© Sarah Zöllner, mutter-und-sohn.blog

(Dieser Gastbeitrag wurde von Sarah Zöllner, Autorin und Bloggerin – https://mutter-und-sohn.blog/ verfasst. Großen Dank und alles erdenklich Gute und Schöne für die bevorstehende Geburt!)

In wenigen Wochen ist es soweit. Ich werde – hoffentlich – unser zweites Kind gesund und neugeboren in meinen Armen halten. Der Gedanke erfüllt mich mit vibrierender Vorfreude, aber auch einer gewissen Furcht, wenn ich an die „Stationen“ denke, die davor noch auf mich und dieses zarte Leben warten. Dabei habe ich keine Angst vor der Geburt. Ich vertraue mir und meinem Körper. Ich bin sicher, dass es mir auch bei diesem zweiten Mal, bei dem ich Leben in die Welt bringen werde, gelingen wird, während des Gebärens bei mir selbst zu bleiben, mich kraftvoll dieser extremen Erfahrung hinzugeben. Und dennoch…

Was mich beunruhigt, ist der Rahmen, in dem ich – gezwungenermaßen – diese zweite Geburt voraussichtlich erleben werde. Herausgerissen aus meinem persönlichen Umfeld. In einem Krankenhaus, ohne die Abläufe dort zu kennen, zwar mit meinem Partner als Unterstützung, aber ansonsten mit mir bis dato völlig fremden Menschen und vor allem ein Stück weit ausgeliefert an ein Prozedere, das ich nicht selbst wählen kann. Corona-Fiebercheck bei der Aufnahme ins Krankenhaus, CTG, feste Abläufe und „Leitlinien“, die die Geburtshelferinnen und Ärzt/innen zumindest im Kopf behalten müssen.

  1. Nicht Furcht – Zuversicht

Aber ich will nicht die Furcht nähren, sondern die Zuversicht. Ich bin stark und ich kann meinem Körper vertrauen. Darüber möchte ich in diesem Beitrag schreiben. Ich habe mich als Frau bereits in vielen Situationen als lebendig und kraftvoll erlebt. Als ganz junge Frau in meiner Neugier und in meinem Aufbruch zu zahlreichen Reisen in die ganze Welt. Mitte 20, als ich mich, während Studium und Berufseinstieg, fragte: Wer bin ich? Was will ich? Und was ist mein Platz in dieser Welt? Dann als Mutter meines ersten Kindes: überwältigt von der Liebe und Verantwortung, die ich mit einem Mal spüren durfte. Seit fünf Jahren wachse ich dabei innerlich, während unser Sohn auch äußerlich immer größer wird.

Und nun eben unser zweites Kind. Nach der Trennung vom Vater meines Sohnes 2017 darf ich die verblüffende Wendung erleben, dass ich, mit mittlerweile 40 Jahren, noch einmal Mutter werde. Noch einmal das Wachsen neuen Lebens in mir, die Frage: „Was wird?“ Frohe – und manchmal auch bange – Erwartung. Ich bin dankbar dafür.

  1. Was die Menschen um mich mir spiegeln

Von den Menschen, die mich während dieser Schwangerschaft begleiten, wird mir dabei ganz Unterschiedliches entgegengebracht. Mein großer Sohn staunt über das Baby im Bauch und möchte zugleich, dass dieses ganz sicher nicht seinen Platz einnimmt. Er fordert – vehement und liebevoll – meine Aufmerksamkeit. Mein Partner wächst nach und nach in die Vorfreude auf dieses zweite Kind hinein. Es bleibt für ihn, verborgen in meinem Bauch, trotzdem wohl noch immer etwas abstrakt. Doch er wird ein guter Vater sein, ich weiß es. Meine Freundinnen, die sich mit mir freuen und meine Erwartung teilen. Meine Familie, die mir Rückhalt gibt. Und dann sind da noch die Medizinerinnen und Mediziner, die unser Kind und mich seit den ersten Wochen überwachen und vermessen. Die seine – und meine – Entwicklung mit Regelwerten und Perzentillen abgleichen. Groß genug, gut entwickelt? Der kleine Körper normgerecht, alle meine „Funktionen“ als Mutter wie erwartet?

Ich will den mich begleitenden Ärztinnen und Ärzten nicht unrecht tun. Sie erfüllen ihr Handwerk durchaus feinfühlig und rücksichtsvoll. Wir führen Gespräche, sie gehen auf meine Fragen und Bedürfnisse ein. Und dennoch: bei aller Freundlichkeit und Bereitschaft, mich in meiner frohen Erwartung zu begleiten, ist die Grundlage ihrer Kunst der Versuch, die Gefahr abzuwenden, ein potentielles Risiko möglichst gering zu halten.

  1. „Risikoschwanger“ mit über 35?

Warum bin ich, körperlich und seelisch spürbar in meiner Kraft, mit über 35 automatisch eine „Risikoschwangere“? Warum soll meine Schwangerschaft mit einem Dutzend Bluttests, mit Ultraschall und Genscreening überprüft werden? Soll mir das Sicherheit vermitteln? Beruhigung? Ich mache die Erfahrung: genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr (Fein-) Diagnostik mit dem Blick darauf, was potentiell nicht vollkommen sein könnte, um so nervöser werde ich, umso mehr entferne ich mich auch von mir und meinem – eigentlich guten – Körperempfinden. Nach mancher Untersuchung muss ich mich in gewisser Weise erst wiederfinden, wieder zurückfinden zu dem tiefen Vertrauen „alles wird gut“ und selbst wenn nicht alles „gut“, unser Kind womöglich nicht völlig gesund wäre, wird alles so sein, wie es für uns als Familie gut, d.h. richtig, sein wird.

Meine tiefe Überzeugung ist, dass wir im Leben mit genau den Dingen konfrontiert werden, die dazu dienen, das Leben wirklich zu leben, also an ihm zu wachsen, uns von ihm erfüllen zu lassen, kein „Zaungast“ zu bleiben, sondern mitten drin in ihm unseren Platz zu finden. Dieser Platz hat per se seine Qualität. Egal, ob wir nach Wertung von außen gesund sind oder krank, körperlich unversehrt oder „behindert“, ob wir beruflichen Erfolg und private Erfüllung finden oder nicht. Das Leben ist einfach. Unsere Haltung und Erwartung aber bestimmt, mit welchem Gefühl wir es durchleben.

  1. Meine Stärke: die Hingabe an das Leben

Meine Stärke als Mensch – und hier tatsächlich auch als Frau, die einen anderen Menschen zehn Monate lang in sich wachsen lassen kann – sehe ich darin, dass ich mich in genau dieser Weise dem Leben hingeben und mich ihm anvertrauen kann. Oder ich kann andererseits versuchen, ihm auszuweichen, es an Regeln zu bemessen, zu kontrollieren. Ich habe die Wahl. Das macht mich als Mensch aus. Das ist diese ganz besondere Stärke – und Schwäche – menschlicher Reflexions- und Entscheidungsfähigkeit.

Meinem Empfinden nach gehen viele in unserer rational geprägten Gesellschaft den Weg des Intellekts, der Bewertung und Kategorisierung. Das hat Wissenschaft und Medizin weit gebracht. Ich bin dankbar für Medikamente, Intensivmedizin und modernste Operationstechniken unserer westlichen Welt, die oft genug Leben retten. Und zugleich führen uns all diese Errungenschaften ein Stück weit weg von dem Wissen, das über den Intellekt hinausgeht. Die Weisheit des Berührens, des In-sich-Horchens, der Intuition.

  1. Wo ist die Berührung, das In-sich-Spüren, die Intuition in der Geburtshilfe?

Wo sind die Hebammen in der Geburtshilfe? Wo die Freudenfeiern zur Empfängnis eines Kindes, die Rituale, die die ersten Schläge dieses kleinen Herzens begleiten? Statt in uns zu spüren, starren wir auf das Ultraschallbild, das uns die Ärztin zeigt. Dieser zuckende kleine Punkt vor dunklem Grund ist unser Kind. Und doch nur ein Bild von dem, was kein Bild erfassen kann: die reine Möglichkeit. Ein, bereits in seiner Schöpfung, vollkommen angelegtes, neues Leben.

Ob wir uns dieses Leben gesund, leistungsfähig, „normgerecht“ entwickelt wünschen – oder es aber wirklich und bedingungslos annehmen, wie es ist – ist letztlich unsere Sache. Und vielleicht die ganz persönliche Frage danach, wie sehr wir bereit sind, wirklich zu leben. Mit dem mitzugehen, was das Leben für uns als Weg vorsieht. Zu sein.

© Sarah Zöllner, mutter-und-sohn.blog (05.09.2020)