Der 18. Mai, 2019

Ein bedeutungsvolles Datum. Ich wette, nicht nur ich werde mich lange an die Geschehnisse dieses Tages erinnern.

Es ist Samstag früh am Morgen. Wie immer bin ich die Erste, die den neuen Tag begrüßt. Während die Kaffeemaschine warm wird, zieh ich das Panzerrollo einen kleinen Spalt rauf. Nur so weit, um das Strahlen des jungen Tageslichts in die unaufgeräumte Küche schlüpfen zu lassen. Bedächtig überprüfe ich den Einblickwinkel vom Nachbarhaus, der vorbildlich überpflegte Garten beschämt mich in Anbetracht der sich stapelnden Teller und Töpfe vom Vortag.

Mir fehlt die Zeit abzuwaschen. Während ich in Eiltempo die Schlagzeilen des skandalösen Vorabendprogramms von gestern überfliege, stell ich mir die schon so oft gestellte Frage, ob sie wieder einmal damit durchkommen werden. Die Meinungen der Fachleute gehen allesamt in die gleiche Richtung. Es sieht nicht gut aus für unsere Freunde der balearischen Urlaubsdestinationen.

Ein Blick auf die Uhr bestätigt mir mein ungutes Gefühl, dass ich leider keine Zeit mehr habe, mir ins Fäustchen zu lachen, weil die Pflicht ruft. Samstag ist Arbeitstag.

Nach dem Duschen, suche ich seriös wirkende Kleidung aus dem Schrank, föne meine Mähne zu einer vertrauenserweckenden Damenfrisur, male mich meines Alters entsprechend an und wecke die Kinder.

Gerade rechtzeitig kommen wir zum parkgebührenfreien Übergabepunkt, an dem ich mein Auto stehen lasse. Meine Schwägerin wartet schon, wir setzten die Kinder in ihr Auto, fahren los. An der Kreuzung vor meiner Arbeitsstelle verlasse ich während einer Rotphase das Auto, schmeiße meinen zwei Kleinen noch von weiten Küsse zu und eile das letzte Stück zum Hintereingang des Geschäftes zu Fuß. In meiner Gedankenversunkenheit verpasse ich die Türe und will den Aufenthaltsraum des nächsten Shops im Einkaufscenter betreten. Nach kurzem Zaudern lege ich eine Kehrwende hin und werde an meinem geplanten Ziel, wegen meines Umweges von den aufmerksamen Kollegen ausgelacht.

Der Vormittag verläuft auffällig unauffällig. Jeder, der Verkaufserfahrung hat, weiß dass die Wochenendkunden, der Wartezeit zum Trotz, keine Zeit zum Warten haben. Heute ist es anders. Im gesamten Einkaufszentrum gähnt die Leere. Österreich sitzt vor dem Fernseher und wartet angespannt auf News.

Meine Mittagspause verschiebt sich eine Stunde nach hinten. Der Lehrling kommt von ihr schon wieder zurück. Ich frage nach den Neuigkeiten.

Er ist zurückgetreten.“

Dieser Satz wirkt stärker als jedes Lösungsmittel. Ganze Gesteinsbrocken lockern sich und fallen von meinem Herzen. Kann es wirklich sein, dass wir noch einmal mit einem „blauen“ Auge davonkommen? Für mich persönlich waren die letzten 17 Monate eine bittere Melange aus Ärger und Zukunftsängsten. Abgesehen von dem scharfen Wind, der die schon blauangelaufene Nase unseres Sozialstaates immer mehr zum Rinnen gebracht hat, machte mir in erster Linie das menschenunwürdige Vorgehen große Sorgen. Betroffen davon waren vor allem die Segmente der Bevölkerung, die es leider schon schwierig genug haben. Menschen mit geringen Einkommen, Menschen mit Handicaps (ohne Platzreife), Menschen die in einer neuen Welt Fuß fassen probieren, weil ihre eigene im Feuer steht. Die, deren Stimmen von Natur aus leise klingen.

Der Platz, den die Sorgengebirge in mir freigeben haben, will gefüllt werden. Ich bin hungrig wie schon lange nicht mehr. Ich blicke auf die Uhr, das Kassentelefon läutet. Die Filialleitung ist dran. Ich möge bitte ins Büro kommen. Bevor ich auf Pause gehe. Warum, sage sie mir wenn ich hinten wäre.

Der Blick mit dem ich begrüßt werde, sagt mehr als tausend Worte. Die Frage, ob bei mir alles in Ordnung sei und ob meine Tochter momentan gesund sei, bestätigt meinen Verdacht. Rechnet man zum Rücktritt den verpatzten Auftritt von Madonna am Abend mit ein, käme man fast auf die Idee, dass dieses Wochenende, karrieretechnisch nicht das Optimum für Sommergeborene darstellt. Meine gute Laune lässt sich davon nicht einmal um eine Nuance trüben.

Das Gespräch dauert nicht lange, es werden Stückzahlen offengelegt, Unternehmenspolitik erläutert. Über neue Diensträder philosophiert. Es läge nicht an mir. Das dürfe ich bitte auf keinen Fall persönlich nehmen. Es habe auch nichts mit meiner Leistung zu tun. Natürlich werden alle Kündigungsfristen eingehalten. Es wäre doch noch genug Zeit, dass ich zwischenzeitlich etwas neues fände.

Ehrlich reflektiert, überrascht mich die Kündigung in keinster Weise. Es gab genug Vorzeichen, die ich für mich selbst schon länger richtig gedeutet habe. Ich wusste, dass die Zahlen nicht die erforderliche Höhe erklommen haben um mir mehr Stunden einzubringen. Und auch, dass meine Chefin hoffte, mich wenigstens als Wochenendkraft weiter behalten zu können. Sie wusste im Gegenzug, dass ich mehr Stunden bräuchte. Weil sich, wegen des verbesserten Gesundheitszustandes meiner Tochter, die zusätzlichen finanziellen Leistungen ausschleichen und ich einen „richtigen“ Job suche.

Um so mehr überrascht mich das lieb gemeinte Angebot, den Dienst früher beenden zu dürfen, der heutige Tag müsse mir doch schon sehr auf den Magen schlagen. Jetzt wo sie das erwähnt, spüre ich es natürlich auch.

Ausgehungert und froh, dass ich den Rest des Wochenendes frei habe, eile ich zum Auto. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es vor den Fernseher, bevor es der kindliche Kaiser vor die Kamera schafft. Ich rufe meine Schwester an. Frage, was sie macht. Auch sie lümmelt schon stundenlang vor dem Fernseher herum. Ich rufe meine Mutter an. Frage, was sie macht. Sie lümmelte bis jetzt vor dem Fernseher herum, muss aber zum Zug. Ihre Fahrt zu meiner Schwester wird zwei Stunden dauern. Falls der Kanzler endlich die Bühne betritt, möge ich sie anrufen. Ich rufe meinen Lebensgefährten an. Teile mit, dass ich jetzt heimkomme. Warum will er wissen. Mir wurde gekündigt. Er fragt: „Was?“. Ich frage „Was hat der Strache gesagt?“. Er sagt, er komme auch gleich nach Hause, dann können wir die Aufzeichnung der Rede gemeinsam anschauen.

Zuhause angekommen reiße ich mir die Arbeitsmode vom Leib. Schalte den Livestream ein. Die versammelte Nation wartet auf ein Lebenszeichen vom Routenschließer. Alternativ schaue ich mir in der Zwischenzeit den verheulten Vize an, der mit schlecht überschminkten Gesicht bei seiner Frau (die bestimmt zusieht) um Absolution fleht. Der Absolut mit Red Bull habe ihn zum Macho gemacht. Eine besoffene G´schicht! Ein politisches Attentat war das alles. Der Böhmermann, der Arsch! Und das während seines Urlaubes. Fast könnte er einem leidtun. Wenn ich nicht wüsste wer er ist.

Man darf auch ruhig mal die Fehler bei sich selbst suchen.

Entgegen zum weinerlichen Korruptionsfetischisten bin ich keine Person des öffentlichen Interesses. Ich werde nicht einmal im Jahre 2022 als Dancing-Star-Protagonistin Richtung Sieg tanzen. Trotzdem bin ich klar im Vorteil. Von mir wurde keine Nation vor den Kopf gestoßen, mein Haussegen hängt fast kitschig gerade. Ich habe zwar den Nullpunkt erreicht, fühle mich jedoch merkwürdig befreit. Gegensätzlich zu den vielen Trotteln, werde ich nicht auf „Jetzt erst recht!“ machen. Ich kann neu anfangen. Endlich das machen, was ich will.

Seit eh und je verkaufe ich. Die Produkte variieren, die Vorgangsweise bleibt. Ohne Arschkriechen und Ohren zum fasrig kauen hinhalten, läuft bei mir das Geschäft nicht. Und wenn es Kunden gibt, die einem trotzdem „eine Wendeltreppe in die Wirbelsäule beißen“ wollen, muss ich sie guten Gewissens enttäuschen. Zu Dienstbeginn sperre ich mein Rückgrat zusammen mit meiner Handtasche in den Spind. Sicherheitshalber lass ich es auch über die Mittagspause drin.

Die Gedanken, wie ich einen neuen Job mit meiner Wochenendarbeit kombinieren werde, gehören der Vergangenheit an. Ich lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und fasse den Entschluss ein neues Kapitel einzuschlagen. Weg vom Verkauf. Rein in unbekannte Gewässer. In eiskalte Fluten springen. Nicht nur den Beruf wechseln, eine Berufung finden. Ich habe mehr Talente als vor Kunden zu knien. Wir leben wieder im Land der begrenzten Unmöglichkeiten. Wenn einer weint, lachen die anderen. Zu Recht.

Man muss nicht immer nur das Opfer sein

Meine Schwester ruft mich an. Ob ich das mitbekommen hätte, der Basti kommt erst später. Obwohl sie den ganzen Tag auf ihn warten musste, freut sie sich auf ihn. Bis dahin wird unsere Mutter auch schon bei ihr angekommen sein. Ich muss ihr leider die Spannung nehmen und teile ihr mit, es würde Neuwahlen geben. Das habe ich auf dem Schmierblattsender von „Österreich“ gesehen. Trotz, des von sich stark überzeugten alten Witzboldes, der die Live-Geschehnisse wie ein Frühstückssendungsmoderator kommentiert, bin ich beim Zappen bei dieser fragwürdigen Quelle hängen geblieben. Die Bilder vom Ballhausplatz sind zu schön um weiter zu schalten. Statt ein paar Kilometer vor Bleiburg wäre ich im Moment viel lieber in Wien.

Nachdem eh schon klar ist was kommt, ist die Luft leider raus. Ich geh abwaschen, räum ein bisschen rum. Und kann es trotzdem nicht lassen. Die Rendi Wagner übernimmt die Pausenmoderation, jammert mit dramatisch aufgerissenen Rehaugen herum, dass alle warten müssen und der Kurz die Hauptverantwortung trägt. Keiner habe sie angerufen. Im Grunde hat sie ja recht, aber dieses Dauerpetzen macht sie nicht sympathisch. Es beschleicht mich das ungute Gefühl, dass die einzig ernstzunehmende Opposition „Böhmermann“ heißt.

Um 19.45 und ein paar Minuten dazu werden wir endlich erlöst. Ja es gibt Neuwahlen. Und ich weiß jetzt, warum wir so lange warten mussten.

Der Kanzler hat seine Wirbelsäule noch nicht aus dem Spind geholt

Das Verfassen der Rede des Nochkanzlers war eindeutig zeitaufwendig. Gut Ding braucht Weile! Es ist ergreifend. Er lobt. Er zeigt seine großmütige Seite. Was er nicht alles ertragen musste. Für unser Land. Die Anschuldigungen seiner Person sind absolute Nebensache. Der einzige Weg, sein Werk zu vollenden und mit ihm gemeinsam in den Himmel zu fahren ist, der ÖVP bei den Neuwahlen die absolute Mehrheit zu beschaffen. Dann sind wir alle gerettet. Vor Liederbüchern und Stillstand.

Ich telefoniere wieder mit meiner Schwester. Wir stellen fest, dass die Rede grandios war, allerdings hat der vorgezogene Wahlkampf die manipulativ erschlichenen Pluspunkte wieder zunichte gemacht. Im Hintergrund höre ich meine Mutter schreien, dass nach dem Strache jeder sympathisch wirkt. Das mag schon sein. Am heutigen Tag ist die Konkurrenz wirklich nicht groß.

Zwischen Kanzler und ESC erklingen die einzigen geraden Töne des Tages

Bevor der anstrengende Teil des Tages beginnt und dem Ohrenkrebs nahrhaftes Futter, in Form von übertrieben dramatisch geträllerten Chansons gereicht wird, meldet sich einer zu Wort, der mich endlich persönlich anspricht.

„Österreich ist nicht so.“

Der wohl wichtigste Satz ist gefallen, es wurde gesagt, was gesagt werden musste.

Ich will mir das nicht länger ansehen

Der Tag kann kaum schräger werden. Wäre da nicht Madonna. Ich ertrage ihren Anblick nicht mehr. Meine Augen bluten und meine fasriggelaberten Ohren auch. Ich schalte aus, höre in die Stille.

Morgen ist ein neuer Tag. Ich starte einen Neubeginn. Und Österreich auch.

5 Kommentare zu „Der 18. Mai, 2019

  1. Aus Prinzip versuche ich die Nachrichten oder Zeitungsberichte auf ein Minimum zu reduzieren – die Beiträge, die dort zu finden sind, empfinde ich einfach als viel zu deprimierend. Diese Woche bin ich aus gegebenen Anlass aber doch regelmäßig vorm Fernseher gesessen und habe die neuesten Entwicklungen akribisch beobachtet. Und was soll ich sagen – die Nachrichten haben mich, glaub ich, noch nie so sehr unterhalten. Mit einer Aktion hat sich Blau selbst eliminiert. Herrlich!

    PS: Falls du deine Meinung änderst und 2022 doch dein Können bei Dancing Stars demonstrierst, ruf ich gerne für dich an 😉

    Gefällt 1 Person

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