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Während ich hier sitze und diesen Beitrag schreibe, „genießt“ mein Großer gerade seinen letzten Schultag vor den Semesterferien. In der ersten Stunde hat er Turnen, dann irgendwann im Laufe des Vormittags wird seine Klasse, so wie jeden Freitag, eine Ansage schreiben. Ansage ist übrigens das peinliche, „eingeösterreichte“ Wort für Diktat.

Zuhause schreiben wir jeden Tag ein paar Wörter und Sätze, um die freitäglichen Ansagen für meinen Sohn leicht und stressfrei ablaufen zu lassen, ein System, das bis dato sehr gut funktioniert. Fehler unterlaufen ihm kaum welche, und wenn, dann sind das zerstreute Drüberhuscher, weil er schlichtweg ein Wort vergessen hat zu schreiben.

Ich bin über diesen Umstand sehr froh, denn mein Großer ist vom Grundtypus her ein Zahlenmensch. Für ihn ist es immens wichtig, Dinge in Skalen einzuteilen, von jedem Furz den Superlativ zu finden und seine größte Motivation im Leben ist Geld.

Letztes mal fragte er mich, wie viel er verdienen würde, wenn er eine Zahl über der Unendlichkeit finden würde und wer ihm eigentlich Geld dafür zahlen würde, wenn er ein Mittel gegen Krebs erfinden würde. Momentan ist er sehr schwer beschäftigt, auszurechnen, wie oft er noch schlafen muss, bis seine Baby-Schwester kommt – und noch viel wichtiger: wann explodiert die Beteigeuze? Für die Normalos und Nichtnerds, so wie ich, unter euch: die Beteigeuze ist ein Riesenstern im Sternbild des Orions. Er verliert in letzter Zeit dramatisch an Helligkeit, was den Verdacht zulässt, dass eine Supernova bevorsteht. Wann, können die Wissenschaftler allerdings nicht genau sagen. Es könnte in den nächsten Monaten sichtbar werden oder erst in tausend Jahren. Und das wirft meinen Sohn aus der Umlaufbahn. Inbrünstig hofft und betet er, dass die Supernova so bald wie möglich stattfinden wird. Denn so etwas zu erleben ist die Erfüllung seiner inselbegabten Träume. Allerdings macht er sich natürlich trotzdem ein wenig Sorgen, weil durch die Explosion die Schutzatmosphäre der Erde in Mitleidenschaft gezogen werden würde, was das Sonnenbrandrisiko erheblich verstärken würde. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem es noch kein Allheilmittel gegen Krebs gibt.

Ihr seht, mein Sohn ist ein viel beschäftigter Siebenjähriger. Er hat sich wie wahnsinnig auf seine Einschulung gefreut, zumal er davon ausging, dass er eventuell lernen würde, wie ein Schwarzes Loch von innen aussieht. Doch des einen Freud, ist des anderen Leid.

Die Entscheidung, ihn in der örtlichen Dorfvolkssschule anzumelden, war vor allem durch die Tatsache motiviert, dass wir uns wohntechnisch im zweisprachigen Gebiet Kärntens befinden. Das heißt, dass jedes Kind, dass hier zur Schule geht, die Möglichkeit hat, eine zweisprachige Klasse zu besuchen. Deutsch-Slowenisch. Wenn in einem Schuljahr mehr als neun Anmeldungen erfolgen, bekommen die „Slowenen“ eine eigene Klasse. Das klang für mich als Mutter eines, sagen wir so, außergewöhnlichen Kindes, mit leichter Kopf-im-Weltall-und-hoher-Ablenkbereitschaft, nahezu perfekt – zumal ich weiß, welche grandiosen Fähigkeiten dieser kleine schlaue Junge besitzt, wenn man ihn auf dem richtigen Fuß erwischt.

Am ersten Schultag, musste ich leider feststellen, dass die Idee von uns zwar gut, aber leider falsch war, weil durch ein paar unvorhersehbaren Abmeldungen die Slowenisch-Klasse derart geschrumpft ist, dass sie in die normale Deutschklasse mit eingeflossen ist und mein Sohn nun mit 19 andern Kindern in der Klasse sitzt.

Und obwohl er sich nur mäßig beschwert – es ist eine Tatsache, dass er dort untergeht. Es scheint, als würde er in eine Art von Stand-By-Modus gehen, wenn zu viele Eindrücke auf einmal auf ihn einwirken. Er reagiert auf fast nichts mehr und seine Mitarbeit lässt bei den banalen Dingen des Volksschulalltags auch zu wünschen übrig. Er beschreibt das Ganze als „langweilig“ – die Lehrkräfte ihn als nicht erreichbar.

Ich hatte letztes Mal sogar das Vergnügen, zu einem Elterngespräch in die Schule eingeladen zu werden, weil die zwei sehr netten und engagierten Lehrerinnen leider an ihre Grenzen stoßen. Das Problem ist allerdings schwer messbar und in Worte zu fassen: Weder stört mein Sohn den Unterricht, noch sind seine messbaren Leistungen schlecht. Im Gegenteil, seine Ansagen (dieses Wort!) und Lernzielkontrollen sind alle sehr gut, wenn er sich nicht immer so verzetteln würde bei seinen Hausaufgaben (oft vergisst er sie, in seiner Gedankenverlorenheit, schlichtweg abzugeben), würde er überall auf einer glatten Eins stehen. So sind wir laut „messbarer“ Leistung irgendwo zwischen Eins und Zwei. Also für mich, nicht unbedingt Grund zur Sorge. Für zwei Lehrerinnen, die so ein Kind, laut eigener Aussage, noch nie hatten, allerdings sicher anstrengend.

Und jetzt kommt das Ding mit dem Halbjahrszeugnis: Seit diesem Schuljahr ist, es (wieder) verpflichtend, auch Volksschülern mit Noten zu beurteilen. Und das ist jetzt der Punkt, an dem ich echt gespannt bin, wie das ganze Tamm-Tamm, dass für alle Eltern natürlich ein riesiges Thema ist, in der Praxis umgesetzt wird. Wenn es nämlich wirklich so abläuft, wie es in der Bildungsreform beschlossen wurde, dürfte heute ein guter Tag für meinen kapitalistisch denkenden Sohn werden. Die Note wird infolge sogenannter „Lernzielraster“ errechnet und die dahinterstehende Schulnote kann ganz einfach nachvollzogen werden, in dem jeder Lernabschnitt einzeln beurteilt wurde. Wie das in der Praxis aussieht, werden wir heute sehen. Aber wenn das System wirklich so ist, bringt es uns sicherlich einen Vorteil, denn durch die Notenpflicht wird es schwieriger, persönliche (Vor)urteile in die Beurteilung einfließen zu lassen. Und sich vom „Anstregend-Sein-Grad“ des Schülers beeinflussen zu lassen. Für meinen Sohn lässt es sich mit einer „einfachen“ Note, also Zahl, leichter verstehen, warum er sich jeden Freitag nach dem Turnen bei der Ansage endlich mal ein bisschen zusammenreißen soll. Und das motiviert ihn dann auch.

Natürlich gilt diese „neue“ Form der Beurteilung auch für andere Kinder, die wieder andere „Schwächen und Stärken“ haben und für die diese System nicht das Optimum darstellt. Oft entsteht dabei auch das ungute Gefühl, nicht nur die Leistung der Kinder wäre Ziel der Beurteilung. Es gibt halt immer mehrere Seiten bei der Geschichte.

Das Wichtigste ist und bleibt trotz allem, Kinder so weit zu unterstützen, dass sie ihr Potential vollends entwickeln. Und immer hinter ihnen zu stehen, auch wenn die Beurteilung vielleicht nicht so ausfällt, wie erhofft. Die Kleinen verbringen gleich viel Zeit mit der Schule und dem Drumrum, wie Erwachsene in einer Teilzeitbeschäftigung. Das muss ein Volksschüler erst einmal schaffen.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Ferienstart und ganz viel Erholung!