Oh Mann. Ich bin traumatisiert. Aber ich fange mal von vorne an.

Gestern war ich mit den Kindern im Wald unterwegs, plötzlich kam meine Tochter äußerst aufgeregt aus ihrem „Lager“ gelaufen, ein Igel läge dort am Boden. Schnell folgte ich ihr und schon von Weitem dachte ich mir: „Verdammt, der ist tot.“ War er aber nicht. Nachdem ihn mein Sohn vorsichtig mit einem Stock anstupste, stelle er fest, der Igel atme und hätte „Mehlttau“. Mehltau, so ein Blödsinn, ich wüsste nicht, dass ein Igel Mehltau haben könnte. Ich musste nicht einmal genau hinschauen um zu wissen, wie mein Sohn darauf kam. Die komplette rechte Körperseite des armen Tierches sah aus, als hätte es sich in Sägespäne gewälzt, Fleischfliegenschwärme umkreisten ihn. Ich musste schlucken. Wie zur Hölle sollte ich das Tier von hier wegschaffen, die Option zum Sterben liegen lassen gab es nicht nur wegen der Kindern nicht. Schnell liefen meine Tochter und ich zu unserer Altpapiertonne nach Hause, um einen Pappkarton zu holen, während mein Sohn beim Igel Wache hielt. Im Wald zurück luden wir den Igel ziemlich ungeschickt mit Stöcken auf den Pappkarton und eilten mit ihm zur Rettung nach Hause. Schnell machten wir ihm eine Wärmflasche, legten diese unter ein Handtuch und wickelten ihn ein, damit er wieder in Schwung kam. Ich vermutete, der unnatürliche Kälteeinbruch der letzten Tage hätte ihm den Rest gegeben, zumal er zaundürr war. Im Internet suchte ich nach einem Igel-Erste-Hilfeplan, dort stieß ich auf den Tipp ihm Honig und Kaffee einzuflößen, damit er sich so weit aufrappeln würde um etwas fressen zu können. Laut Igel-Auffangstation ist der Tipp Honig okay, der Kaffee allerdings nee. Trotz alledem gab ihm das, mit einer Spritze eingeflößte Gesöff einen Kraftschub, oder es war die Wärme, die ihn ins Leben zurückholte. Er stand kurzzeitig auf und die Hoffnung, dass er es vielleicht doch schaffen würde stand in den Kinderaugen geschrieben. Euphorisch fuhren meine Tochter, das Baby und ich zum Dorfgeschäft um dem Igel Eier und Katzenfutter zu kaufen, er musste unbedingt etwas essen. Mein Sohn hielt wiederum Wache, mittlerweile hatten wir den Igel samt Handtücher und Wärmflasche in die trockene Badewanne übersiedelt.

Zum Fressen war der Igel trotzdem zu schwach. Wir siedelten ihn in eine große Schachtel um und probierten ihn warm zu halten. Endlich erreichte ich nach vielen Versuchen das Tierheim, die mir sofort die Telefonnummer einer Familie gab, die die einzige Igel-Auffangstation in Kärnten sind. Auch dort kam ich erstmal telefonisch nicht durch. Als wir endlich zum Telefonieren kamen, wurde mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst. Der „Mehltau“ waren Fliegeneier. Sie hätten sofort entfernt werden müssen, anderseits würden ihn die Maden, die in wenigen Stunden schlüpfen, bei lebendigen Leib auffressen. Nässe und Wärme würden den Entwicklungsprozess der Fliegeneier dramatisch beschleunigen. Ich war kurz vorm Heulen. Ich bin leider ein sehr neurotischer Mensch. Abgesehen von Luftballons, Wasserbomben und Gummihandschuhen ekelt es mich vor Maden ebenso. Wobei Ekel ein Hilfsbegriff ist. Ich musste aber feststellen, dass Made Gummi schlägt, denn als ich mit einer langen Pinzette den Igel im Garten zu säubern begann, waren mir die Gummihandschuhe sogar egal. Mittlerweile waren ungefähr drei Stunden vergangen. Der Igel war sehr, sehr schwach und ich merkte, dass ihm das Entfernen der abertausenden Fliegeneier, die wie Knete seine Stacheln bis in die Spitzen verklebten, Schmerzen bereitete. Ich gab mein Bestes, bis es Zeit war loszufahren und den Igel bei einem Autohaus in professionelle Hände zu übergeben. Denn dort wartete die Mutter der netten Dame von der Auffangstation auf uns, sie hatte schon einen weiteren Igel im Auto. Als sie den Igel sah, sagte sie mir, dass es nicht gut aussehen würde, ich könne aber gerne in ein paar Tagen anrufen und nachfragen wie es aussehe.

Am Abend lag ich am Sofa, die Kinder schliefen endlich. Sie waren bis zum Schließen der Augen, davon überzeugt, dass der Igel es sicherlich schaffen würde. Ich las mir Igelberichte durch und stoß auf Unmengen Beschreibungen, was Maden mit lebendigen Igel aufführen würden. Ich hätte heulen können. Geschwächte Igel sind eine perfekte Brutunterlage für ihre Fliegeneiergelege und weil Igel immer seltener Nahrung finden, sind sie ein gefundener Fraß für deren Brut. Ich versuchte die Bilder und Gedanken irgendwie aus meinem Kopf zu kriegen, aber leider erfolglos.

Irgendwann ging ich schlafen, ich träumte die ganze Nacht von Fliegeneiern, die wie Knete unter meinen Nägeln klebten. Mir ist jetzt noch grottenschlecht. Vielleicht hilft es mir, das Ganze nun aufgeschrieben zu haben. Oder vielleicht hilft es einem Igel, der gefunden wird und dadurch viel schneller vom „Mehltau“ befreit wird. Denn das ist das, was ihm das Leben retten könnte.