Die Zeit rinnt und rinnt, bald macht sich unser Baby auf den Weg vom Bauch zur Welt. Und ich liege nach einem ausgedehnten Spaziergang völlig bewegungsunfähig im Bett. Ein Umstand, der ungefähr drei Wochen vor Geburtstermin als normal gilt. Aber damit würde ich es mir zu einfach machen.

Meine Kinder genießen momentan ihre hartverdienten Semesterferien. Ursprünglich wollten wir ein paar Tage wegfahren und vorm Baby noch ein wenig ausspannen. Eventuell einen Städtekurztrip starten oder zumindest ein bisschen in der Therme herumliegen. Geht aber nicht. Denn ich bin zu rund, zu immobil, zu fertig und absolut abhängig von der jeweiligen Tagesverfassung. Mir gefällt das nicht. Heute hatte ich aber einen sehr guten Tag. Frühmorgens standen meine Kinder auf – sie freuten sich, denn der heutige Plan war, einen Tagesausflug in die Therme zu machen. Ursprünglich wollte ich nicht mitzukommen, aber die Vorfreude von Kind 1+2 steckte mich einfach an und schaffte sogar, meine nicht falsche Eitelkeit für einen Moment schwinden zu lassen. Kurz überlegte ich noch, ob ich mir das tatsächlich antun sollte. Mit meinem riesigen Bauch, von den anderen Badegästen beobachtet, im Schwimmbad herumzustehen – weil ich andernfalls die Badeliege nur noch kriechend und unter lautstarken Gejammer verlassen könnte. Ich habe ein Problem mit meinen Bandscheiben. Welches nun den Zenit dessen überschritten hat, was ich als akzeptabel bezeichne. Es ist zwar so, dass nichts von nichts kommt und ich mir diese Geschichte bei meiner Arbeit in der Küche eingehandelt habe, ich somit ursprünglich nicht viel dafür kann. Aber anscheinend konnte ich bis jetzt auch nichts dagegen. Bis jetzt. Denn mir reicht es. Und das in vielerlei Hinsicht.

Zurück zum heutigen Morgen. Motiviert durchstöberte ich meinen Kleiderschrank nach der größten Bademode, die ich besitze. Ich musste eine haben – das war nicht mein erster Schwangerschafts-Badeausflug. Tatsächlich wurde ich fündig, bekam den Badeanzug leider nicht einmal über den Bauch. In nächster Instanz versuchte ich mich an einem Bikini in Zirkuszeltgröße, der sich bei der Anprobe mysteriöser Weise in ein Wicked-Weasel*-Modell (*äußerst knappschneidendes australischen Bikinilabel) verwandelte, untenrum komplett verschwand und obenrum einschnitt und quetsche, statt zu verhüllen. Während die Kinder nach dem Geheimnis jenseits des Spiegels suchten, genügte mir die Betrachtung seiner oberflächlichen Darstellung – das Thema Badeausflug war für mich durch.

Kurz darauf verließ ich alleine das Haus um spazieren zu gehen. Natur ist für mich Therapie. Unter normalen Umständen verbringe sehr viel Zeit im Freien. Ich liebe die Wälder und noch mehr die Berge. Aber offensichtlich liebe ich nicht aktiv genug. Ich muss meine sogenannte Komfortzone verlassen und meinen Körper fordern und schinden. Denn wenn ich nicht bald anfange etwas zu tun, ist es zwar nicht zu spät, aber noch deprimierender. Im Mittelalter wurden die Menschen zwischen 35 und 40 Jahre alt. Oft genug überlebten die Frauen nicht einmal die Geburt ihrer Kinder. Heutzutage dürfen wir davon ausgehen, dass 100 Lebensjahre nichts besonderes mehr sein werden. Nüchtern runtergebrochen bleiben bei mir also noch sehr, sehr viele Jahre, die ich erleben darf – somit spricht eigentlich nichts dagegen, mich selbst zu optimieren. Theoretisch. Ich leide nämlich unter der Erkenntnis, dass ich rein optisch damit ziemlich spät dran bin. Die Ausgangsbasis meines neuen Jungbrunnengeplätschers ist nur noch suboptimal – eine Tatsache, die ich wegzulächeln vermag. Entspannen sich meine Mundwinkel jedoch nach dieser grinsenden Irreführung, blicke ich in die Tiefen meiner Nasolabialfalten und spüre pure Verzweiflung. Denn mit ein bisschen eincremen, Gesichtsgymnastik und Bewegung an frischer Luft komm ich da nicht mehr weiter. Damit kann ich maximal erhalten, aber nicht mehr verjüngen. Dazu gehörten drastischere Maßnahmen gesetzt. Und damit meine ich nicht irgendwelche ambulanten Unterspritzungen, die so wenig invasiv ausfallen, dass sie eigentlich kaum auffallen und nach einem Jahr wieder völlig abgebaut sind. Nein, ich möchte das ganze Programm. Ich sehne mich nach dem Klassiker: einem brutalen Facelifting. Das mit seiner Irreversibilität meine Ohren um Zentimeter nach hinten versetzt und mich so jung aussehen lässt, wie ich mich momentan gerne fühlen würde. Den optimalen Zeitpunkt dafür hätte ich auch schon: Im Rahmen der Narkose meines Kaiserschnittes, bei dem auch gleich gehörig Fett abgesaugt werden würde, das sogleich wieder in optimalere Stellen reingepumpt wird. Doch genug der Träumerei. Es wird keinen Kaiserschnitt geben, kein Facelifting und kein Fettherumgepumpe. An dieser Stelle gehen Grüße an meine Mutter raus, die sich wahrscheinlich gerade an den Kopf greift und froh ist, weil mir für solche Beautyanwendungen das nötige Kleingeld fehlt.

Ich ging also spazieren. Genoss die frische Luft, freute mich über den zaghaften Schein der Sonne, machte mich auf den Weg zur Drau. Leider bog ich genau in dem Moment beim örtlichen Bauern um die Kurve, als ein Schwein unter Todesangst aus dem Stall getrieben wurde. Draußen warteten zwei Herren mit gelben Schürzen, großen Messern und kochendem Kessel. Die grellen, verzweifelten Schreie, die die letzten Lebensminuten des Tieres begleiteten, ließen mich vom schnellen Gang in Laufschritt übergehen, nur nicht zurückschauen. Ich hörte einen Schuss, danach Stille. Ich beschloss, die große Runde zu gehen. So würde ich nicht mehr direkt beim Schlachtplatz vorbeigehen müssen.

Ich schämte mich obgleich meiner Oberflächlichkeit, gleichzeitig ergriff mich ein feierliches Gefühl, als die Drau endlich vor mir lag. Die Schönheit und Vollkommenheit, die mir von der Natur geboten wurde, lässt sich schwer in Worte fassen. Unvorstellbar, dass der Winter noch einmal zurückkommen würde, in der Luft lag bereits die erdige Prise von Erneuerung und Aufbruch. Und ich fasste einen Entschluss: ich werde aktiv werden. Sobald die Kleine da ist. Und ich werde mich nicht davon täuschen lassen, dass es mir wieder besser geht. Ich werde die Umgebung in der ich lebe nutzen. Und es wird mir gut tun. Ich werde das trainieren und erhalten, was noch nicht hängt und keine alte Lederhandtasche werden. Ohne Falten über der Lippe, in denen sich Lippenstift versteckt und klischeehaften aufgeklebten Fingernägeln, die wie ausgekochte Hühnerkrallen aussehen. Ich werde genau so viel Wasser trinken, wie jetzt in der Schwangerschaft. Nur noch einmal im viertel Jahr durchmachen und dabei nicht zu Nikotin greifen. Ich werde viel mehr Antioxidantien zu mir nehmen und mich von nichts und niemandem stressen lassen. Ich werde sogar ins Fitnessstudio gehen, um meinen Rücken zu stärken. Wieder gehen Grüße raus, diesmal an das nette Ehepaar aus Ebenthal. Ich schwöre. Um mir nicht selbst ein Schnäppchen schlagen zu können, werde ich diesen Beitrag schreiben. Ich mach hier quasi eine Aussage unter Zeugen.

Nach zwei Stunden Fußmarsch komme ich endlich nach Hause. Bin fix und fertig. Habe vom Wind und der Sonne rosige Wangen. Mir zieht es stark im Becken und den Beinen. Die Tage bis zu meinem neuen Leben sind gezählt. Ich freue mich schon darauf.