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Zuallererst möchte ich festhalten, dass es sich bei diesem Beitrag keinesfalls um einen Geburtsbericht handelt. Das mit den Geburtsberichten ist meiner Meinung nach so ein ähnliches Unding, wie das abendfüllende Betrachten der Urlaubsfotos von Bekannten. Du wirst den ganzen Abend das Gefühl nicht los, dort gewesen sein zu müssen, um die Begeisterung teilen zu können. Und wenn du wirklich schon dort gewesen bist, hast du die Euphorie bereits an Ort und Stelle erlebt – und falls du zufälliger Weise, genau diesen Ort zu bereisen planst, wirst du dort deine eigenen Erfahrungen machen und ganz eigene Bilder nach Hause mitbringen. Wie ihr seht, an mir ist kein Reiseblogger verloren gegangen. Aber zurück zum Thema.

Wie ihr vielleicht von mir gelesen habt (Blackout over Tainach/Tinje!), hat meine Tochter in der Woche ihres vierten Geburtstag an einem Magen-Darm-Infekt herumlaboriert. Eine Tatsache die mich nicht allzu sehr beunruhigt hat, nachdem klar war, es handle sich nicht um den von mir gefürchteten Norovirus. Aber wir wären nicht wir, wenn die Geschichte an dieser Stelle zu Ende gewesen wäre.

Am folgenden Wochenende feierte unsere Tochter ihren Geburtstag nach, obwohl sie Vormittags ziemlich knautschig war und sich „müde“ in ihrem Zimmer zurückzog. Bei der Feier am Nachmittag bekam sie einen kompletten Einbruch, die letzte Stunde verbrachte sie schlafend und fiebernd auf dem Schoß von Papa. Zuhause angekommen flößte ich ihr fiebersenkende Medikamente ein und klammerte mich noch immer an die Hoffnung, sie hätte ihren Magen-Darm-Infekt einfach noch nicht zur Gänze ausgeheilt. In der folgenden Nacht nahm das Drama einen fulminanten Aufschwung, das Fieber schoss so richtig in die Höhe, die Medikamente halfen zwar etwas, aber unter 39° C kamen wir nicht runter. Nachdem wir jeweils die halbe Nacht an der Seite unserer Tochter verbracht haben, beschlossen wir morgens vollkommen gerädert mit ihr ins Krankenhaus zu fahren – Ich wollte unbedingt ausschließen, dass wir es mit der Influenza zu tun haben – zumal unsere Tochter immunsupprimiert ist und ich hochschwanger war.

Im Krankenhaus wurde unsere Tochter sofort untersucht. Sie zeigte sich, klinisch betrachtet, in keinem besorgniserregenden Zustand – die Ärztin konnte ihrer Einschätzung nach, eine Influenza-Infektion ausschließen, abgesehen vom Fieber machte Klara einen zu fitten Eindruck. Um auf Nummer sicher zu gehen, wurde trotzdem ein Rachenabstrich gemacht. Das Ergebnis käme am Nachmittag – die Ärztin würde sich melden, falls dieser, wider Erwarten positiv ausfiel. Beruhigt fuhren wir heim, unsere Klara war trotz des Fiebers halbwegs fit und spielte voller Freude mit der Knete, die sie zum Geburtstag bekommen hatte – als mein Handy läutete. Die Nummer vom Krankenhaus stand auf meinem Display und ich dachte mir in diesem Moment einfach nur: Verdammte Scheiße.

Die Ärztin konnte es selbst nicht glauben, der Test war – trotz Klaras gutem Allgemeinzustandes, eindeutig positiv ausgefallen. Das Rezept für die Grippemedizin würde sie an die Apotheke faxen, wir müssten noch am selben Tag mit der Therapie beginnen. Natürlich wäre das ganze Szenario nicht optimal, sie würde für mich auf der gynäkologischen Abteilung nachfragen, was ich tun könnte, sollte ich mich angesteckt haben. Beim nächsten Telefonat sagte sie mir, ich könne eigentlich nichts tun, keines der Medikamente wäre in der Schwangerschaft zugelassen. Aber ich hätte bis zum Geburtstermin eh noch ein wenig Zeit, im Falle einer Ansteckung würde ich bis dahin gesund sein. In diesem Moment ging ich tief in mich und coachte mich selbst, indem ich mir einredete: du wirst nicht krank.

In der kommenden Nacht wurde ich krank. Mich plagte ein furchtbarer Husten, ich bekam hohes Fieber und musste geschätzte 1000 mal auf die Toilette. Morgens teilte ich die frohe Botschaft meinem Lebensgefährten mit, in der Hoffnung, er wäre noch gesund. Er, der tatsächlich gesund war, brachte den Sohn in die Schule, während unsere Tochter und ich völlig fertig im Bett lagen und auf das Ende warteten. Gegen elf Uhr läutete mein Handy. Die Nummer der Schule stand auf dem Display – meinem Sohn ginge es extrem schlecht, wir sollen ihn bitte holen kommen. Er hatte sich auch angesteckt. Eine halbe Stunde später lagen wir schon zu dritt im Bett. Mein Lebensgefährte war als Einziger noch immer gesund.

Die nächste Nacht war ein nicht endender Alptraum. Ich hustete mir nicht nur die Seele aus dem Leib, sondern auch das Baby – um 5 Uhr morgens setzten die Wehen ein. Ein Szenario, das in seiner Beschissenheit seinesgleichen sucht. Wer schon einmal ein Kind bekommen hat (oder einen Geburtsbericht gelesen hat), weiß, welch verdammte Arbeit es ist, zu gebären. Zusätzlich muss ich hierbei erwähnen, dass die zwei vorangegangenen Geburten keine Kinderbuchgeburten waren. Die Geburt meines Sohnes war eine abgebrochene Hausgeburt, die 19 Stunden nach dem Blasensprung im Krankenhaus ein „glückliches“ Ende fand, wobei das Wort Kaiserschnitt von Seiten der Hebamme und Ärzte mehr als einmal fiel. Bei meiner großen Tochter, der zweiten Geburt, war es dann wirklich so weit. Nach 14 Stunden Muttermund-unwirksamer und trotzdem endlos schmerzhafter Wehen wurde unsere Tochter wegen unzureichenden Sauerstoffzufuhr per Notkaiserschnitt geholt. Und jetzt sollte ich komplett fertig, vollkommen grippedurchseucht und kraftlos ein Kind auf die Welt bringen? Unfassbar, zu welch Gräueltaten die Natur fähig ist.

Während ich mit der Rettung ins Krankenhaus fuhr, machte ich mich auf alle möglichen Szenarien gefasst. Mir war es vollkommen egal, wie diese Baby auf die Welt kam. Hauptsache, es wäre danach gesund und munter.

Im Kreissaal wartete bereits die Hebamme auf mich. Mit Mundschutz natürlich. Sie stellte sich erstaunlich gelassen vor und schloss mich an den Wehenschreiber an. Nach einer halben Stunde war klar, dass es sich hierbei um echte Wehen handelte – und sie sagte in ruhigem Ton zu mir: das kriegen wir schon hin. Des weiteren wollte sie wissen, wie die anderen Geburten waren und warum ich bei meiner Tochter einen Kaiserschnitt hatte. Ich erzählte ihr kurz davon und sagte, dass ich hoffte, bei diesem Kind natürlich gebären zu können. Was jetzt ja leider nicht der Fall wäre. Sie schaute mich an und fragte ich, ob ich das echt wolle, einen Kaiserschnitt. Und ob ich irgendeine Vorstellung haben würde, was ich für Schmerzen mit meiner Husterei und der Narbe danach hätte. Okay. Dann halt normal. Und wirklich: Durch klare, verständlich Anweisungen, kam ich bei der dritten Geburt endlich in den Vorzug eines soliden Ablaufes. Ohne in Panik zu geraten oder bei meinem Handeln völlig auf mich selbst gestellt so sein, schaffte ich es, mit der unglaublichen Unterstützung dieser Hebamme, das Kind trotz Fieber und absoluter Erschöpfung innerhalb von drei Stunden auf die Welt zu bringen. Wohlgemerkt ohne Schmerzmittel, abgesehen von Paracetamol gegen das Fieber. Sofort nach der Geburt, wurde das Baby dem Kinderarzt übergeben, der mit ihm sofort den Kreissaal verließ, die Ansteckungsgefahr war zu hoch, als dass er warten hätte dürfen.

Lorena kam am Faschingsdienstag auf die Welt. Sie wurde auf der Neonatologie ausschließlich von den Krankenschwestern betreut. Wir durften wegen der Infektionsgefahr erst am darauffolgenden Sonntag zu ihr. Weil mein Sohn immer noch nicht hundertprozentig fit war, konnten wir sie erst am Montag nach hause holen. Da war bereits eine ganze Woche nach der Geburt vergangen. Genug Zeit, um mich über mich selber grün und blau zu ärgern. Wie kann man so dumm sein, sich trotz Schwangerschaft und immunsupprimierten Kind nicht Grippe-impfen zu lassen? Wegen meiner vollkommender Ignoranz und grenzenloser Naivität waren meine großen Kinder krank, bei mir wurden vorzeitige Wehen ausgelöst und mein Baby lag allein im Krankenhaus. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ab nächsten Jahr werde ich mein Familie und mich unter Garantie impfen lassen – diesen Dreck brauche ich nie wieder!

Die nächste Erkenntnis die ich durch das Ganze erlangt habe, ist die, dass es Hebammen und richtige Hebammen gibt. Wie gesagt, erst bei der dritten Geburt hatte ich das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Die Dame war in der Lage, mich so konkret durch den Geburtsvorgang zu führen, dass ich, wie schon gesagt, binnen kürzester Zeit und widrigster Umstände unsere kleine Tochter, die übrigens sogar ein Sternengucker war, absolut gesund zur Welt bringen konnte. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Das wurde mir aber auch erst in den letzten Tagen bewusst. Irgendwie ist das im ganzen Trubel untergegangen. Ich werde der Hebamme nächste Woche einen Jahresvorrat Schokolade ins Krankenhaus bringen.

Letztendlich ist alles gut gegangen, wir sind wieder alle fit und wenn ich unser kleines rosiges Mädchen in den Armen halte, ist das ganze Spektakel in meinem Kopf natürlich sehr weit entfernt. Aber mir ist durchaus bewusst, dass es anders ausgehen hätte können. Meine Empfehlung geht absolut in Richtung Grippe-Impfen.