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Diejenigen, die die Kraft des Vollmondes leugnen, sind die Kinderlosen. Die Nicht-am-Straßenverkehr-Teilnehmenden. Die oberen Zehntausend, die an einem privaten Ort unter Palmen schlafen, ohne Kontakt zu Artgenossen. Vielleicht sind es auch die Blinden und die Gehörlosen, wenn sie ihre anderen, funktionstüchtigen Sinneskanäle ausblenden, ignorieren, verstopfen oder betäuben.

Der heutige Vollmond hat es in sich. Feist und groß prangt er am Himmel, ruhig steht er da und erhellt die eisigen Wiesen ohne zu blenden. So als wolle er mit seiner runden Erhabenheit den Menschen ihr eigenes Unrundsein, im silbernen Lichtschein, gehörig unter die Nase reiben.

Eine alte Hebammenweisheit besagt, dass die Babys meist zu Vollmond kommen. Und so sehr ich mich auf die Kleine freue, unbedingt scharf auf den Geburtsvorgang bin ich trotzdem nicht. Allerdings muss raus was raus gehört und wenn ich diesen Tag im Detail Revue passieren lasse, wenn ich mir das Geschimpfe und Gefluche meiner Familie anhöre, die während ich diesen Text schreibe, im Kinderzimmer eine Art Murmelbahn mit Trampolins aufzubauen probiert, scheint das Geburts-Alternativprogramm fast paradiesisch.

Mein Sohn spinnt schon den ganzen Tag. Begonnen hat das Desaster um 5.45. Viel zu früh und viel zu nahe erschien sein Gesicht vor meinem. „Mama, ich möchte eine Doku übers Gehirn ansehen.“ Die Ferien und meine bleiernen Müdigkeit ließen mir seinen Wunsch Befehl werden, ich hatte eine halbe Stunde länger Galgenfrist. Dann stand meine Tochter auf. Diese kleine süße Maus mit ihren zerwuschelten Haaren, im Minnie-Maus-Pyjama. Unterm linken Arm ihren Kuscheldrachen geklemmt, mit der rechten Hand verschlafen die Augen reibend. Die nur selten laut und lästig ist, aber dafür perfide Methoden entwickelt hat, ihren Bruder infam zur Weißglut zu bringen. Und diesen Morgen alle Register der Orgel der Geschwistergarstigkeit zog. Und zwar leidenschaftlich, zeitlich akkurat und höchst hinterlistig. In jedem unbeobachteten Moment stellte sie sich so vors Bild, dass mein Sohn möglichst nichts sah, sie pirschte sich hinter meinem Rücken ständig mit vollen Mund an, um diesen meinen ultra-empfindlichen Sohn aufgerissen, in voller Pracht zu präsentieren, er reagierte darauf lautstark und ziemlich ordinär. So und noch viel schlimmer ging es den ganzen Vormittag, die zwei stritten in einer Tour, konnten aber keinen Zentimeter voneinander weichen und waren in den Minuten, in denen sie sich kurzzeitig gegenseitig vergaßen, ein Musterbeispiel an Unselbstständigkeit. Nebenbei wollten sie von vorne bis hinten bedient werden. Und das gaben sie uns in einem unmissverständlichen Ton zu verstehen.

Ich bin grundsätzlich ziemlich tolerant. Und weil ich mir dieses Theater selber nicht den ganzen Tag ungefiltert antun wollte, beschlossen wir, zum Kasperltheater zu fahren, welches dieses Wochenende in der nächst größeren Stadt gastiert. Wir waren ungefähr eine Stunde vorher dort um noch Karten zu reservieren, was angesichts der Menge an spinnenden und herumnörgelnder Besucherkindern eine gute Idee war. Bevor die Vorstellung begann, beschlossen wir, noch schnell eine Kleinigkeit essen zu gehen – zeitlich gesehen mit zwei Kindern und Parkplatzsuche eine ziemliche Challenge.

Mein Sohn hat die extrem nervige Angewohnheit beim Aussteigen aus dem Auto, extra lange zu brauchen. Sobald es darum geht, das Fahrzeug zu verlassen, bewegt er sich in Slow-Motion, festgeklemmt zwischen B-Säule und Vordersitz trotzt er der irdischen Gravitationskraft, indem er minutenlang an Ort und Stelle verharrt. Wohlwissend warnte ich das sowieso bockige Kind im Vorhinein, es solle das Theater nicht an die Spitze treiben. Mein Sohn versprach, sich beim Ausstieg zu beeilen um eine Minute später genau das Gegenteil zu machen und noch dreimal so lange wie sonst herum zu provozieren. Infolge meiner Entnervtheit, ermahnte ich ihn, sich den restlichen Nachmittag zusammen zu reißen, was er auch hoch und heilig versprach, denn er wollte heute die meeeeeeega Castingshow mit dem Bohlen sehen.

Das Essen verlief unauffällig und gut in der Zeit. Als wir dann zum Kasperltheater gingen, vergaß mein Sohn, dass er auf Bewährung war und fing an, absichtlich vor unsere Füße zu treten, um dabei hämisch kichernd Haken zu schlagen – einfach nur um zu nerven. Somit teilten wir ihm mit, dass es heute für ihn wohl besser wäre, zeitlich normal schlafen zu gehen, weil so ein Benehmen ein eindeutiges Zeichen kindlicher Übermüdung sei. Und dann nahm das Drama seinen Lauf – die Tränenschleusen öffneten sich, um den salzigen Bächen des Zorns freien Fluss zu gewähren. Es wurde geheult, geschrien, geschupft, getrampelt, geklagt, gedroht, gesponnen, gestampft, geschimpft, dramatisiert und protestiert.

Bis zum Kasperltheater war ich im Stressschweiß mürbe gekocht, mein Sohn hatte sich im Angesicht der ganzen Kleinkinder (ich persönlich fand ja, dass er fürs Kasperltheater schon ein bisschen zu alt sei) wieder so halbwegs unter Kontrolle und verzog sein rotes Gesicht mittlerweile wenigstens lautlos. Der nächste Konflikt fand seinen fruchtbaren Boden in unserem Wunsch, dass die Kinder gemeinsam auf den Kinderplätzen vor der Bühne Platz nehmen sollten, während wir hinten auf den letzten freien Erwachsenenplätzen sitzen würden. Nach der x-ten Diskussion des heutigen Tages, brachten wir die zwei Streithanseln irgendwie doch dazu. Denn sie hatten das nächste Thema für sich entdeckt: Süßigkeiten und Popcorn. Leider war der Verkaufsstand mittlerweile geschlossen. In dem gedroschen vollem Raum voller hüstelnder Menschen, hatte die Vorstellung begonnen. Eigenartiger Weise vergaß mein Sohn, obgleich der raffinierten Dramaturgie des Kasperltheaters, seinen Weltschmerz und verfiel im Laufe des Stückes in den Rausch der absoluten Interaktion. Er meldete sich immer wieder eifrig zu Wort, indem er den Seppl beim Kasperl lautstark anschwärzte, er hätte in die Hose gemacht, den Kasperl hingegen der Hexe auslieferte, weil er ihr den bevorstehenden Diebstahl des Zauberstabes verriet. Ich fand den Umschwung seiner Laune recht amüsant und war guter Hoffnung, der Tag würde doch noch irgendwie in normalen Bahnen verlaufen. Ich hatte mich zu früh gefreut. Nach dem Theater ging das ganze DSDS-Drama nahtlos weiter.

Wir genossen die letzten paar sonnigen Minuten auf dem Spielplatz hinter dem Theater, unsere Kinder waren durch das zufällige Treffen einer Kindergartenfreundin auf andere Gedanken gekommen, da heftete sich ein kleines Mädchen an die Fersen meines Sohnes, um ihn durchgehend, stechend mit ihrem Zauberstab zu drangsalieren, ihn zu verfolgen und mit hysterisch verzogener Miene, schluchzend zu verkünden, wie sehr er sie nerve. Peinlich berührt kam ihre Mutter auf uns zu und zuckte mit den Schultern und sagte nur: „Vollmond!“.

Da hätte ich auch selber drauf kommen können. Als die Sonne hinter den Zinnen der Stadthäuser verschwand, begaben wir uns Richtung Auto und fuhren zum nächsten Familienvergnügen, wir mussten noch Lebensmittel besorgen.

Ich muss, glaub ich, niemanden der Kinder hat erzählen, zu was Kinder in Geschäften fähig sind, wenn sie einen schlechten Tag haben. Und das werde ich hier auch nicht. Viel zu froh bin ich darüber, dass wir diese Aktion hinter uns gebracht haben. Das einzige, was dabei amüsierte, war eine ältere Dame, die mit wissenden Blick auf mich zu kam und freundlich nickend „Vollmond!“ sagte. Ich sagte nur: „Danke, ich weiß!“.

Zuhause angekommen wurde noch gestritten, geheult und laut in der Wohnung herumgestampft. Mein pädagogisch wertvoller Lebensgefährte, verlor kurzzeitig seine Nerven – vorbildlich beim erfolglosen Zusammenbau der komischen Trampolin-Murmelbahn und ich beschloss mich den ganzen Drama zu entziehen indem ich diesen Beitrag schrieb.

Mittlerweile sind die Kinder im Bett, der Protest hat sie müde gemacht. Wir Großen schauen den Bohlen alleine. Ich bin jetzt, nachdem Ruhe eingekehrt ist, doch froh zu Hause zu sein. Aber nächsten Vollmond würde ich es vorziehen, das Baby zu bekommen. Falls es bis dahin noch nicht da ist.