Je heller die Nacht, desto dunkler der Morgen.

Den Soundtrack zum Beitrag gibt es hier: https://www.youtube.com/playlist?list=PLXNH6HviWkCl_eNWCiVZzG_m_keXRS1Lt

Helle Nacht

„She takes my mooooooooney when I’m in need…..!“

Es ist 20:22. Zu dieser Zeit herrscht in ordentlichen Haushalten Elternzeit. In den noch ordentlicheren Kinderzimmern ist es still. Bei uns trifft diese Beschreibung nur zur Hälfte zu. Meine Tochter schläft. Mein Sohn „arbeitet“ das auf, zu dem er tagsüber nicht gekommen ist und belauscht Kayne West beim lautstarken Rappen.

Bevor mein Lebensgefährte mir die obligatorische Frage stellt, warum das Kind noch immer wach sei, mach ich mich in Richtung Kinderzimmer auf, um den Feierabend einzuläuten. Ich weiß, dieser Weg wird nicht der letzte sein.

Bei Kindern in ordentlichen Haushalten wandern Sterne und Schafe über die Decke. Im Zimmer meines Großen herrscht allerdings eine andere Stimmung. Dem Rhythmus der Musik angepasst, jerken violett-blaue Lichter gespenstisch auf den Wänden hin und her. Mein Sohn zieht den ordinären Schlaflichtern eine riesige Plasmakugel vor. Um sein Bett zu erreichen, muss ich mich durch die Zettelflut am Boden kämpfen, mein Sohn zeichnet gerade Pläne für eine Solaranlage, mit der er seine Zeitmaschine betreiben möchte. Ich bitte ihn, die Musik auszuschalten und gebe ihn einen Gutenachtkuss. Weise ihn darauf hin, dass es schon spät sei und er morgen in den Kindergarten müsse. Ich decke ihn zu.

-„Mama, kann man in der Zukunft mit einer Solaranlage in der Zeit reisen“? -„Ich glaube nicht, Schatzi. Aber wer weiß. Du musst jetzt schlafen.“ -„Mama, was ist schneller als das Licht?“ -„Nichts, was wir bis jetzt kennen. Gute Nacht.“ -„Was ist über der Unendlichkeit, fließt da die Zeit?“ -„GUTE NACHT!“

Es ist 20:53. Entspannt liege ich auf der Couch. Wie aus dem Nichts steht mein Sohn vor mir und fragt nach einem Glas Wasser. Er weiß genau, dass ich mich um diese Uhrzeit nur noch ungern um Dinge kümmere, die leicht selbst zu erledigen sind. Ich bitte ihn, sich sein Wasser in der Küche allein zu holen und endlich ins Bett zu gehen. Zufrieden zieht er von dannen, die Geräusche die ich aus der Küche vernehme, passen nicht zum Wasserglas.

Es ist 21:04. Aus dem Zimmer meines Sohnes tönt lautes Klopfen. Mein Lebensgefährte fragt mich, warum der Große denn noch immer nicht schläft. Schön langsam reicht es mir, nicht mehr ganz so freundlich wie beim letzten Mal betrete ich den Ort der unendlichen Energie und will für Ruhe sorgen. Beim Überschreiten der unzähligen Zetteln trete ich in etwas Spitzes und schreie auf. Ein Stück Lötzinn steckt in meiner Fußsohle, ich bin stocksauer.

-„Warum liegen hier überall zerschnittene Drahtsücke herum und woher hast du die ganzen Batterien?!“ -„Aus der Küche. Ich brauch die, um mit dem Draht einen Elektromagneten für die Zeitmaschine zu bauen.“ -„Du legst dich augenblicklich ins Bett und räumst den Saustall morgen auf. Das garantiere ich dir!“ -„Ja, Mama. Bussi und Gute Nacht!“ -„Gute Nacht!“

Es ist 21:43. Abgesehen von leisem Rascheln habe ich nichts mehr gehört. Ich bin froh und habe zugleich ein schlechtes Gewissen. Darf man ein Kind so unfreundlich abfertigen? Heiligt der Zweck immer die Mittel? Mein Gedankenfluss wird jäh unterbrochen.

„Can’t do without
Can’t do without
Can’t do without
Can’t do without
Can’t do without..“

Die immer wiederkehrenden Zeilen von Caribou unterstreichen die ewige Wiederkunft des Gleichen, mit einer Süffisanz, die ihres gleichen sucht. Langsam, jedoch betont energisch humple ich wieder ins Kinderzimmer, wortlos stecke ich die Plasmakugel aus und schnapp mir die Toniebox, das Protestgeschrei lässt mich äußerlich kalt. Nach ungefähr weiteren zehn Minuten wird endlich geschlafen. Es ist 22:05.

Dunkler Morgen

5:45. Wach bin nur ich. Einzig das unaufhörliche Prasseln der Regentropfen füllt den friedlichen Raum der Stille. In den letzten Tagen habe ich mich an diesem Geräusch sattgehört, zum Kaschieren schalte ich das Radio ein. Mach mir einen Kaffee. Als ich den ersten Schluck des Lebenselixiers zu mir nehme höre ich das Trippeln kleiner Mädchenfüße. Meine Tochter ist wach. Gutgelaunt kommt sie zu mir, ich gebe ihr das morgendliche Medikament. Während sie auf ihr Frühstück wartet, schmiegt sie sich an meine Beine und lässt mich nicht mehr los. Zwei Morgenmenschen stehen gemeinsam in der Küche und haben einander lieb.

6:12. Ich geh duschen, sie frühstückt. Als ich zurückkomme, fällt der Vorhang zum weniger erfreulichen Akt des morgendlichen Theaters. Wieder steige ich über tonnenweise Altpapier, umgehe gewissenhaft die Drahtfallen und wecke meinen Sohn. Der Weg wird wieder nicht der letzte sein.

6:30. Wir Damen haben unser Frühstück beendet, mein Sohn hat noch immer nicht unsere Dimension erreicht. Ich reiße in seinem Zimmer die Fenster auf und lade ihn noch einmal ein, seinen Kakao, der auf ihn warte, warm zu genießen.

„A movement in the corner of the room
And there is nothing I can do
When I realize with fright
That the Spiderman is having me for dinner tonight…“

Während Robert Smith mein Lieblingslied von The Cure, in diesem wunderschön depressiven anzuhörenden Ton haucht, krallt mein Sohn spinnenartig aus dem Bett. Die dunklen Ringe unter seinen Augen passen perfekt zur Musik, seine Laune ist nicht besser als erwartet. In eine Decke eingewickelt, setzt er sich fröstelnd zum Tisch, verharrt dort bewegungslos, bis ich ihn bitte, endlich seinen Kakao zu trinken. Ich geh mich fönen.

6:50. Mit trockenen Haaren kehr ich aus dem Badezimmer zurück. Das Bild, das sich mir bietet, ist ein und dasselbe wie mit den nassen Haaren.

-„Schatzi, kannst du bitte aufhören Löcher in deinen Kakao zu starren und ihn einfach trinken?“ -„Schwarze Löcher. Ich starre schwarze Löcher in den Kakao.“

7:09. Irgendwie haben wir es gemeinschaftlich geschafft, den Kakao und das Frühstück in den Nachwuchswissenschaftler reinzubekommen, ich rüste mich geistig für die nächste Etappe, das Anziehen. Während sich die Dreijährige völlig eigenständig anzieht, befreie ich meinen Sohn aus seinem Daunenkokon. Bevor ich ins Bad gehe und meinem Gesicht Leben aufmale, schicke ich ihn in sein Zimmer, er möge sich bitte ankleiden.

7:20. Mit runderneuerten Gesicht komm ich aus dem Badezimmer, meine Tochter hat bereits ihre Jacke und die Schuhe an, ihren Rucksack hat sie bereits fahrbereit gefüllt. Mein Sohn sitzt im Pyjama am Boden und schaukelt stoisch vor sich hin. Wenigstens schafft er es seine Toniebox zu aktivieren.

„Miezekatze – Miezekatze…“

7:36. Zu den Klängen von Ogris Debris ziehe ich ihn wie ein Kleinkind eigenhändig an, trage ihn zum Waschbecken, putz ihm die Zähne, wasche sein Gesicht. Ohne dass er sich abtrocknet, verlässt er das Bad um sich wieder auf die selbe Stelle am Boden zu setzten. Mit dem Handtuch wedelnd treibe ich ihn an, wir müssen endlich fahren. Ohne Jacke und Rucksack, will er auf Socken das Haus verlassen. Ich laufe ihn mit diesen Kleinigkeiten im Stiegenhaus hinterher.

7:40. Obwohl sich das Einsteigen ins Auto schwierig gestaltet hat, weil mein Sohn in seiner Unausgeschlafenheit nicht einmal mehr weiß, welche Seite seine ist, befinden wir uns endlich auf den Weg Richtung Kindergarten.

7:50.

„I need you to get me nearer to you
So you can set me free
We talk about love, love, love
We talk about love
We talk about love, love, love
We talk about love“

Die rote Toniebox läuft. Meine Tochter freut sich über das fröhliche Diana-Ross-Gesäusel. -„Hör auf die Toniebox zu quälen!“ Der Freund der unbelebten Materie erträgt morgens keine Happy-Peppy-Musik. Die Stimmung im Auto lässt sich am Besten als „zerknirscht“ bezeichnen.

8:05

Endlich sind wir am Ziel angekommen, wir bringen den Sunnyboy in die Gruppe und trauen uns in seiner Abwesenheit wieder gutgelaunt zu sein.

Es liegt immer an den Eltern.

In diesem Fall an mir. Wenn ich meinen Sohn zu Mittag abhole, wird er seinen morgendliche schlechte Laune abgelegt haben und mit ihr seine autistischen Anwandlungen. Er wird am Nachmittag voller Freude mit seiner Schwester spielen und wenn ich koche darum bitten, fernsehen zu dürfen. Unter normalen Umständen würde ich ihm diesen Wunsch nicht abschlagen, aber diese Umstände veranlassen mich, eine Planänderung durchzuführen.

Die Fernsehzeit ist ab heute aufgehoben, aus ihr wird die Experimentierzeit. In dieser Stunde werden alle Mittel, die für Versuche und Zeitmaschinen notwendig sind von mir zur freien Verfügung gestellt, unter der Voraussetzung, dass sich keine Kleinteile mehr in meine Extremitäten bohren. Das heißt, dass danach zumindest der Boden aufgeräumt wird. Wir werden gemeinsam erarbeiten, wie ein Elektromagnet wirklich funktioniert und die Grundlagenforschung für Zeitreisen um Jahrzehnte vorantreiben. Ich werde meinem Sohn die Kleine vom Hals halten, wenn er seine Pläne am Boden ausbreiten muss. Insgeheim glaub ich, dass der perfekte Treibstoff für eine Zeitmaschine der unermüdliche Wille der Kinder gegen das Einschlafen ist. Aber das verrate ich ihm nicht. Wenn er erwachsen ist und selbst Kinder hat, wird es ihm wie Schuppen von den Augen fallen.

Im Gegenzug geht er um 19:00 ins Bett, nach der Gute-Nacht-Geschichte darf er noch bis 20:00 einem Hörspiel lauschen. Dann ist die Plasmakugel und der Ton aus. Im tiefsten Inneren weiß ich jetzt schon, dass das nicht funktioniert, aber deshalb alles beim Alten zu belassen wäre sicher der falsche Weg.

Stay tuned, ich halte euch am Laufenden.


2 Kommentare zu „Je heller die Nacht, desto dunkler der Morgen.

  1. Toll gemacht, diese Änderung des Tagesablaufes! Eine Änderung ist allemal besser, als wenn sich eine Sache verhärtet. Wenn ich eure Familiengeschichten lese, fühle ich mich zurück versetzt in meine eigene Zeit mit unseren Kindern. Es war nicht einfach! Und jetzt sind sie alle erwachsen und verantwortungsbewusste, liebevolle Menschen geworden.

    Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu Unsocial Life - ein fast normaler Familienblog Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.