Es gibt einen Haufen Sprichwörter, die immer wieder verwendet werden, aber kaum Berührungspunkte mit der Realität haben. Ein Beispiel: du musst am nächsten Tag um 8.00 Uhr top gestylt und duftend Frau/Herr deiner Sinne sein, um im Rahmen einer wichtigen Dienstbesprechung einen seriösen und produktiven Diskurs zu führen. Gerade in der Faschingszeit tun sich fantastische Möglichkeiten auf, weder nüchtern noch pünktlich ins Bett zu kommen – sprichwörtlich handelt es sich dabei aber um eine Win-Win-Situation, denn: Wer feiern kann, kann auch arbeiten!“.

Obwohl du zum anspruchsvollen und selektiven Segment der Menschheit gehörst und es mittlerweile kaum möglich ist, auf analogem Wege, zwischenmenschlich jemanden brauchbaren zu finden – diesen Abend gelingt es dir in dieser schmuddeligen Bar trotzdem, denn: „Jeder Topf findet seinen Deckel“. Trotz des zehnten Gin-Tonics, hast du das Gefühl, dich beim Anblick des, als Greta Thunberg verkleideten Typen, nichts anderes als fremdschämen zu können. In Wirklichkeit täuscht dich diese allmächtige Reaktion deines Körpers jedoch, denn das panische Verkrampfen deiner oberen Magengegend rührt daher, dass dir dein Bauchgefühl etwas völlig anderes mitteilen möchte, nämlich: „Wie die Nase eines Mannes, so sein Johannes!“ – und obwohl du dich rein äußerlich von der grobgeschnittenen Visage des Vollproleten abgestoßen fühlst, führt nichts an der Klarheit der Situation herum, vor dir am Tresen lehnt ein absoluter Lotto-Sechser. Aufmerksam hast du seine Äußerungen und plumpen Anmachsprüche verfolgt und du weißt, dieser erfolgreiche und weltgewandte Mann wird dich auf Händen tragen – denn du bist eine volle Prinzessin, denn: „Kinder, Narren und Betrunkene sagen die Wahrheit.“  Nach der besten, kürzesten Nacht deines Lebens, gelingt es dir, durch deine Weingeist-beflügelte Art, beim Projekt in deiner Arbeit der Durchbruch und du wirst nach Jahren endlich befördert. Und das, Dank der durch Sprichwörter erschaffenen Parallelwelt.

In Wahrheit hinkt diese Geschichte. Und das hier ist ein Familienblog und kein Single-Sauf-Guide. Aber die Unvereinbarkeit von „Kinder, Narren und Betrunkene sagen die Wahrheit“ mit der Realität, kann ich hier eins zu eins übernehmen. Mit ungefähr vier Jahren beginnen Kinder zu lügen. Und das nicht süß und naiv, sondern objektiv betrachtet, dreist und gewissenlos. Lese ich in Erziehungsratgebern darüber, wäre es das Beste, dem Kind die Möglichkeit zu geben, die Wahrheit zu sagen. Finde ich eine schöne Idee, aber es scheitert an der Ausführung. Komme ich beispielsweise aus der Dusche zurück und an der Wand prangt ein riesengroßes Filzstift-Grafitti, wird meine Tochter (trotz Filzstift in der Hand), diese Aktion sofort ihrem großen Bruder in die Schuhe schieben zu probieren, der zu dieser Zeit übrigens in der Schule ist. Und weil sie eine Wiederholungstäterin ist, möchte ich, trotz Expertenrats dem ganzen Geschmiere irgendwie kein Verständnis mehr entgegenbringen. Aber Strafen und Geschimpfe funktionieren leider auch nicht – infolge so einer Diskussion verschwindet sie tödlich beleidigt in ihr Zimmer und gibt sich divenhaft, lautstarkem Schluchzen und Wimmern hin. Auf das habe ich auch keine Lust – obwohl ich mir der Show dahinter bewusst bin, tut sie mir leid.

Das Interessante am Leben ist, es bietet immer verschiedenste Möglichkeiten und Wege – auch in der Erziehung. Zu Weihnachten sind im Rahmen eines Weihnachtspaket der „Schottland-Omi“ zwei Wichtel bei uns eingezogen. Rein optisch geben sie nicht wirklich was her, das Interesse meiner Kinder an ihnen war im Vergleich zu den anderen Geschenken eher gedämpft. Meine Tochter konnte sich aber daran erinnern, dass sie schon letztes Jahr einen bekommen hätte. Ich erzählte das meiner Schottland-Mutter bei einem Telefongespräch und stellte wieder mal fest, es wäre nicht meine Mutter, hätte dieser Plastikkitsch keine besondere Bewandtnis:

Wichtel sind dafür bekannt, Sachen zu erledigen, die wir Menschen nicht schaffen oder nicht machen wollen. Ursprünglich leisteten sie nur Dienst beim Weihnachtsmann, laut unserer „Familienlegende“ arbeiten sie mittlerweile aber auch unterm Jahr und sind ähnlich fleißig wie die Heinzelmännchen. Sie sind vor allem da zur Stelle, wo ein ganz blödes Unglück passiert ist und wieder irgendein grober Unfug stattgefunden hat, zu dem sich kein Kind bekennt.  Klopapier im verstopften Waschbecken trotz Plantschverbotes im Badezimmer – der Wichtel war es. Schminkzeug über Kind und Wand verteilt, obwohl ich es im hintersten Winkel der Wohnung versteckt habe – der Wichtel war es. Fliesen mit Penatencreme zu Hochglanz poliert – der Wichtel war es.

Das ist praktisch in der innerfamiliären Kommunikation, weil niemand direkt beschuldigt wird und trotzdem nichts unangesprochen bleibt. Nach jedem abgestrittenen Tathergang sitzt der Wichtel am Polster des „unschuldigen“ Kindes. Oder am Schreibtisch, vielleicht auch nur vor der Zimmertüre… Meine Tochter, die meistens die Unschuldige ist, hasst den Wichtel kurioser Weise wie die Pest. Voller Gewissensbisse schmeißt sie ihn von ihrem Zimmer, ins Zimmer ihres Bruders, oft sitzt er auf einmal auf der Arbeitsfläche in der Küche. Letztes Mal habe ich sie dabei beobachtet, wie sie einem der Wichtel die Beine mit der Bastelschere abgeschnitten hat. Was im übrigen offiziell der Wichtel selbst war – denn Lügen haben bekanntlicher Weise kurze Beine. Womit bewiesen wäre, dass manche Sprichwörter doch einen wahren Kern in sich tragen. Und jetzt verstehe ich auch, warum man nie genug Wichtel haben kann – Mütter haben immer recht. Vor allem meine.