„Haloo vas Kosted dize auto fur eksport?“ – das Ding mit dem Internet und dem Gebrauchtwagenverkauf

Wenn einer einen Gebrauchtwagenverkauf tut, so kann er was erzählen.

So oder so ähnlich sollte das Sprichwort in Wirklichkeit heißen. Denn von romantischen Reiseberichten und Fotos, die golddurchflutete Sonnenuntergänge im Hintergrund von schäumenden Brandungen zeigen, wimmelt es im Internet eh sowieso.

Interessant ist allerdings, wenn man die „Reise“, beziehungsweise den Weg bis zum wirtschaftlichen Exitus betrachtet, der seine Krönung im verzweifelten Verkaufsversuch eines völlig zerlemperten Autos findet.

Blöderweise ist es so, dass eine Arbeitsstelle, ein Auftrag oder eine Zusage für eine Zahlung noch lange kein Garant sind, am Anfang des Monats ein neu gedecktes Konto zu haben. Die Zahlungsmoral vieler Firmen, Auftraggeber und sogar öffentlicher Ämter ist mittlerweile leider unterirdisch und wenn sich so ein Dilemma über Monate zweigleisig durch die finanzielle Landschaft beider Familieneinkommen zieht, kann es schon einmal ziemlich knapp werden. Das Loyalitätsgebot ist anscheinend eine Einbahnstraße, die nur von Dienstnehmern beschritten werden soll.

Bevor dieser Beitrag in einem sozialistischen Manifest endet, fahre ich fort. Zumindest mit der Geschichte.

Dem absoluten Untergang konnte ich bis jetzt entgegensteuern, in dem ich wie in „Malcolm mittendrin“ Zahlungen verschoben und gesplittet habe. Es wurden nur noch die Lebensmittel eingekauft, die im Sonderangebot waren und unsere normalerweise sehr abwechslungsreiche Freizeitgestaltung großteils in den Wald verlegt, den wir ohne hohe Benzinkosten zu Fuß erreichen können. Dort haben wir sehr oft Pilze gesammelt, daraus Luxusmenüs gezaubert und uns unsere Bastelmaterialien auch gleich mitgenommen. Wir leben am Land, können uns den Herbst gut vertreiben. Aber ein Auto braucht man dort trotzdem. Ohne ist man komplett aufgeschmissen.

Vor einer Woche war es dann so weit. Als wir auf die Autobahn auffuhren, beschloss unser bis jetzt immer treues Familienauto, den Bremssattel spontan zum Eskalieren zu bringen, was ein Blockieren des Reifen zur Folge hatte und uns einen theoretischen Kostenvoranschlag von ungefähr 1600.- EURO bescherte.

Den idealen Zeitpunkt für ein kaputtes Auto, habe ich, bis jetzt, noch nicht herausgefunden. Dieses Mal ist er es auch schon wieder nicht.

Klischeehaft stimmten wir den Werkstattbesitzer geduldig, in dem wir ihm eine Kiste Bier seiner Wahl vorbei brachten. Er möge uns doch noch ein paar Tage das kaputte Auto dort stehen lassen, bis wir es verkauft haben.

Die Tatsache, dass wir sofort ein „neues“ Auto brauchten, für das wir uns in diesen Monat noch maximal 500 Euro aus dem Fleisch schneiden konnten und der liederliche Umstand, dass im schlechtesten Fall sogar noch Abschlepp,- und Entsorgungskosten für das alte Auto anfallen könnten, stimmten mich panisch.

Von den Tatsachen traumatisiert, erstellte ich das erste „Fahrzeug nicht fahrbereit“-Verkaufsinserat meines Lebens. Drückte den „Veröffentlichen“-Button und eröffnete damit das Tor mir unbekannter Welten.

Während ich mir noch den Satz durchlas, es könnten bis zur Veröffentlichung des Inserats 24 Stunden vergehen, klingelte auch schon mein Handy.

Dran war „Thomas“. „Thomas“ sprach gebrochenes Deutsch und war sehr höflich. Wollte viele Dinge wissen, die im Inserat genau beschrieben standen. Im Wettlauf gegen die anderen Auto-Export-Menschen blieb fürs Durchlesen wahrscheinlich keine Zeit. Während ich noch geduldig alle Parameter wiederholte, klopften schon unzählige weitere Anrufe an. „Thomas“ brauchte kurze Bedenkzeit. Er müsse in Bulgarien erst den Bedarf erfragen.

Nach diesem ersten Gespräch versuchte ich die Anrufe zeitlich gerecht durch zu ordnen um jedem östlichen Herrn mit auffällig westlichen Namen die gleichen Chancen einzuräumen.

Im Rahmen meiner Rückrufe kam ich mit „Kevin“ zu sprechen. „Kevin“ war eher ein Käufer der dominanten Sorte. Sein Tonfall erinnerte mich sofort an einen Russen, den ich in zwielichtigeren Zeiten als diesen gekannt habe.

Wie viel ich fix haben wolle.

Ich lies mich auf 400 Euro herab. Ein relativ astronomisch hoher Preisvorschlag, meiner unfachfräulichen Meinung nach.

Ich hörte „Kevin“ am Telefon schlucken. Wahrscheinlich war im gerade das Blut, das er geleckt hat, in seiner Kehle gefroren.

Jeder Markt hat seine Käufer. Ich bin wirklich sehr erstaunt.

Wider Erwarten zwang mich Kevin nun erst gerecht , ihm zu versprechen, dass das Auto seines wäre. Ich müsste unbedingt! und sofort! das Inserat löschen! Er käme aus Wien! Mit dem Abschleppwagen! Und wäre in zwei Stunden da!

Obwohl ich ihm die zwei Stunden von Wien nach Kärnten nicht zutraute, bat ich ihn, er möge sich Zeit lassen. Vor 17.30 könne sowie so niemand beim Auto sein. Er war einverstanden. Aber der Deal müsse absolut fix sein!

Ja. Er wäre fix. Das Inserat stelle ich aber erst später auf reserviert. Und die Adresse der KFZ-Werkstatt würde ich ihm auch erst in der nächsten Stunde schicken. Ich sei unterwegs und habe keinen Internetzugang.

In der nächsten Stunde hatte ich, abgesehen von unzähligen anderen Anrufen, mindestens acht mal die Ehre, wieder mit „Kevin“ telefonieren zu dürfen.

Obwohl ich ihm mittlerweile die Adresse geschickt habe, rissen die Kevin-Anrufe nicht ab. Ich wartete auf eine Lücke in dem Mobilfunk-Bombardement um meinen Lebensgefährten erreichen zu können.

Völlig verstört bläute ich ihm nochmals ein, den Kaufvertrag unbedingt mit folgenden Phrasen zu versehen: „Gekauft wie gesehen“ „Privatverkauf – keine Garantie“, alle Angaben ohne Gewähr“.

Dieser „Kevin“ hatte das psychopathische Potential extrem lästig zu werden. Nach dem Verkauf würde ich seine Nummer sofort blockieren.

Inzwischen hatte er mich natürlich wieder einige Male kontaktiert. Ziemlich entnervt rief ich wieder zurück. Er habe mit der Werkstatt telefoniert.

Ziemlich dreist, hab ich mir gedacht.

Und dort solle, zu seinem Ärgernis, gar kein Mazda 3 stehen!

Komisch. Welchen Madza 3 meinte „Kevin“ da? (Ich hatte einen Citroën inseriert.)

Nein! „Kevin“ behauptete stur und starr weiter, dass in dem Inserat, das ich gelöscht hätte (was ich ja sowieso nie gemacht habe) von mir ein Mazda 3 angeboten wurde.

In seiner Euphorie über den perfekten Deal, hat er anscheinend die Inserate durcheinander gebracht und war nun mit dem Abschleppwagen zum falschen Auto unterwegs.

Seit dem habe ich nichts mehr von „Kevin“ gehört.

Dafür aber von Mercedes, Géza, Ivaylo, Vernest, Paizs, Georgi, Popescu, Abdullah, Traian, Dimitar, Sabanja, Nikolay, Armin, Kiril, Lászlo, Ugo und vielen anderen.

Allesamt zeichnen sich positiv aus. Sind sehr nett, höflich und bemüht. Alle wollen auf Biegen und Brechen mein schönes kaputtes Auto. Dabei entsteht so manch amüsante Kommunikation:

Aber mein ganz persönliches Highlight ist hier zu lesen:

Im Grund meines Herzens ist es nicht meine Art, mich über das Deutsch von anderen Menschen lustig zu machen. Aber hier müsste sich wohl jeder, mindestens nur in die Zunge beißen, um nicht schmunzeln zu müssen.

Und zu guter Letzt hat es heute sogar mit einem Ungarn hingehauen.

Ich habe heute ohne lange Diskussionen das ausgemachte Geld bar auf die Hand bekommen. Somit ist der Monat zwar nicht grandios, aber wir kommen wieder irgendwie drüber. Und das sogar mit neuem altem Auto. Und jetzt muss ich mal dringend die Inserate aus dem Netz löschen!

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