Der Herr der Glühwürmchen und die Madame Junikäfer – Helden der Nacht

Die hohen Temperaturen zwingen uns, unsere freien Nachmittage träge und faul am See zu verbringen. Wenn die glühend heiße Sonne sich auf ihren Weg hinter die Berge macht, um den Sternen das wolkenlose Himmelszelt zu überlassen, beginnt das Leben neu zu erwachen. Wir nutzen den zeitlichen Spielraum, der uns dieser Tropen-Abend einräumt und machen mit den Kleinen eine unvergessliche „Nachtwanderung“.

Die Hitzewelle, die unser Land seit einigen Tagen überollt, befriedigt grundsätzlich jede meteorologischen Geschmacksknospe, die ein Sonnengourmet wie ich, auf der Zunge trägt. Während ich mir einerseits, die emotionalen Fleischwunden lecke, die der Dauerregen der letzten Wochen in mein zartbesaitetes Gemüt gespült hat, überfordert mich der schroffe Übergang in die wüstenartige Lebensweise trotz allem.

Weil ich einerseits nicht so viel Geld habe, wie ich eigentlich bräuchte, werde ich, um dem entgegen zu wirken, an den nächsten Wochenendabenden nicht soviel Zeit haben, wie ich gerne möchte. Deshalb wollen wir diesen Abend nutzen, um wertvolle und zugleich kostenfreie Sommererinnerungen zu schaffen.

Geschafft von der brütenden Hitze des Tages sitzen wir beim Abendessen und beobachten die lästigen Landfliegen. Angriffslustig summen sie im stickigen Wohnzimmer herum und wälzen sich in actionfilmreifen Kampfszenen, zusammengeknäult über die Tischplatte. Die Kinder tun es ihnen gleich und kriegen sich wegen jedem Wort in die Haare. Die Gemüter sind erhitzt. Im Normalfall wäre nun der Zeitpunkt fürs Zähneputzen gekommen und während ein laues Lüftlein durch die weit aufgerissen Fenster in die Wohnung sickert, würden sich die Kinder irgendwann einmal in einen unruhigen, verschwitzten Schlaf verlieren.

Heute ist es anders.

Wir machen dann eine Nachtwanderung!“

Aufgeregt schwärmen die Kleinen aus, um in den chaotischen Schubladen der Kinderzimmer, nach funktionierenden Taschenlampen zu suchen. Sie tragen allerhand wertvolle Ausrüstung zusammen, die sie auf ihren Trip in die Dunkelheit nutzen wollen.

Die Wartezeit bis zum ultimativen Sonnenuntergang vergeht zäh. Gemeinsam planen wir die abenteuerlichste Route. Durch den Wald muss es gehen. Und am Friedhof vorbei.

Als die Sonne endlich hinter den Bergen verschwindet und das glühendrote Lichtmeer, von kühlen Anthrazitfäden des Abends durchsponnen wird, beginnt von einer Minute auf die andere, eine starke Prise zu wehen. Der Wind durchpflügt die angrenzenden Wiesen, die Äste beugen sich unter seiner vehementen Kraft und geben uns wortlos das Zeichen zum Aufbruch.

Obwohl das schönste Schwarz der Nacht, noch ein wenig auf sich warten lässt, stehen wir im Garten und lauschen den ungewöhnlichen Geräuschen, die uns die Natur offenbart. Das rhythmische Zirpen der Grillen verschmilzt, mit dem Heulen einer Eule zu einer stimmungsschwangeren Nachtmusik.

Auf gehts!

Während wir unsere Tour in Richtung Wald steuern, fliegen uns, mit dem Wind, dicke Brummer um die Ohren. Wir wissen nicht, ob diese Insekten nun Mai,- oder Junikäfer sind. Um dem Monat gerecht zu werden, nennen wir sie Junikäfer.

Mit dem Eifer eines forschenden Pioniers, probiert der Junge die brummenden Tiere in seine mitgebrachte Insektenbox zu sperren. Während er fröhlich der Jagd nachgeht, landet einer dieser Sommermonatskäfer in meinem Haar. Ich muss ein wenig schreien. Meine Tochter beobachtet die Geschehnisse mit einem respektvollem Abstand und bemerkt: „Die Judokäfer können einen schon erschrecken. Das ist ziemlich entspannend!“.

Noch spannender wird es, als um uns vereinzelt Glühwürmchen erscheinen, die die Sommernacht tanzend feiern zu scheinen. Als wir das Baumportal durchschreiten, um in den Wald zu gelangen, betreten wir eine völlig andere Welt.

Gleich, als hätte sich das Firmament auf die Erde gelegt, erstrahlt am Weg ein Meer aus unnatürlich wirkenden Lichtpunkten, welche im erdigen Atem des Waldes pulsieren zu scheinen. Unsere Tochter ist zwischen Schaudern und Faszination hin-und hergerissen. Reflexartig ergreift sie Papas Hand. Es ist das erste Mal, in ihrer bewussten Existenz, dass sie Zeugin dieses Sommernachttraums wird.

Der Junge ist um einiges versierter im Umgang mit Leuchtkäfern. Souverän fängt er einen nach dem andern, um seinen Insektenkäfig zu füllen. Als er ein Glühwürmchen in der Hand hält, überwindet die Kleine ihre Furcht und fängt an, ihn beim Sammeln zu unterstützen. Gemeinsam wird die Box so zahlreich gefüllt, dass man im Dunkel ihre Umrisse durch das Leuchten deutlich erkennen kann.

Es raschelt im Gebüsch. Was könnte das bloß sein? Vielleicht ein Hase, der in seinen Bau zurückkehrt? Oder ein Fuchs, der einen Hasen sucht, der seinen Bau sucht? Die unbedachten elterlichen Worte, lösen bei der Kleinen Unbehagen aus, sie möchte das letzte Stück des Waldweges auf den Schultern von Papa getragen werden.

Als wir den Feldweg erreichen, bemerke ich eine schattenhafte Kreatur, die über den hellen Kiesweg huscht. Vielleicht war das eine Maus?

In Windeseile wird der Grenzstreifen vom Weg zur Wiese, mit den Taschenlampen abgesucht.

„Mama, das ist keine Maus! Da ist ein riesiger Frosch!“

Gemeinsam fangen sie das Reptil ein, es wird weitergereicht, betrachtet und erforscht. In einer unbedachten Sekunde, springt es der Kleinen aus der Hand und nimmt Reißaus.

Die Trauer über den Verlust des temporären Weggefährten hält nicht lange. Das letzte Highlight unserer Nachtwanderung steht kurz bevor. Der Friedhof.

Als wir das schmiedeeiserne Tor durchschreiten, wird mir bewusst, dass meine Vorstellung vom nichtendenden Kerzenmeer wohl durch meine Erinnerungen an die Stadt beflügelt wurden. Obwohl nur wenige Gräber im flackernden Kerzenschein zu sehen sind, stellt meine Tochter eine ziemlich schräge Frage:

„Was machen die ganzen Leute hier?“

Pause.

Bevor ich großartig über das Ganze nachdenken kann, übernimmt mein Sohn die Rolle des Erklärenden.

„Klara, das ist ganz einfach. Hier macht niemand mehr irgendwas. Das sind Gräber. Hier sind die Toten. Das ist so, als würden sie schlafen. Nur das keiner mehr da ist. Wenn man stirbt, dann geht aus dem Körper der Geist heraus. So entstehen dann Geister. Und manche werden zu Zombies!“

„Stopp! Es gibt keine Zombies!“

Meine Tochter glaubt mir nicht. Wenn ihr Bruder das sagt, dann wird es schon stimmen. Während sie auf den Schultern vom Papa darüber philosophiert, merke ich, dass sie immer wieder nach hinten kippt. Die weit voran geschrittene Uhrzeit, hinterlässt ihre Spuren.

„Schatzi, bitte nicht einschlafen! Nicht dass du am Ende runterfällst!“

„Ja Klara, hier darfst du wirklich nicht einschlafen. Wenn man am Friedhof schläft oder am Boden liegt, dann glauben die Menschen tatsächlich, dass es Zombies gibt und es bricht Chaos aus.“.

Das will meine Tochter dann doch nicht, sie hält noch tapfer durch, während wir das letzte Stück der kleinen Anhöhe hinter uns bringen, auf der unser Haus steht.

Als wir in unsere, ein wenig abgekühlte Wohnung zurückgekehrt sind, gibt es für alle noch eine Schüssel Cornflakes.

Die Kinder resümieren das Erlebte. Die Kleine hat zum ganzen Thema, eine gefestigte Meinung.

„Zombies sind Kacka. Und Lulu auch.“

Mein Sohn legt ein Veto ein.

„Zombies sind nicht Kacka. Die stinken deswegen, weil sie verfaultes Fleisch haben. So wie die toten Nacktschnecken in der Sonne!“

Nun wird es wirklich Zeit fürs Bett. Aus unerfindlichen Gründen wollen beide Kinder bei uns schlafen. Außerdem möchten sie nächste Woche zelten gehen.

Wir legen sie in unser Bett, innerhalb von Minuten sind beide eingeschlafen. Wovon sie wohl träumen werden? Wir hoffen von Glühwürmchen!

6 Kommentare zu „Der Herr der Glühwürmchen und die Madame Junikäfer – Helden der Nacht

  1. Die liebevollsten Geschichten schreibt das Leben in einer glücklichen Familie. In einer ganz normalen Familie. In einer Familie mit vielen und mit vielerlei Gefühlen.
    War mir ein Vergnügen, auf euren Nachtausflug mitzugehen!

    Gefällt 2 Personen

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