Vor ein paar Tagen bekam ich eine Benachrichtigung. Ich hätte meinen Blog nun seit fast einem Jahr und es wäre an der Zeit, meinen Tarif zu verlängern. Ich sinnierte ein wenig vor mich hin und entschied mich für ein weiteres Jahr insociallife.com.

Für die Verlängerung sprach, neben den großteils sehr positiven Rückmeldungen von euch, vor allem der therapeutische Effekt, den das Schreiben auf mich hat. Der Blog dient mir teilweise als Tagebuch, bietet mir Fläche mich selbst zu reflektieren und gibt Raum um gewisse Themen zu diskutieren.

Als ich vor einem Jahr diesen Blog eröffnete, war ich rein emotional gesehen, ganz weit hinten unterwegs. In Kärnten gab es zu dieser Zeit einen besorgniserregenden Masernausbruch. Für uns, mit der immunsupprimierten Klara ein Alptraum. Zu dieser Zeit durfte mein Sohn nicht mehr in den Kindergarten und wir mieden die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Mussten wir trotzdem irgendwo hin, desinfizierten wir uns von Kopf bis Fuß, meine Tochter trug einen Mundschutz, während wir von Unwissenden milde belächelt wurden. Die Situation war beklemmend. Ich wollte meinen Zorn auf die Ignoranten rausschreien, meine Kehle war von der Angst vor dem Ungewissen zugeschnürt. Das bloggen half. Schreiben statt schreien. Dinge ansprechen statt reinfressen.

https://insociallife.com/2019/04/15/what-the-fck-are-measles-oder-das-ding-mit-dem-spazierengehen/

Neben der ganzen Schreiberei half es zu gehen. Oder besser gesagt – hilft es zu gehen. Denn wenn ich es genau betrachte, die Situation heute ist genau die gleiche wie vor einem Jahr. Wir sind zu Hause, meiden Sozialkontakte, ich arbeite von daheim aus. Nur diesmal sitzt die ganze Welt mit im Boot der Ungewissheit und Unsicherheit. Nicht nur ich spaziere, sondern ganz Österreich. Seit gestern spaziert auch Deutschland mit, den Spaniern vergeht schön langsam die Lust am Spazieren, in Norditalien hat es sich für viel zu viele leider ausspaziert und bei den Briten dürfen die nächsten Monate nur noch die jungen „Ungefährdeten“ spazieren. Die Situation hält ganz Europa in Atem, wobei diese Formulierung irgendwie echt fehl am Platz ist.

Österreich nimmt in Europa die stolze Vorreiterrolle im Kampf gegen das Virus ein. Sogar die deutsche BILD lobt unser Land für den jungen, strengen „Corona-Kanzler“. Was für mich in dem ganzen Trubel untergeht, ist die Geschichte mit Ischgl. Ab und zu liest man ein paar Zeilen darüber – aber dass das, was da aus Österreich raus gegangen ist, das Schlimmste seit ungefähr 90 Jahren ist, kommt eigentlich in dieser Dramatik nirgendwo rüber.

Ich wohne im Bezirk Völkermarkt in Kärnten. Ich kann hier wunderbar spazieren gehen. Weit und breit gibt es kaum größere Menschenansiedlungen. Und trotzdem verbreitet sich das Virus hier in einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit, die weit über dem österreichischen Durchschnitt liegt. Ein Begräbnis, das vor den geplanten Maßnahmen stattgefunden hat, soll der Grund sein. Blöd gelaufen, könnte man sagen. Was da gerade auf uns zukam, hat ja keiner erahnen können. Ich bin mir da aber nicht so ganz sicher. Denn:

Am Freitag den 13. 3. 2020 trat der junge Corona-Kanzler vor die Kamera. Ganz Österreich starrte wie gebannt auf die Bildschirme, nur in Tainach (das ist die kleine Ortschaft, in der ich wohne), waren einige Leute gerade dabei, sich Hände schüttelnd und umarmend voneinander zu verabschieden. Denn auch hier gab es ein Begräbnis. Da es sich bei der Verstorbenen um eine angesehene Bürgerin handelte, waren die Trauergäste viele – der Anteil an Polizisten und Feuerwehrmitgliedern war hoch.

Während ich mich über diese Vorgehensweise sehr wundere, tun sich in meinem Kopf weitere Fragen auf. Sind die Maßnahmen – die zweifelsohne lebensrettend sind – so lange haltbar, bis die bedrohliche Lage für meine gefährdete Klara entschärft ist? Was würde meiner, einen Monat alten, Lorena passieren, sollte sie sich ebenfalls infizieren? Welches Modell der Kinderbetreuungszeit muss ich wählen, damit wir zeittechnisch auf der sicheren Seite sind? Könnte ich den daraus resultierenden finanziellen Verlust ausgleichen, wenn ich in Zukunft ausschließlich von zu Hause aus arbeiten würde? Spricht man das Wort „Karantäne“ oder „Kwarantäne“ aus? Würde meine Klara wesentlich stärker erkranken als andere Kinder? Reichen die Beatmungsgeräte für Kinder im Ernstfall aus? Wie viele Kinder gibt es in unserem Land, die ebenfalls zur Gruppe der Risikopersonen zählen?

Ich habe keine Lust auf diese Hirnwichserei. Und so geht es nun aber der halben Welt. Die Lage wird dadurch nicht besser. Das geteiltes Leid, nur halbes Leid ist, stimmt schlicht und ergreifend nicht. Dieses verdammte Virenthema ist nicht nur unser Problem, jetzt hat es jeder. Weil fast jeder jemanden kennt, der stärker gefährdet ist. Der Großteil der Menschen begreift schön langsam, wie menschenverachtend und asozial das Ding mit den Verschwörungstheorien ist. Das Echauffieren über Impfgegner war lange Zeit mein privates „Vergnügen“. Heute warten alle auf ein Medikament oder Serum. Sogar die beschränktesten Realitätsverweigerer erleben gerade eine Geistesdämmerung und bleiben zu Hause. Zumindest die meisten. Nur noch vereinzelt lese ich irgendeinen Dreck über das 5G-Netz und seine verstärkende Wirkung auf das Virus und gefälschte Klappentexte von „Wuhan-Romanen“ geistern immer seltener in den Timelines herum. Ich hoffe, das Vertrauen in die Realität und in die Wissenschaft hält auch nach dieser Krise noch lange an.

Für uns ist klar: sollten die Maßnahmen nach Ostern beendet werden, bleiben sie für uns trotzdem erhalten. Klara wird sehr lange keinen Kindergarten mehr besuchen – falls es uns bis dahin nicht eh schon erwischt hat. Das Risiko, das vereinzelte Infektionen mit sich bringen, ist mir schlicht zu hoch. Das Virenthema, welches uns sowieso ein ganzes Leben begleitet, ist um eine große Facette reicher. Ich bin echt gespannt, wie die Dinge bei meinem nächsten Blog-Jubiläum stehen – und hoffe, dass keine weitere Steigerung drin ist.