Falling down


Soulfood.

Es gibt Tage, die in ihrer einmaligen Beschissenheit eine Erwähnung wert sind. Der heutige zählt ohne Frage zu deren Musterbeispielen. Schön ist daran nur, wenn man am Ende darüber lachen kann. Noch schöner wäre es, wenn es die Anderen auch könnten.

Um mich selbst fair verurteilen zu können, möchte ich eingangs erwähnen, dass dem Tag des Grauens die apokalyptischen Reiter des mütterlichen Nervenuntergangs voran geritten waren. Wie ihr bestimmt schon gemerkt habt, ich bin eine Schlechtwetterschreiberin. Und somit lässt es nicht wundern, dass es seit Tagen wie aus Kübeln schüttet. Um dem Ganzen noch einen draufzusetzen, ereilte mich völlig aus dem Hinterhalt eine ausgewachsene „Sommergrippe“, die mit starken Kopfschmerzen begann und ihre Krönung in Ohrenschmerzen, Halsschmerzen und Stirnstechen fand.

Wenn der Teufel Junge bekommt, dann gleich ein ganzes Nest voll

Der Montag verlief mehr schlecht als recht, ich hatte am Vormittag einen Amtstermin, den ich nicht verschieben konnte. Während ich auf meinen Termin wartete, spielte meine Tochter mit dem im Wartezimmer bereitgestellten Spielzeug. Während mich die Schüttelfrostattacken wellenartig durchschüttelten, beobachtete ich akribisch jeden töchterlichen Handgriff um „Spielzeug-zum-Mund-Führen“ in seinen Anfängen sofort zu unterbinden. Zwar habe ich länger nichts mehr von aufgetretenden Masernfällen gehört, trotzdem bin ich eine gelernte Patientenmutter.

Mittags kam eine Freundin, die mir mit den Kindern regelmäßig unter die Arme greift. Nach ihrem Eintreffen eilte ich mit entsetzlich dröhnendem Schädel Richtung Kindergarten um meinen Sohn abzuholen und einige notwendige Dinge des Lebens einzukaufen.

Mein Sohn freute sich, dass ihm beim Einkaufen die Einzelkindrolle zugute kam und begleitete mich gutgelaunt ins Geschäft. Während er fröhlich allerlei Ungesundes in den Einkaufswagen zu schummeln probierte, läutete mein Handy.

Ich bin ein Anti-Telefonmensch. Und ich weiß, dass unerwartete Anrufe zu ungewohnten Zeiten für gewöhnlich nichts Gutes verheißen. Auch diesmal wurde meine Theorie bestätigt. Meine Freundin war dran. Die Frage, ob ich gerade mit dem Auto unterwegs wäre, ließ Schlimmes ahnen. Ich verneinte prompt und fragte was passiert sei. Meine Tochter habe die Plasmakugel meines Sohnes zerstört. Erleichtert durch dieses unspektakuläre Unglück nahm ich meinen durch die Geschäftsgänge lärmenden Sohn beiseite und sagte ihm gleich im Voraus, dass er bitte nicht weinen soll und ich sofort eine Neue bestelle. Seine Plasmakugel sei kaputt. Binnen Sekunden füllten sich seine Augen mit Tränen, da ich aber so oft und eindringlichst wie möglich den Satz mit dem Bestellen wiederholte, bekam er doch noch die Kurve, bevor seine Augen übergingen.

Erstaunlich dramenfrei kamen wir in unserem Haus an und wurden von meiner Freundin und der Kleinen empfangen. Großmütig erwartete mein Sohn eine Entschuldigung, die Version die meine Tochter von sich gab, lässt sich maximal als schmalspurig beschreiben.

Unsere Tochter ist in der Entwicklungsphase angekommen, in der Lügen und falsche Schuldzuweisungen eine große Rolle spielen. Und dabei unterscheidet sie (noch) nicht zwischen kleinen Flunkereien und moralisch verwerflichen Lügenkonstrukten. Meine Freundin wollte sie vor unserem Eintreffen dazu bringen, sich bei ihrem Bruder zu entschuldigen. Sie lehnte diesen Vorschlag ab, um ihren Alternativplan durchzuziehen. Die Scherben gehören einfach gut verräumt und sollte der Geschädigte doch etwas merken, würde sie sich einfach vor ihm verstecken. Auf den Denkanstoß meiner Freundin, dass man sich doch bei ihr in so einem Falle auch entschuldige, erwiderte sie (wohlgemerkt ohne mit der Wimper zu zucken), dass Mama und Papa oft absichtlich Sachen im Zimmer ihres Bruders kaputt machen und sich nie entschuldigen. Wenn mich die Babysitterin nicht etwas kennen würde, hätte ein komisches Bild entstehen können. Als Reaktion stellten wir ihr gemeinschaftlich eine Strafe in Aussicht und ernteten die nächste Dreistigkeit. Die Kleine antwortete eiskalt: „Wenn die Mama mich bestraft, haut der Papa sie wenn er heim kommt.“ Nettes Familienbild, dass hier von der kleinen unschuldigen Hand unserer Tochter gezeichnet wurde.

Irgendwie schaffte ich es doch bis zum Eintreffen meines Lebensgefährten am Abend zu überleben. Bevor ich in einen komatösen Fieberschlaf fiel, bestellte ich noch schnell eine neue Plasmakugel zum günstigen Preis von 27 Euro und frechen 14 Euro Versandkosten mit einer voraussichtlichen Lieferzeit von sieben Tagen.

Rücksichtsnahme ist ein Fremdwort

Der darauf folgende Tag war hart. Mich hatte es richtig erwischt. Bevor ich meine zugeschwollenen Augen öffnen konnte, lag mir mein Sohn schon in den schmerzenden Ohren und im Bett neben mir, um laut und oft zu fragen, wann denn endlich die neue Plasmakugel hier wäre. Ich verbrachte den Tag leidend am Sofa, während beide gelangweilten Kinder unfolgsam und schreiend im Kreis liefen. Ich war nicht einmal fähig meinen Sohn in den Kindergarten zu fahren. Ab und an legten sie sich links und rechts neben mich, um in einem heftigen Streit abwechselnd „Meine Mama!“ „Nein! Meine Mama!“ zu skandieren. In Minuten der Stärke ging ich immer wieder eine Runde durch die Wohnung um die achtlos hingeworfenen Spielsachen einzusammeln. Umso schwächer ich wurde, desto stärker wurde der Revolutionsgeist meiner Tochter, mittlerweile hatte sich an ihrer Nasenwurzel einen Faltenteppich manifestiert, der den Leibhaftigen vor Neid blass aussehen lassen würde. Rücksichtnahme muss erlernt werden und meine Kinder haben bis jetzt nicht einmal die Vorschule des Fingerspitzengefühls betreten. Erst als meine Tochter verbotener Weise zum Trotz auf ein wackeliges Möbelstück kletterte und stürzte hatte der Spuk ein Ende und bald darauf kam mein Lebensgefährte heim.

Die einzige Chance zu genesen ist so schnell wie möglich wieder fit zu werden

Der Körper eine Mutter besitzt unglaubliche Regenerationsfähigkeit. Entgegen den geschwächten Tieren in der Wüste, die von den Geiern umkreist werden, raffen sie sich im letzten Moment auf und reisen das Ruder um.

Heute Morgen ging es mir viel besser. Ich weiß nicht, ob ich wirklich gesünder war, oder mein Körper mir diesen Zustand nur vortäuschte um meinen Geist zu schützen. Das Wetter scherte sich einen Dreck darum und ließ weiterhin Sturzbäche vom Himmel fallen. Ich war froh, dass ich meine Kinder wieder in Schach bekommen würde und wollte Vormittags aufbrechen um den Kühlschrank zu füllen und ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Meine zwei Süßen waren friedlich und genossen das gemeinsame Kuscheln im Elternbett vorm Fernseher, während der Regen unaufhörlich gegen die Fenster prasselte.

Falling down“ gibt es nicht nur im Film

Voller Tatendrang zog ich mich ins Badezimmer zurück um mich frisch zu machen und blickte in eine mit nassen Spielsachen vollgeräumte Badewanne. Die erste Szene eines Psychothrillers war im Kasten. Genervt kniete ich mich auf den Boden und während ich mit stechender Stirn den ganzen Plastikkram rausräumte, stellte ich mir immer wieder die Frage, warum das schon wieder ich machen musste. Die nächste Sequenz meines persönlichen Hausfrauendramas folgte in Form einer nicht verschlossenen Zahnpastatube. Es mag jetzt ein bisschen lächerlich klingen. Und das ist es auch. Aber nach drei Tagen Hausarrest unter verschärften Bedingungen darf man schon ein wenig sensibel werden.

Als ich dann auch noch merkte, dass kein Kaffee mehr im Haus war, läutete mein Handy. Schlechtes Omen. Mein Lebensgefährte wollte mir nur sagen, dass er von der letzten Erledigung, die ich ihm auftrug noch meine Bankomatkarte eingesteckt hatte.

Während ich keifend meine Bankomatkarte herbeirief, rief mein Sohn vom Bad aus, ich möge ihm bitte eine Rolle Klopapier bringen. Es gab keine Rolle mehr. Das Klopapier war auch noch aus. Die Taschentücher hatte ich restlos verschnäuzt.

Ich wusch meinem Sohn gezwungener Weise über dem Waschbecken, im Zimmer meiner Tochter war es auffällig leise. Als ich nachschaute, was dort vor sich ging, stand sie mit der Wachskreide in der Hand vor der vollgeschmierten Wand. Sie schaute mich abgebrüht an und sagte nur: „Das war der Papa!“.

Spätestens jetzt wollte ich nichts mehr, als dieses Irrenhaus verlassen. Ohne Bankomatkarte, Bargeld und leeren Tank eine gute, aber falsche Idee. Als mein Lebensgefährte um 12.30 schließlich völlig gestresst und abgehetzt eintrudelte, war bei mir kein Platz mehr für Liebenswürdigkeiten übrig. Ich fauchte ihn an, als wäre wirklich er derjenige gewesen, der die Wand vollgeschmiert hatte und er war so schnell wieder weg, wie er gekommen war.

Familie ist Liebe

Minuten später saßen meine Kinder und ich im Auto. Ich rief meine Schwägerin an und sagte, ich wäre auf dem Weg zu ihr. Sie sei eh zuhause. Unterwegs blieb ich bei einem Supermarkt stehen um den Kindern ein Pizzaweckerl zu kaufen und mir ein koffeinhaltiges Kaltgetränk. Das Geschäft war trotz der Wetterlage gedroschen voll. Als ich mich mit meinen drei Sachen an der Kassa einreihen wollte, schummelte sich eine älter Dame vor, deren Einkaufswagen bis zum Anschlag mit Katzenfutterdosen, Knabbersticks und weiteren animalischen Leckereien gefüllt war. Ich bat sie, mich vorzulassen, meine Kinder würden im Auto warten. Sie entgegnete, auf sie warteten auch eine Menge Lieblinge im Tierasyl.

Es ist ja nich so, dass ich mich normaler Weise nicht im Griff hätte. Aber das war einer der wenigen Augenblicke in meinem Leben, in dem ich das wortwörtliche Rot sah. Aber anders als in Hollywoodfilmen nickte ich einfach, wartete und zahlte meine drei Sachen still und leise.

Als ich bei meiner Schwägerin ankam, teilten sich die Kinder schlagartig im Haus auf. Gemeinsam mit ihren spielten sie friedlich und während ich meine Koffeinbombe exte, stieg mit dem Blutzucker auch mein Launebarometer.

Manchmal ist die einzige Medizin die man braucht eine andere verständnisvolle Mutter, mit gleich lauten Kindern wie die eigenen. Der Nachmittag war wie eine Therapie für mich, gutgelaunt fuhren wir am Abend heim. Bald darauf lagen die zwei Kleinen widerstandslos im Bett. Ich setzte mich hin und schrieb diesen Text. Freute mich, dass mein Sohn morgen für ein paar Tage zu Verwandten fahren würde. Genug Zeit zum Aufarbeiten der liegengebliebenen Sachen. Während ich in meinen Hausfrauenträumen schwelgte, kam mein Sohn zerknautscht aus seinem Zimmer. Er habe ganz furchtbare Ohrenschmerzen. Und regnen wird es morgen übrigens auch.

9 Kommentare zu „Falling down

  1. Oje, da hast du aber wirklich ein paar besonders herausfordernde Tage hinter dir! Ich hoffe, dass es dir jetzt wieder besser geht und dein Großer nicht auch noch krank wird.
    Alles Liebe, Simone
    PS: Vordrängeln geht ja mal gar nicht! Da würde ich zur Furie werden ..

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    1. Familienleben ungefiltert halt. Wenn der Große reisefähig ist, bis jetzt sieht es gut aus, mach ich heute einen Freudentanz im Regen. Allerdings fürchte ich, dass die Eskapaden der Kleinen auch nicht grundlos sind. Wenn sie nach mir kommt, wird sie zickig wenn sie was ausbrütet und die Zeichen deuten darauf hin. Aber vielleicht ist das einfach eine Phase. 😉 BIs bald ❤

      Gefällt 1 Person

  2. Oh jeh,oh jeh…Scheint, als hat der Teufel 14 Junge! Hoffentlich geht’s Marijan morgen wieder besser, sonst wird wohl nichts aus Bosnien.B.v.M. und dann mal Gute Nacht👹😁Sent from Samsung tablet.

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  3. Für dich ist die Situation sicher nicht zum Lachen. Ich gestehe, dass ich mir manchmal ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Das liegt an deiner Art zu schreiben. So lebendig und echt. Hätte dir gerne Unterstützung gegeben – bin aber zu weit weg.
    Euch allen gute Besserung.
    Herzlicher Gruß von Jane

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