Richtung nannte mir ein paar Eckpunkte, unter anderem die ausschließliche Bezahlung nach Kollektiv ohne persönlichen Trinkgeld. Ich erzählte ihr im Gegenzug, dass es im Moment Schwierigkeiten mit den Betreuungsmöglichen meiner Tochter gibt, weil sie wegen ihrer Krankenvorgeschichte leider nicht mehr MMR (Masern-Mups-Röteln) geimpft werden dürfe und das Risiko einer Ansteckung für sie wegen ihrem unterdrückten Immunssystem zu hoch wäre, als dass ich sie einfach so unter Kinder geben könne. Sie konterte mit irgendeiner Geschichte, dass ihre Schwester jemanden kennen würde, der wiederum jemanden kennt, der aus zuverlässiger Quelle weiß, dass das alles ein ausgefuchster Komplott der diabolischen Pharmaindustrie sei und ich bitte, um Himmelswillen NICHT auf die Ärzte hören soll. Auf die Frage, ob sie sich schon irgendwann einmal mit Immunsuppression, Organtransplantationen und virologische Gefahren beschäftigt hat, antwortete sie mir, das müsse sie nicht. Das läge doch auf der Hand. Ich hoffe, sie hat inzwischen jemanden für die Stelle gefunden.

Das Theater, dass Sie machen ist lächerlich!

Diesmal betrifft es zwar nicht uns, aber eine bekannte Familie, die ein Kind im Kindergartenalter haben und ein Neugeborenes. In unserem Bezirk, der wirklich nicht sehr groß ist, sind nun bestätigte Masernfälle aufgetreten, unter anderem erkrankte ein Neunjähriger. Die Mutter hat mittlerweile kein gutes Gefühl mehr, das geimpfte Kindergartenkind mit dem ungeimpften Neugeborenen abzuholen und betritt die Kindergartenräumlichkeiten nur noch, wenn das Baby einen Mundschutz trägt. Die Kindergärtnerin betrachtete sie beim ersten Mal mit erhobenen Augenbrauen und sagte ihr, dass das Theater jetzt schon lächerlich wird. Ich hätte sie gefragt ob sie vor ihrer Ausbildung zur Kindergartenpädagogin ein Medizinstudium absolviert hat und sie das Risiko einer Ansteckung bei einem Baby verantworten könne. Und was sie jetzt persönlich stört, wenn man Vorkehrungsmaßnahmen trifft.

Du musst der Kleinen rote Rüben kochen!

Dieser Fall ist zwar schon länger her, aber noch immer „schön“ zu erzählen. Nach der Lebertransplantation fing sich meine Tochter irgendwo den EP-Virus ein.

https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/epstein-barr-virus-von-harmlos-bis-folgenschwer-7238.php

Und als ob die ganze Transplantationsgeschichte noch nicht genug gewesen wäre, löste das Virus bei ihr eine PTLD aus.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lymphoproliferative_Erkrankung_nach_Transplantation

Die Erkrankung erfolgte fulminant, eines der Symptome äußert sich in einem schweren Mangel an roten Blutkörperchen. Unser Baby brauchte unter anderem einmal in der Woche eine Bluttransfusion um überleben zu können. Völlig übertrieben, laut der Ansicht eines Bekannten von mir, der sich intensivst mit Ernährung beschäftigt. Ich müsse der Kleinen einfach jeden Tag rote Rüben zum Essen geben. Das würde das Risiko, dass sie sich bei bei einer Blutkonserve mit irgendwas ansteckt auch eliminieren.

Liebe Besserwisser!

Bitte hört auf, Eltern die ganze Zeit zu sagen, was sie zu tun haben. Es sei denn, ihr werdet ausdrücklich um Rat gebeten. Wir tun sowieso nicht was ihr wollt und unbeliebt macht ihr euch auch.

Vielen Dank!

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