Reine Nervensache – oder das Ding mit dem „Zuspätkommen“


Während die meisten Menschen, mit denen ich etwas ausmache, noch gemütlich zu Hause sitzen und einen Kaffee trinken, bin ich schon längst am ausgemachten Treffpunkt und warte. Das liegt nur zum kleinen Teil an den notorischen „Zuspätkommern“, vielmehr ist der Grund mein chronisches „Zufrühkommen“. Ich hasse nichts mehr, als abgehetzt zu Terminen zu erscheinen und plane deshalb immer „ein wenig“ mehr Zeit ein. Doch diesmal habe ich eindeutig übers Ziel hinaus geschossen…

Meine Mutter ist vor vielen Jahren nach Schottland ausgewandert. Und so sehr ich mir oft wünsche, sie würde ein wenig näher bei uns leben, die Geschichte hat auch ihr Gutes.

Mein Sohn, der seine „Schottland-Omi“ abgöttisch liebt, fliegt zumindest in den Sommerferien meistens für einige Wochen zu ihr, was neben viel freier Zeit meinerseits, auch den Vorteil des englischen Spracherwerbs bringt. Weil Schottland nicht der nächste Weg für uns ist, haben die zwei auf diesem Wege genügend Zeit ihre Beziehung zu stärken und zu intensivieren.

Auch dieses Jahr hat er die Reise angetreten und ist gemeinsam mit den vier Kindern meines Bruders, die auch mit von der Partie sind, von Venedig abgeflogen. Die Älteste ist schon über zwanzig und ich danke ihr vielmals, dass sie die Nerven hat, neben ihren, teils noch kleinen Geschwistern, auch meinen Sohn unter ihre Fittiche zu nehmen und die ganze Horde, par avion, sicher zu meiner Mutter zu bringen. Respekt, liebe Leni!

Der Abflug ging planmäßig um 21:50. Von Venedig-Treviso. In meiner organisatorischen Dominanz, studierte ich noch am Vorabend akribischst die Reiseunterlagen. Rief wegen jeder Kleinigkeit meinen acht Jahre älteren Bruder an, um zu prüfen, ob er das und das erledigt hätte und er wohl wisse, dass wir zwei Stunden vor Abflug am richtigen Flughafen sein müssen. Venedig-Treviso. Und bitte keines Falls Venedig-Marco-Polo! Mit der Geduld eines vielfachen Vaters, ertrug er mein Herumgenerve und wir vereinbarten, dass wir uns zur Kindübergabe, rechtzeitig – am richtigen Flughafen – treffen würden. Wir fuhren aufgrund der Vielzahl an Kindern und wegen differenter Zeitansichten getrennt, mit zwei Autos, zum Flughafen.

Abflugzeit: 21:50. Zum Check-in musste man spätestens um 19:50 dort sein. Fahrzeit von uns nach Venedig: ungefähr 3,5 Stunden. Das hieß für mich, wir brechen spätestens um 8:00 (morgens) auf, falls irgendwo ein Stau ist, wir eine Autopanne haben, jemand erkrankt und alle fünf Kilometer brechen muss, oder Aliens spontan auf der Autobahn landen und der Verkehr umgeleitet werden muss. Notorische Zufrühkommer wissen genau um was es geht.

Ich bin ein Mensch der absurden Gegensätze. Trotz meines Terminfetischismus bin ich zu faul, Uhren umzustellen. Obwohl mich das Ding mit den zwei Flughäfen meinen Geist schon nächtelang vorher geiselt, weigere ich mich prinzipiell ein Navi zu benutzen. Vielleicht bin ich der letzte Mensch auf Erden, der kein Smartphone sein Eigen nennt.

Für was auch. Es gibt genug Routenplaner im Internet, die ich praktisch, von meinem Laptop zu Hause aus aufrufen kann, um lang im Vorhinein den besten Weg zu planen. So kann ich mich während der Fahrt in Seelenruhe auf den Verkehr konzentrieren und die Umgebung genießen.

Ich rief auch am Vorabend den ÖAMTC-Routenplaner auf, gab Ausgangspunkt und Ankunftsziel ein, um mit schwindender Begeisterung zu lesen, dass „keine Route“ gefunden wurde. Ich habe es ja gewusst! Verlassen kann man sich nur auf seine natürliche Orientierung und die gute, alte Straßenbeschilderung.

Am Abreisetag kamen – neben stundenlangen Verschlafen – noch eine Handvoll anderer Familienkleinigkeiten dazwischen und statt um 8:00, waren wir erst um 11:00 auf der Autobahn in Richtung Italien. Insgeheim habe ich mir so etwas schon gedacht und wenn wir ganz ehrlich sind, war das früh genug.

Trotz aller Baustellen an der Autobahn und Klopausen am Pannenstreifen, die mit kleinen Kindern immer einzuplanen sind, waren wir bereits um 15:00 in der Nähe von Jesolo und weil sogar ich mir sicher war, dass jetzt nichts mehr schief gehen konnte, beschlossen wir, die restlichen Stunden, die zum Abflugzeitpunkt übrig waren, am Meer zu verbringen und uns in die hohen Wogen, der an diesem Tage unruhiger Adria zu schmeißen und die letzten Stunden mit meinem Sohn badend und lachend am Strand zu genießen. Laut Straßenbeschilderung, betrug der Weg von Jesolo nach Treviso 28 Kilometer. Was kann da schon passieren.

Um 16:30 wurde ich trotzdem schon nervös, drängte eilig zum Aufbruch. Wir suchten auf der Flaniermeile vom Lido nach einem Lokal, das zu dieser Zeit schon geöffnet hatte, um die Kinder und uns abzufüttern. Nach 200 Metern Suche, lagen meine Nerven blank und ich zwang meine Familie in das einzig offene Restaurant in Sichtweite zu gehen, obgleich mir beim Anblick der großen Karte mit vielen Symbolbildern, durchaus bewusst war, dass dieses Dinner nicht der kulinarische Höhepunkt unseres Lebens werden würde.

Nachdem wir unsere, nach nichts schmeckende Tiefkühlpizza, runtergegessen hatten, wollten die Kinder unbedingt noch ein Eis. Ich schlug vor, wir könnten doch mal losfahren und am Flughafen noch ein leckeres Eis essen. Die Blicke meiner Familie sprachen Bände, mein Lebensgefährte ermahnte mich zur Ruhe und Gelassenheit. Es war erst 17:00.

Nach dem ewig herumgeschleckten Schlumpf-Eis, verluden wir die blaugefärbten Kinder ins Auto und fuhren in Richtung Treviso. Stolz wegen meiner akkuraten Zeitplanung, rief ich meinen Bruder an. Um ihm mitzuteilen, wir seien auf dem Weg. Beim zweiten Versuch hob er ab. Er könne jetzt nicht telefonieren. Er käme von Richtung Venedig. Seine Große wollte sich unbedingt die Stadt ansehen. Als Belohnung für ihr Opfer, die Flugkindergartenbetreuung zu übernehmen, musste er ihr den Wunsch erfüllen. Er sei jetzt Richtung Triest unterwegs. Und habe zum zweiten Mal die richtige Abfahrt versäumt. Überall seien Baustellen.

In meiner Panik, bekam ich einen Schweißausbruch. Mein, vom Meer erfrischter Körper, ging in Panikmodus über und mir wurde schwindelig und schlecht. Vor meinem geistigen Auge sah ich meinen Bruder und seine Kinder unendlich weit weg. Wir würden alleine am Flughafen herumstehen und vergeblich auf sie warten. Mein Sohn würde ohne seiner großen Cousine nicht fliegen können und in Tränen ausbrechen. Ich müsste meinen ganzen Sommer-Arbeitsplan umstellen und eine zusätzliche Betreuung für ihn suchen müssen. Dem Kindergarten erklären, warum er doch wieder bis Mitte Juli dort sein würde. Langsam aber sicher füllten sich meine Augen mit den Tränen des Kontrollverlustes.

Mein Lebensgefährte beruhigte mich. Sie würden das locker schaffen. Es wäre erst 18:15. Über eine Stunde Zeit!

Ich packte mich am Schopf, zog mich mühevoll aus dem zeitlosen Tal des Selbstmitleides und sagte meinem Lebensgefährten souverän den Weg an. Wer braucht schon ein Navi. Es ist eh immer alles angeschrieben.

Als wir an einem Kreisverkehr ankamen, stand ich im wahrsten Sinne des Wortes an. Die erste Ausfahrt rechts, war mit Treviso gekennzeichnet, gerade rüber verlief der Weg weiter nach Venedig (14 Kilomter) und „Aeroporto“ stand auch geschrieben.

Nach dem wir drei Runden im Kreis gefahren sind, weil ich mich nicht entscheiden konnte wohin und aus Gründen von Dummheit, Google-Maps am Handy meines Lebensgefährten auch nicht funktionierte, schmiss ich die Nerven wieder einmal komplett hin und schrie: „Fahr einfach in Richtung Aeroporto! Das wird ja wohl der richtige sein!“. Mein Lebensgefährte sagte, dass wird schon stimmen und wir fuhren ab.

Wieder rief ich meinen Bruder an. Mittlerweile hatte er die richtige Abfahrt genommen und stand im Stau. Ich blickte auf die Uhr. Bis zum Check-In waren auf einmal nur noch 40 Minuten Zeit. Als überzeugte Atheistin flehte ich Gott an, er möge den Stau zum Auflösen bringen und meinen Bruder nicht noch stundenlang mit der Parkplatzsuche beschäftigen. Wieder sah ich uns mutterseelenalleine am Flughafen stehen.

Endlich konnte ich von weiten den Flughafen sehen. Verdächtig viel Flugverkehr war in der Luft. Ich habe mir Venedig-Treviso weniger beflogen vorgestellt. Und wie immer lag ich mit meiner Intuition goldrichtig. Als wir mit dem Auto direkt vorm Flughafen vorfuhren, sah ich in großen Lettern die Bezeichnung „AEROPORTO MARCO POLO“ am Gebäude prangen. Wir waren zum scheiß-verdammten-falschen Flughafen gefahren. Und auf keinem einzigen verf*ckten Straßenschild stand vorher die genaue Bezeichnung des Aeroportos.

Panisch rief ich meine Bruder an. Seine Große hob ab. Sie parkten gerade ein und machten sich auf dem Weg zum Check-In. Warum ich so ein Theater mache. Es wäre noch genug Zeit. Ich konnte es nicht nachvollziehen, wie man in so einer Situation so gelassen sein konnte. Aber sie hatte ja auch die Nerven, die Verantwortung für ein Rudel Kinder zu übernehmen. Und war zudem schon am richtigen Flughafen.

Panisch googelte ich Nicht-Smartphone-Mensch die Fahrzeit zwischen den zwei Flughäfen. Wenigstens das funktionierte. Dafür brauchte das Handy keinen „Standort“ zu finden. Reine Fahrzeit ohne Stau: 30 Minuten. Nettozeit bis zum spätesten Check-In: 30 Minuten. Kein funktionierendes Navi. Schrei. Tränen. Verzweiflung.

Wir drehten am Stand um und fuhren zurück. In Richtung Treviso. Ich hatte panische Angst die richtige Abzweigung zu versäumen. Wir blieben bei einem Lokal stehen. Ich lief rein. Gestikulierte wild mit Händen und Füßen. „AEROPORTO TREVISO?“. Die Kellnerin konnte mir keine Auskunft geben. Holte ihre Chefin. Die Zeit lief. Nach unerträglichen zwei Minuten, bekam ich die Bestätigung, dass die Richtung stimme. Weiter gings. Nächster Stop – Distibutore di benzina! Die Tankstellen Mitarbeiterin erkannte meine Panik augenblicklich und zeigte mir, mit den anderen Tankstellenbesuchern den Weg mit Händen und Füßen und weiter ging es.

Unglaublicher Weise war jetzt der Flughafen auch endlich beschildert. Zeit bis zum spätesten Chek-In: 10 Minuten. Und jetzt waren wir auch im Stau, von dem mein Bruder vorher erzählt hatte. Schrei. Tränen. Verzweiflung.

Als wir endlich am Flughafen ankamen, waren wir 10 Minuten über die Zeit. Ich rief meinen Bruder an. Er hob nicht ab. Wir suchten nach einem Parkplatz. Der direkt vorm Flughafen war teuer. Aber, er war da. Und ich sah freie Plätze. Für 10 Euro all´ ora. Egal. Hauptsache, wir kriegen das noch irgendwie hin. Obwohl ich die Hoffnung längst aufgegeben hatte.

Als wir in die Check-In-Halle kamen, sah ich meinen Bruder von weiten. Wir zerrten die Kinder durch die angespannten, wartenden Menschenmengen. Völlig fertig und abgehetzt drängten wir uns vor, um zu den Kindern meines Bruders aufzuschließen. Ein Blick auf die Uhr in der Flughafenhalle, ließ uns Schuppen von den Augen regnen.

In meinem Stress und meiner Panikmache haben wir uns auf der Uhr vertan. Bis zum wirklichen Check-In waren noch 50 Minten Zeit übrig. Ich habe die ganze Familie so unter Druck gesetzt, dass wir nicht einmal mehr richtig die Uhr lesen konnten. Wir waren, „Gott sei dank“, viel zu früh.

6 Kommentare zu „Reine Nervensache – oder das Ding mit dem „Zuspätkommen“

  1. Zum Glück seid ihr doch noch pünktlich am Flughafen angekommen. Dein Großer wäre sonst sicher am Boden zerstört gewesen.
    Unsere An- und Abreisen sind normalerweise auch immer mit sehr viel Drama verbunden. Das gehört vielleicht einfach dazu. Hauptsache der Urlaub selbst ist schön 😉

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  2. Ich gratuliere dir zu deinem lebensgefaehrten. Ich hätte nicht die Nerven bewahrt wenn mein Mann das geliefert hätte 😂 echt nicht. Obwohl ich eine ruhige und relaxte Person bin und immer sage das wird alles schon klappen. Aber ich kenne das ebenso wie du wenn es schief läuft dann ordentlich. Dennoch Ende gut alles gut 😉 LG

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