Gestern war was los in Tainach/Tinje (der Wohnort „meiner Wahl“). Nämlich gar nichts. Aber anders als sonst. Denn wir hatten einen Stromausfall. Und der fiel auffällig lange aus.

Das ganze Event begann um ungefähr 14.00 Uhr und startete unauffällig. Meine Tochter ist seit Anfang der Woche zuhause. Sie hat sich trotz gründlich übertriebener, beziehungsweise übertrieben gründlicher Handhygiene irgendwo einen Magen-Darm-Infekt zugezogen. Beschissener Weise fiel der Ausbruch genau auf ihren 4. Geburtstag. Mittlerweile ist sie nicht mehr wirklich krank, aber halt auch nicht ganz fit. Noch würde sie das Virus im Kindergarten verbreiten und das wäre selbst mir zu „insocial“, somit langweilt sie sich sozial zu Hause. Der Stromausfall begann nachmittags und ungewöhnlicher Weise schien im, um diese Jahreszeit normal komplett vernebelten Tainach/Tinje, die Sonne. So fiel meinem Lebensgefährten die Stromabstinenz erst auf, als er ins Badezimmer ging – das sich durch die architektonische Meisterleistung auszeichnet, ein einziges Fenster zu besitzen, welches in einen weiteren abgedunkelten Raum führt, der ausschließlich der Vermieterin zur Verfügung steht.

Und wie es der Teufel will, tauchte genau jene an diesem Nachmittag auf. Um das Licht im Stiegenhaus zu überprüfen, weil es im Erdgeschoss nicht funktioniert. Der Zeitpunkt war leider schlecht gewählt. Sie fragte mich, ob es sein könne, dass das Licht kaputt wäre, warum sie davon nichts erfahren würde und was der Grund sei, dass sie niemand anrufe. Die ehrlichste Antwort wäre gewesen: Ich weiß nicht, ob das Licht im Erdgeschoss kaputt ist. Im Grunde meines Herzens ist es mir auch völlig wurscht – der Bewegungsmelder ist sowieso immer ausgeschalten. Weil sich meine überempfindliche Nachbarin nicht nur von Schall, sondern auch von Photonen belästigt fühlt und ich genau Null Bock habe, mich mit diesem Spießertum auseinander zu setzen. Hab ich aber nicht gesagt. Stattdessen erwähnte ich den Stromausfall, hörte mir sinngemäß an, dass das Zurückhalten solcher immens wichtiger Informationen richtig teuer werden könne, weil das Herbeiholen einer handwerklichen Fachkraft für uns Mieter ganz schön zu Buche schlagen würde. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese dramatische Ausschmückung der Gegenständlichkeit ein halbherziger Versuch der Vermieterin war, mich zu provozieren – zu abgelenkt war ich von ihrem wahrscheinlich unabsichtlich extravaganten Outfit, welches mich nachhaltig so beeindruckt hat, dass ich in der Nacht sogar davon träumte. Auf andere Art und Weise war mein Gehirn anscheinend nicht in der Lage diesen Brocken zu verarbeiten. Die Leute hier in der Gegend sind anders – das wird mir von Begegnung zu Begegnung bewusster.

Um 15.00 Uhr war die Störung, gegensätzlich der Auskunft des Stromlieferanten noch immer nicht behoben. Mein Sohn hatte Klavierunterricht, ich spielte inzwischen mit meiner Tochter zu Hause Lotti Karotti. Jetzt wäre ein guter Augenblick gewesen, die Kartoffeln fürs Püree aufzustellen. Ging aber nicht – Elektroherd. Unweigerlich musste ich an die Prepper denken. („Prepper bezeichnet Personen, die sich mittels individueller Maßnahmen auf jedwede Art von Katastrophe vorbereiten“… Wer sich jetzt noch immer fragt, von wem oder was ich hier schreibe, hier ist der Wikipedia-Link dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Prepper und wer dieses Thema (auf welche Art oder Weise auch immer) genauso fesselnd wie ich findet, kann sich hierbei weiter satt sehen: https://www.youtube.com/watch?v=ZC6hKJEUMVc .) Hätte ich ein wenig mehr Zeit und Muse ins Ausmisten des Kellerabteils und der Abstellkammer investiert, wäre dort genug Platz für Dosenessen, Camping-Gaskocher, Mineralwasserflaschen, kollodiales Silber und Goldbarren. Hab ich aber nicht. Das Prepperthema ist für mich zwiespältig behaftet. Den Grundgedanken, auf eine längere Ausnahmesituation vorbereitet zu sein empfinde ich als vernünftig und legitim. Für die Recherchen zu meinem Buch bin ich einigen Prepper-Foren beigetreten und habe mich mit Mitgliedern ausgetauscht – den Großteil würde ich als „normal“ bezeichnen. Allerdings lässt sich nicht ignorieren, dass dort eine Häufung radikaler Verschwörungstheoretiker mit segmentaler Liebe zur bewaffneten Verteidigung auftritt. Und das empfinde ich dann doch nicht mehr als ganz so legitim.

Um 16.30 rief ich abermals bei der Störungs-Hotline an und bekam Bescheid, um 18.00 wäre der Strom wieder da. Zum Kochen wurde das knapp. Nur zu gut, dass meine Kinder Cerealien-Gourmands sind und den unkochbaren Status „hart feierten“. Um 17.30 schaufelten die zwei kleinen Müsli-Fetischisten eifrig aus den kalten Schüsseln, denn schön langsam wurde es dunkel. Wer jetzt an Kerzen denkt, denkt gut, aber leider falsch. Ich bin weder Romantikerin, noch Deko-kompatibel. Und keine Prepperin. Ich lebe Minimalismus auf höchstem Niveau: Ich habe keine Kerzen zuhause. Das wird sich allerdings in Zukunft ändern – wenigstens soweit sollte ich mich preparen.

Um 18.00 war es stockdunkel, der Strom war noch immer nicht da. Mein Lebensgefährte hatte in seiner Verzweiflung zwischenzeitlich sein leeres Handy im laufenden Auto via Zigaretten-Anzünder-Kabel geladen (übrigens war er grotesker Weise damit nicht der Einzige in unserer dunklen Straße) und teilte mir mit, laut Internet gebe es erst ab 20.30 wieder Strom. Kurzerhand machten wir die Kinder notdürftig bettfertig, es gab in der finsteren Wohnung keinen Grund mehr, warum die zwei weiter munter bleiben brauchten. Unter schweren Protest gingen die Kinder im Dunkeln schlafen, wir legten uns zu ihnen. Und während die zwei irgendwie wegdämmerten, hörte ich aus der Wohnung unter uns Geheule und Herumgerenne. Das befriedigende Gefühl von Genugtuung manifestierte sich in meinem Solarplexus. Schadenfroh musste ich grinsen. Meine Deko-kompatible Nachbarin mit den geschmacklosesten Stiegenhaus-Kitsch, den man sich vorstellen kann, hatte anscheinend auch nicht genug Kerzen zu Hause. Wahrscheinlich deswegen, weil diese gefährlich sein könnten. Es bestünde Brandgefahr. Als vorsichtiger Mensch kann man nie panisch genug sein. In Anbetracht ihres Gesamtauftretens hätte ich ihr mehr Preppermanier zugetraut. Mein Grinsen wurde noch viel, viel breiter, als ich hörte, dass sie mit dem Auto wegfuhr. Wahrscheinlich um im letzten Moment vor Geschäftsschluss noch irgendetwas einzukaufen, was keinen Strom erforderte. Wie ich darauf komme? Weil sie in den eineinhalb Jahren in denen wir hier leben, nach Dämmerungseinbruch noch nie das Haus verlassen hat. Denn so etwas tut man nicht. Man muss sich im Vorhinein einfach besser preparen.

Um 19.00 schliefen meine beiden Kinder. Es stimmt anscheinend wirklich, dass die Dunkelheit die Serotonin-Bildung hemmt. Man darf der Wissenschaft Glauben schenken. Ich schlich mich aus dem Kinderzimmer und hatte den Abend frei. Doch was tun, im Stockdunklen? Langsam kühlte die Wohnung ab, denn die Heizung funktioniert stromgesteuert. Ich verkroch mich ins Bett unter die Decke und rief eine Freundin an. Erzählte ihr vom Stromausfall. Sie zeigte sich erstaunt darüber, dass ich keine Kerzen besaß. Und machte mich darauf aufmerksam, dass ich Akku sparen sollte. Immerhin könnten doch jeden Moment die Wehen losgehen. Parallel dazu fiel mir ein, ich musste noch meine Kliniktasche packen. Aber eben nicht an diesem Abend – dazu fehlte mir das Licht. Ich muss in Zukunft definitiv besser prepared sein.

Danach telefonierte ich mit meiner Schwester. Erzählte ihr vom Stromausfall. Sie zeigte sich erstaunt darüber, dass ich keine Kerzen besaß. Und überlegte mit mir, was ich nun tun könnte. Ich sollte endlich einen Namen fürs Baby finden. Immerhin wäre es möglich, dass es jeden Moment losgeht. Ich stimmte ihr zu. Wir haben tatsächlich noch keinen ultimativen Namen für die Kleine. Zeit wird es, besser prepared zu sein. Dummerweise konnte ich im Dunkeln kein Namensbuch lesen. Alternativ hätte ich mir im Kopf Namen ausdenken können – nachdem mir tagesaktuell nur „Electra“ einfiel, hab ich es schnell wieder gelassen.

Die Dunkelheit machte mich dösig. Vor meinem inneren Auge spielten sich eine Apokalypse ab, schräg bekleidete Unterkärtnerinnen kämpften gegen handysüchtige Corona-Virus-Infizierte. Mittendrin stand ich und hielt eine Kerze in der einen Hand, mit der anderen hielt ich meine Tochter fest. Die Kerze brannte aber nicht. Zu gefährlich. Plötzlich fuhr ich aus meinem wirren Geisteszustand auf, aus der Küche dröhnte lautstark das Radio. Die Heizung sprang wieder an. Die Wohnung erstrahlte tageshell. Der Strom war zurück. Und das schon um 20.00 Uhr. Sechs Stunden Blackout überlebt! Und während ich mich dankbar dem Trash-Fernsehprogramm hingab, wusste ich: Das nächste Mal muss ich besser prepared sein.