Liebe Mutter, am Sonntag wird es regnen. Es gibt Maroni-Suppe und sogar einen Biertisch.

-„Mit wem bin ich da, Mami?“ -„Das ist die Mami mit ihrer Mami!“

Liebe Mutter,

ich steh am Balkon, trinke einen Kaffee und schau dem Regen beim Fallen zu. Beobachte den verdammten Nebel. Langsam und unaufhaltsam kriecht er aus der Drau heraus. Bildet lange Ausläufer und umschließt die kleine Anhöhe, auf der wir wohnen. Aus der kaltnassen Umarmung bilden sich Schwaden, die wie dünne Finger in Richtung Haus greifen. Der Himmel sieht nicht verheißungsvoller aus. Die Wolken hängen tief und schwer, in einem kaum merkbaren Tempo quellen sie über die Berge und kommen um zu bleiben. Fast alles scheint grau und farblos. Nur die Wiesen stehen in diesem satten Grün, dessen Kontrast zur Umgebung das Gras grell und unwirklich wirken lässt. Es duftet nach nasser, dunkler Erde. Hinter dem Wald blöcken die Schafe mit ihren menschlich klingenden Stimmen, deine Enkelin jammert lautstark, sie will Chips essen. Ich verweise sie auf morgen, heute werde ich nicht mehr einkaufen gehen. Morgen ist Freitag. Obwohl es ungewöhnlich kalt ist, wird wir schlagartig siedend heiß. Ich brauche einen großen Tisch!

Es wäre nicht nur gelogen, sondern auch eine Beleidigung deiner Person, zu behaupten, dass ich dein Organisationstalent vererbt bekommen hätte. Ich bin gut im Sinnieren, katastrophal im Planen. Obwohl ich ohne Uhr und Wecker lebe, fehlt mir der zeitliche Bezug zu Tagen und Daten. Ich führe zwar einen Kalender, trage Termine aber oft im falschen Monat ein. Du kennst mich.

Unseren Tag hab ich mir natürlich gemerkt. In meinem Kopf habe ich ein delikates Menü erdacht, das die erlesenen Geschmäcker aller Gäste trifft und deren Marotten und Eigenheiten entgegenkommt. Vorgestern unterzog ich die Fenster einer Grundreinigung, heute prasselt der Regen waagrecht drauf, innen sieht man schon wieder Spuren klebriger Kinderfinger. Die Landfliegenplage hat ihr Übriges dazugeschissen.

Während ich so im Regen dahinstehe, stell ich mir vor, wie du mit akribischer Genauigkeit deinen kleinen Reisekoffer packst. Alles muss reinpassen. Du fliegst grundsätzlich nur mit Handgepäck. In den vielen Jahren, die du nun auf deiner Insel wohnst, hat sich für dich diese Vorgehensweise als die kostengünstigste und zeittechnisch effizienteste herauskristallisiert. Wenn du dann hier in deiner alten Heimat bist, kaufst du alles mögliche ein, weil es angeblich viele Dinge von uns in deiner Wahlheimat nicht gibt. Diese versendest du dann an dich selbst, weil du keinen Platz im Koffer hast.

Dass du genau zum Muttertag kommst ist ein bisschen Zufall. Deine jährliche Großkontrolle im Krankenhaus steh an. Du bist nicht nur zum Feiern hier.

Du und deine Enkelin haben wegen der großen Entfernung noch nicht viel Zeit miteinander verbracht, trotzdem ist euer Timing aufeinander abgestimmt. Als die Kleine endlich gesundheitlich über den Berg war, kam deine Diagnose und das Bangen fing von vorne an.

Ihr seid aus dem gleichen Holz geschnitzt. Zäh wie Leder, stur wie Böcke und unbesiegbare Kämpfernaturen. Und doch hat es viele Monate gebraucht, bis du dich von der Krankheit und den Therapien erholt hast.

Mittlerweile bist du wieder fast die Alte. Die Schottland-Omi, die meinen Sohn monatelang betreut und begleitet hat, während ich mit meiner Tochter im Krankenhaus war. Du bist mit ihm, bei dir zuhause jeden Tag die Schafe besuchen gewesen, hast mit ihm unermüdlich nach Insekten gegraben. Jede Stunde etwas zum Essen gerichtet, damit er endlich zunimmt. Mit ihm gemeinsam Kindersendungen geschaut, den Rasen gemäht. Fußballspiele zugesehen. Gemalt. Gespielt. Spaziert. Gelesen. Vögel beobachtet. Zaubertricks geübt. In die Stadt gefahren. Museen besucht. Du hast ihn jeden Abend neben dir einschlafen lassen und ihn ins Bett getragen. Und einen wesentlichen Teil zu dem beigetragen, was er heute ist. Ein schlauer kleiner Junge, der Naturwissenschaften liebt und jeden Tag fragt, wann du endlich wieder kommst.

Gestern hat er begonnen, sein Zimmer aufzuräumen und die Exponate aufgereiht, die er dir zeigen möchte. Für mich allerhand unappetitlicher Kram. Du wirst ihn verstehen.

Die Kleine freut sich auch auf dich, sie hat dich über die regelmäßigen Skype-Gespräche liebgewonnen und baut dich jeden Abend in ihr Einschlaf-Mantra ein. Nebenbei wartet sie sehnsüchtig sich auf den versprochenen Familienzuwachs ihres Kuschelfaultiers. Sie will ein pinkes Bild für die „Schlotter-Omi“ malen.

Während ich diese Zeilen an dich schreibe, hat sich meine Nachbarin bei mir gemeldet. Wir dürfen uns am Sonntag den Biertisch ausleihen, der zusammengeklappt im Keller steht. Morgen werde ich noch Essen,Geschirr, eine Fliegenklatsche und Servietten kaufen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag vorkochen und aufräumen.

Alle werden genug Platz und Teller haben, schlemmen und trinken. Die ganze Familie wird da sein. Es wird laut und lustig werden. Wir werden lachen und lästern. Die Uroma wird ihre Hörgeräte aus den Ohren tun müssen. Es wird ein Volksfest. Aber nicht nur wegen dem Biertisch! Es kann stürmen oder schneien. Das ist mir egal, weil ich mich schon so auf dich freue!

3 Kommentare zu „Liebe Mutter, am Sonntag wird es regnen. Es gibt Maroni-Suppe und sogar einen Biertisch.

  1. Danke für deinen so lieben, rührenden offenen Muttertagsbrief! Es war heute windig draussen, es muss wohl eine Brise ins Haus geweht  haben, denn meine Augen sind sehr empfindlich mit Wind und so trieb er  mir Tränen in die Augen. Oder war es doch der Brief?Das Foto versetzte mich ganz schnell zurück in diese Zeit und der blaue Pyjama war eine zeitlang deine zweite Haut. Du wolltest nur diesen und genau diesen anziehen und keinen anderen. Du sagtest immer “ der schlumpfblaue“ . Es verändert sich so viel im Leben , eine Mutter bleibt jedoch immer eine Mutter. Es ist egal, ob du 20 oder 90 bist. Etwas, was bleibt im Leben, Mutter sein.Ich freu mich auch schon sooooo auf meine Kinder, Enkelkinder und auf – meine Mutter! So wird der Biertisch aus dem Keller, gekrönt mit der Maronisuppe zum wichtigsten Medium auf Erden, wenigstens für einen Tag  – Muttertag.Amo macht eine Torte und wir freuen uns alle auf unser Zusammensein. Morgen muss ich noch einen Bluttest machen beim schottischen Doktor, brauch das für mein Check up in Wien.B.v.M.Sent from Samsung tablet.

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