Das Ding mit der Einschulung – oder das gesellschaftliche Event schlechthin, um ein Heidengeld zu verpulvern


Die Hundstage sind vorüber.

Die brachiale Hitzewelle, die diesen Sommer mit dem Prädikat „besonders faulseinswert“ ausgezeichnet hat, wird heuer nicht mehr wiederkommen. Mit dem Abzeichnen des stahlblau reingewaschenen Himmels, zieht eine kühl anmutende Prise durch unsere Schlafzimmer, mit ihr kehrt der Sauerstoff zurück in unsere Lungen, sie lässt uns nachts wieder schlafen und tagsüber wieder denken und handeln.

In den letzten Jahren durchsuchten wir um diese Jahreszeit das Internet, um ein Last-Minute-Angebot für ein Appartement in Strandnähe zu ergattern und genossen zumindest die ersten zwei Septemberwochen, an den beruhigten und abgekühlten Stränden der kroatischen Adria.

Dieses Jahr durchforste ich das Netz nach den letzten „Kleinigkeiten“, die meinem Sohn noch für einen reibungslosen Schulstart fehlen und statt Steine in die tosende Brandung gen Sonnenuntergang zu werfen, liegen unsere Kinder in den Betten um das zeitgerechte Einschlafen zu trainieren.

Mit anderen Worten: Wir sind voll im Rad. Zwar noch nicht unter dem Rad, aber schon voll drin. Mein Sohn sieht das Ganze mit seiner merkwürdigen infantilen Naivität und während er sich darauf freut, in der Schule endlich zu erfahren, wie Schwarze Löcher von innen aussehen, hält sich meine Freude noch in den Grenzen des uns bekannten Universums.

Der Schulstart eines Kindes stellt für Eltern eine Schnittstelle in den, bis dahin schmerzlos gelebten Jahren dar. Die Prinzessinnen und Prinzen verlassen ihren kindergärtlichen Hofstaat, um in der steinigen Wüste einer unbekannten Klassengemeinschaft zu landen, zudem wird ihre eigenständig zu erbringende Leistung beinhart nach dem Prinzip eines numerischen Notensytems beurteilt, das keinen Raum für Zweifel und Interpretationen übrig lässt.

Ich konnte für mich selbst heraus finden, dass hinter diesen unzähligen Gedanken zum Schulstart die Angst vorm eigenen Versagen steht.

„Wird mein Kind den Anforderungen der Lehrerin gerecht ?“

Hinter dieser Frage steht nicht einmal nur die Angst, das Kind könnte noch zu verspielt sein und die ganze Sache nicht sehr ernst nehmen. Es könnte beispielsweise schlecht vorbereitet die Schule besuchen.

Worst-Case-Szenarien: – die Qualität der Buntstifte wird nicht den Anforderungen der 1. Klasse Volksschule gerecht. – Die Kleber mit dem Namen an den Stiften lösen sich. —Ein unachtsamer Balg verwechseln sie mit seinen eigenen. – Mein Kind hat statt 12 nur 11 Stifte und das Kaminrot ist auch noch weg! -Wenn jetzt noch zusätzlich dauernd die Mine des Bleistifts abbricht und Galaxien das Deutsch-Heft zieren, könnte in den Augen der erfahrenen und strengen Lehrerin schnell das Bild entstehen, der eingeschulte Spross wäre seinen Eltern wenig wert und entspringt den Sümpfen der sozialen Täler und Ebenen.

Himmel sei Dank, ein namhafter Hersteller von Stiften und anderem Schulkram hat dieses große Problem erkannt und raffiniert Abhilfe geschafft. Und weil auch ich nicht gegen emotionalen Verwirrungen immun bin und mir nur das Beste für meinen Sohn wünsche, ist er bald Besitzer von „guten“ Schreib,- und Malutensilien, die nicht nur mit seinen Namen versehen sind, dieser wird sogar eingraviert! Fairer Weise muss ich dazu sagen, dass auf die „günstigen“ 76,39 € noch 15 € Rabatt erfolgten und die Rechnung somit „nur“ ungefähr 61 € ausmacht.

Als ich die Bestellung und Bezahlung erfolgreich abgeschlossen habe, sah ich sofort die nächste Werbung auf FB.

Bei einem Preisunterschied von ungefähr 56 € , für das fast gleiche Produktensemble des selben Herstellers, hätte ich beruhigt geklebt, statt gravieren lassen und auf den Titel „Dorfmutter 2019“ gerne verzichtet.

„Die Schultasche hat das Kind die nächsten vier Jahre tagtäglich am Rücken, das sollte einem schon etwas wert sein!“

Schultaschen gibt es wie Sand am Meer. Doch die schönen und praktikablen sind so leicht zu finden wie die Nadel im Heuhaufen.

Als Mutter von einem Jungen und einem Mädchen, kann ich folgendes Klischee mit gänzlich reinem Gewissen bestätigen:

Während Mädchen im Alter von zwei Jahren vorm Kleiderschrank herumzuzicken anfangen, ist Jungs das Äußere völlig egal. Und das wird wahrscheinlich auch der Grund sein, warum Mädchen verschiedendste Schultaschen zur Auswahl stehen und sich das Sortiment der Jungs auf Taschen beschränkt, die entweder Fußbälle oder die Wörter „Action“ und „Fight“ zur Schau stellen, oder ihre vollendete Hässlichkeit in der ikonisierten Darstellung eines roten Autos mit Gesicht finden.

Ich hatte das Glück, das mein Sohn auf Urlaub war, als ich den Taschenkauf anging und hatte somit Ruhe und Nerven um mich zu informieren und zu vergleichen.

Ich möchte kein falsches Bild von meinem Verhältnis zu den Kindern malen. Aber irgendwo ist dann auch Schluss. Mit Verlaub, ich bin nicht bereit, Unsummen für eine Schultasche auszugeben, die nach der Reihe, alle Werberegister bei uns Eltern zieht und uns damit das Gefühl gegeben wird, dass der Nichtkauf einer solchen, schwere Haltungsschäden und Wirbelsäulenprobleme mit sich bringe.

Mein Sohn bewegt sich den Großteil des Tages geistig durch Teleportationschleusen und Wurmlöcher oder sucht die Umwelt nach Hinweisen auf Gamma-Strahlung oder Diamanten ab. Diese selbstauferlegte Aufgabe kostet ihm seine ganze Aufmerksamkeit und weil Autos oder andere große Fahrzeuge, seine Sphäre, wenn überhaupt, nur oberflächlich tangieren, wird er, bis ein deutlicher Wandel seines Verhaltens erfolgt, sicher nicht alleine zu Fuß in die Schule gehen oder den Rückweg antreten. Somit bin ich großer Hoffnung, dass die 180 € Schultasche einen nicht allzu großen Schaden für die Zukunft anrichten wird, welche ich aber vor allem wegen des Designs gekauft habe. Ich bin halt eine Frau. Und meines Sohnes exquisiten Geschmack habe ich auch getroffen, was meiner Meinung, die Hauptsache ist.

„Ein Kind braucht einen ruhigen Ort, an dem es gut sitzt, sich konzentrieren kann und ausreichend Tageslicht zur Verfügung steht!“

Glaube ich sofort und kann ich für Kinder, die sich gerne in ihren Zimmern aufhalten, durchaus unterschreiben. Auf meinen Sohn trafen beide Beschreibungen bis jetzt nicht zu und deshalb haben wir ihm bis jetzt auch keinen Schreibtisch gekauft. Wenn er bastelt oder zeichnet, macht er das entweder am Esstisch oder irgendwo am Boden. Aber wie es halt so ist, pünktlich vor Schulbeginn fängt er an, es sich in seinem Zimmer häuslich einzurichten und ab und zu die Abstinenz von seiner kleinen Schwester zu genießen.

Also fassten wir den Beschluss, dass doch noch ein Schreibtisch besorgt gehöre.

Ich bin ein großer Fan vom großen schwedischen Möbelhaus. Und deshalb führte unser erster Weg natürlich dort hin. Und zu meinem Erstaunen fanden wir dort nichts Passendes. Kein Schreibtisch schaffte das unsrige und das Herz des Sohnes so hell zu erleuchten, dass er es wert gewesen wäre von und gekauft und mit nach Hause genommen zu werden. Also fuhren wir noch in alle andere Möbelhäuser. Und da kam ich dem nächsten Kult auf die Spur – dem elterlichen Schreibtischfetischismus.

Was für viele unter euch wahrscheinlich keine Neuigkeit darstellt, hat mir ein ganz neues Terrain des finanziellen Übermuts eröffnet: Schreibtische, die mit dem Kind mitwachsen, deren Platten bis 19° schwenkbar sind und auch sonst alle Merkmale einer Architektenbüroeinrichtung in sich vereinen. Gekrönt werden diese Glanzstücke von den dazugehörigen „Bürostühlen,-“ bzw. -hockern sowie Tageslichtschreibtischbeleuchtungen. Alles in allem könnte man dafür insgesamt um die 1400 € ausgeben, was mich wiederum dazu veranlasste, diese Teile gebraucht im Internet zu suchen.

Und wirklich, ich bin über ein paar wenige gestolpert, welche allerdings entweder relativ weit weg zum holen wären, oder deren Equipment, wie zum Beispiel das integrierte Lineal auf der Tischplatte, schon vergilbt war und für mich nicht einmal mehr ein ideeller Wert feststellbar war.

Nach stundenlangen Recherchen fand ich dann doch noch ein leistbares Modell, das die ungefähr gleichen Merkmale wie der Markentisch hatte und dessen Rezensionen nicht Schlimmes erahnen ließen. Zwar hat der Tisch keine Tageslichtbeleuchtung, aber wir werden durch eine gekonnte Platzwahl, die natürlichen Ressourcen des Kinderzimmerfensters nutzen. Ob der Kauf ein guter Griff war, werden wir trotzdem erst in ein paar Tagen feststellen können.

„Ich schau mir jetzt einmal an, wie andere Eltern das Ding schaukeln und orientiere mich danach.“

Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, schmökere ich gerne im Internet herum und lese ab und an gerne in Familienblogs.

Vielleicht sind es die Unterschiede, die mich dorthin ziehen. Oder das Erstaunen über die künstlich inszinierte Perfektion, die von diesen Seiten förmlich in ostereierfarbenen Buchstaben heruntertropfen zu scheint. Egal.

Auf jeden Fall habe ich festgestellt, dass es anscheinend üblich ist, Einschulungsparties zu feiern.

Wichtig ist vor allem, mit der Planungsphase früh genug zu beginnen, weil sich das die vielen Partygäste dann zeitlich besser einteilen können. Es ist ja nicht gesagt, dass am ersten Schultag jeder spontan Zeit hat. Zusätzlich zur prallgefüllten Schultüte bekommt das eingeschulte Kind dann auch noch andere Geschenke. Es zahlt sich aus, im Geschäft eine Wunschliste zu hinterlegen, wonach sich die Gäste, wie bei einer Hochzeit, orientieren können und sich somit Zeit und Überlegungen sparen können.

Und noch einmal möchte ich erwähnen, dass ich meine Kinder vom Herzen liebe und sie für mich das Wichtigste auf der Welt sind. Aber bei der Einschulungsparty steige ich abermals aus.

Letzten Schultag feiern, ja klar! Aber am ersten Schultag eine Einschulungsparty, mit Torte, Gästen, Geschenken und eigens gekauften Outfit? Ohne mich.

Es mag sein, dass ich vielleicht das eine oder andere Fettnäpfchen erwischt habe und sich noch so manch wunderliche Situation im Zusammenhang mit der Einschulung auftun wird, aber ich bemühe mich abzuwiegen und zu eruieren, was nun wirklich notwendig ist und was nicht. Und in dem ganzen Dschungel aus Ratschlägen, Werbungen und Listen werde ich das ungute Gefühl nicht los, dass hier ganz bewusst mit den Sorgen der Eltern gespielt wird, dass sie, ihr Kind oder die gewählte Ausstattung den Anforderungen nicht entsprächen und die „Anderen“ etwas negatives denken könnten.

Wie war euer Schulstart, was habt ihr euch angetan und alles besorgt? Oder seid ihr auch erst dran? Mit welchen Gedanken quält ihr euch herum? Erzählt mal, ich bin echt neugierig und wenn es nur von der Einschulungsparty ist 😉 !

4 Kommentare zu „Das Ding mit der Einschulung – oder das gesellschaftliche Event schlechthin, um ein Heidengeld zu verpulvern

  1. OH-MEIN-GOTT
    Ich hab auch viel Zeug gelauft für den Schulanfang, aber ich schwör dir, über das was du dir angetan hast wirst du spätestens dann hysterisch lachen, wenn der fünfte gravierte Stift nicht mehr auftaucht oder im Mitteilungsheft die Bastel-, Werk-, Unterrichtsmaterialkosten drinstehen, welche bitte dem Kind mitzugeben sind. 🙈 Ich war auch verzweifelt über die verlorenen Stifte, aber spätestens in der 2. Klasse fängt man an die „meine Kaminrot ist weg, ich brauche eine neue Kaminrot“-Meldungen des geöiebten Nachwuchses zu ignorieren und denkt sich insgeheim „verdammt du wirst auch ohne Kaminrot gut leben können, weil ich hab keinen Bock wegen eines einzelnen Stiftes ins Geschäft zu laufen“…Die Sorge um diverse Zeichnungen bzw. „Schultascheninnenlebendreck“ auf den Heften verschwindet auch mit der Zeit. (Meine durfte KEINE Einbände verwenden aber die Lehrer wussten, dass sie nicht in einem Kuhstall ihre Hausaufgaben macht, auch wenn die Hefte so aussahen)
    Die „I don’t care“ Einstellung kommt. Der Weg dorthin ist steinig und lang, aber sie kommt! 😃
    P.S.: Zur Schulabschlussparty wurden 5 Kinder zur Gartenparty eingeladen, Schulstartparty hab ich noch nie gehört

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich hab es mir schon fast gedacht, dass ich trotz meiner offenen Zurückhaltung übertreibe.
      Ich habe früher an Klavierwettbewerben teilgenommen. Für mich war das ein Nachmittagsprogramm ab von der Norm. Meine Mutter hat die Nächte vorher nicht schlafen können und ist vor Nervosität fast draufgegangen. JETZT kann ich das endlich nachvollziehen. Leider. Es beruhigt mich aber enorm, dass dir der Begriff „Schulstartparty“ bislang nichts gesagt hat. Ich wiederhole ab jetzt einfach jeden Tag hundertmal den Satz: „Es ist nicht das Astronautenausbildungsprogramm“ und hoffe, dass das Mantra bald zu wirken beginnt. 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. PPS: die tolle ergonomische Schultasche (die wir glücklicherweise auf einem Flohmarkt um wenig Geld nagelneu gekauft haben) ist in der 3. Klasse einem „cooleren“ Rucksack um 30 Euro gewichen

    Gefällt 2 Personen

  3. Ein sehr wahrer Artikel 🙂 In vielen Dingen bin ich recht entspannt, Noten gibt es zum Beispiel erst ab Klasse 2 und um meine Tochter mache ich mir sowieso eher keine Sorgen. Was das Aufstehen oder Schlafengehen angeht, kommen wir auch ganz gut zurecht, denn die Schule liegt gleich um die Ecke und es reicht, wenn unsere Mäuse halb 7 aufstehen. Das geht noch, finde ich. Die Einschulungsparty ist in Sachsen eine extrem große und wichtige Sache und wurde ausgiebig gefeiert – dafür reiste übrigens sogar die Verwandtschaft aus Bayern an^^ Ich wünsche euch viel Spaß in der Schule!
    Viele Grüße
    Nadine

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