Liebe Tetka L.,

während ich diese paar Zeilen verfasse, schüttet es in Strömen. Beim Anblick der Nebelfront, die sich einem nassen Vorhang gleich, über den kleinen Weinhügel vor unserem Haus schiebt, muss ich unweigerlich an dich denken. Im Moment hast du Urlaub. Und gerade du verdienest allen Sonnenschein auf dieser Welt.

Vor vier Jahren hattest du zu dieser Zeit auch frei. Du warst im Krankenstand. Die Bezeichnung „krank“ trifft es jedoch nicht.

Du warst unglaublich mutig, großherzig und voller Liebe.

Bist es heute auch.

Anders als am heutigen Tag, glühte damals die Sonne unbarmherzig vom norddeutschen Firmament. Braun waren die Wiesen auf dem Gelände der Medizinischen Hochschule in Hannover. Ausgetrocknet und von der Hitze versengt. Während wir dort endlose Spaziergänge mit dem Kinderwagen unternahmen, war es, als würde die Zeit nicht fließen. Dem patzig-weichem Asphalt gleich, verklebte sie einen langen Tag mit dem nächsten. Spann lange Fäden, in der hochsommerlichen Hitze. Heizte unsere Nervosität nur noch mehr an. Denn wir wussten, bald würde es ein „Davor“ und ein „Danach“ geben. Wie das „Danach“ sein würde, wussten wir damals nicht. Aber wir hatten eine Idealvorstellung. Vor allem du hast immer daran geglaubt, dass alles gut werden wird.

Und du hattest Recht. Im großen Unterschied zu denen, die nur wohlgemeinte Prophezeiungen aussprachen, hast du nämlich das Einzige getan, was das Leben dieses kleinen Wesens retten konnte.

Am 29. August 2016 war es so weit. Im Kittelchen auf der Bahre liegend, ließt du dich in den OP-Saal schieben. Obwohl du dich einer einwandfreien Gesundheit erfreutest, warst du bereit, dich einer schweren Operation zu unterziehen. In mehreren Schritten wurde dir, dein zarter – für den kranken Babykörper perfekt passenden, linker Leberlappen entnommen. Augenblicklich versorgten die Ärzte das kleine Stück dieses lebensrettenden Organes und bereiteten es für die Transplantation in den Körper unserer Tochter vor.

Während unser Baby seine neue gesunde Leber empfing, kamst du langsam zu dir. Wir hatten schon auf dich gewartet. Durften dir dein Wasser reichen. Du hattest großen Durst. Danach war dir schlecht. Trotzdem konntest du schon wieder scherzen – du weißt, welche Fotos ich meine, wenn ich „Sonnenbrille“ schreibe…

Wirklich zwanglos und frei wurde unser Lachen dann, als wir den befreienden Anruf bekamen, Klara sei aus dem OP – alles ist gut gegangen. Aus unserem Lachen wurde Weinen. Da war also das „Danach“. Ihr Leben startete noch einmal von Neuem. Zum zweiten Mal. Dank dir.

Nach zehn Tagen verließt du Hannover. Die T-förmige OP-Narbe war noch nicht verheilt, gebückt hast du dein Köfferchen hinter dir hergezogen. Bist alleine mit dem Zug nach Kärnten gefahren.

Mittlerweile ist deine Narbe schwer zu sehen. Bei genauerem Hinsehen zieren zwei dünne, weiße Striche deinen Bauch. Umso stärker ist die Bindung – die zwischen dir und Klara. Eure Liebe ist bedingungslos und unendlich. Lange haltet ihr es ohne einander nicht aus. Ihr teilt euch nicht nur eine Leber, ihr seid ein Herz und eine Seele.

Klara lebt mittlerweile ein völlig normales und glückliches Leben und ich danke dir von ganzem Herzen für deinen Edelmut und deine Selbstlosigkeit. Du hast unserer Tochter das großartigste Geschenk in diesem Universum gemacht und damit unserer ganzen Familie das Leben gerettet.

Ich hoffe du weißt, wie dankbar ich dir dafür bin!

August 2020 – zum 4. Lebergeburtstag.

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