Eigentlich habe ich geschworen, mir das leidige Coronathema auszusparen. Aber diese Geschichte schreit danach, erzählt zu werden.

Ich melde mich nach einer langen Pause zurück. Der Grund meiner Abwesenheit war so simpel wie paradox, obwohl eigentlich nichts berichtenswertes passierte, fehlte mir anderseits einfach die Zeit für alles. Ihr wisst schon. Unternehmen kannst nichts, Kinder alle Ritt zuhause. Homeschooling, Homeoffice und die restlichen Dinge, die zur neuen Abnormalität zählen. Abgesehen davon, dass wir ein Kind aus der Risikogruppe zuhause haben, wünschen wir uns nichts mehr, als dass diese Zeit so schnell wie möglich der Vergangenheit angehört und halten uns penibelst an die Regeln. Dazu gehört es auch, auf Nummer sicher zu gehen, wenn es darum geht, andere Menschen zu schützen.

Genau so ein Fall trat letzte Woche ein. Mitte der Woche erwachte unsere mittlere Tochter, hatte leichten Husten und ich bildete mir ein, sie wäre einen kleinen Tick zu warm. Obwohl die darauf folgende Temperaturmessung kein alarmierendes Ergebnis ergab, rief ich in ihrem Kindergarten an und befreite sie vom Besuch, bis rein theoretisch keine Ansteckungsgefahr mehr von ihr ausging. Sicher ist sicher. Nebenbei holte ich bei meiner Freundin zwei Corona-Antigentests für zuhause ab. Ich brauchte Gewissheit. Immerhin zählt sie aufgrund ihrer medikamentösen Immunsuppression zur Risikogruppe. Uns viel ein Stein vom Herzen, als ihr Test negativ ausfiel und sie auch keinerlei Symptome mehr zeigte.

Am Nachmittag kam unser Sohn von der Schule nach Hause. Mit einer Mitteilung der Lehrerin im Gepäck, er hätte ein anderes Kind ziemlich übel beschimpft und als Draufgabe noch getreten. Ich war richtig sauer. Und suchte das Gespräch mit ihm. Aus Scham blockte er komplett ab und ich sah in dieser Situation keine andere Möglichkeit, als ihn zu bestrafen. Am Wochenende würde er weder fernschauen, noch Nintendo spielen. Abends lag der junge Provokateur kleinlaut im Bett und klagte über Bauchschmerzen. „Psychosomatisch“ dachten wir – als ihm auch noch „sehr, sehr kalt“ wurde, miss ich auch seine Körpertemperatur. 37,4 – also erhöht. Natürlich führten wir auch bei ihm einen Corona-Antigentest durch und freuten uns über ein weiteres negatives Ergebnis. Es gab anscheinend doch noch andere Krankheiten als Corona auf dieser Welt.

Abends schrieb ich seiner Lehrerin eine Nachricht, schilderte kurz die Lage, erwähnte jedoch auch die zwei negativen Testergebnisse und befreite unseren Sohn sicherheitshalber einmal für mindestens den Rest der Woche von der Schule. Sicher ist sicher. Sie wünschte ihm eine gute Besserung und betonte aber auch, wir mögen die Symptome weiter beobachten und im Zweifelsfall die Gesundheitshotline anrufen. Bald darauf ging ich zu Bett, ich hatte sehr starke Kopfschmerzen. Der stressige Tag ging anscheinend nicht spurlos an mir vorbei.

Die nächsten zwei Tage vergingen ohne nennenswerte Vorfälle. Die Kinder blieben beide zuhause, zeigten sich aber gesund. Am Samstag traute ich mich zu denken, die Situation wäre so weit überstanden. Und machte mich insgeheim über mich selber lustig – unfassbar, wie ängstlich und paranoid man werde und was diese elendige Zeit aus einem mache. Bis ich auf einmal eine SMS vom Gesundheitsamt erhielt:

„Es besteht der Verdacht, dass Sie (Namen meines Sohnes) an Covid-19 erkrankt sind. Bitte füllen Sie das Kontaktpersonenformular unter …. aus….“

Und in diesem Moment kam ich mir richtig hintergangen vor. Wer zur Hölle hatte meinen Sohn beim Gesundheitsamt gemeldet? Und aus welchem Grund? Immerhin lagen mehrere negative Antigen-Tests vor, zusätzlich zu dem, den wir zuhause gemacht haben, wurde er in der Schule ja auch negativ getestet. Ich erstellte einen Screenshot dieser unheilvollen Nachricht und sendete diesen mit lediglich einem „?“ versehen an seine Klassenlehrerin weiter.

Sofort rief sie verwundert zurück, konnte das selber nicht verstehen. Erwähnte nochmals, dass alle Test in der Klasse immer negativ waren und dass abgesehen von meinem Sohn, alle Kinder, bis auf eines gesund in der Klasse sitzen würden. Sie bat mich, mit der Direktorin Kontakt aufzunehmen, was ich auch umgehend tat.

Im Telefongespräch mit der Direktorin stellte sich heraus, dass es wohl einen anderen Verdachtsfall in der Klasse gegeben hätte, wobei das Ergebnis des amtlichen PCR-Test noch ausständig gewesen ist. Und warum das Gesundheitsamt nun die Eltern kontaktiere, wusste sie selbst nicht genau. Eventuell habe sich dieser Verdachtsfall erhärtet. Sie hatte bis dato keine Informationen erhalten. Im Gespräch kam aber ganz klar heraus, dass diese Vorkommnisse nichts mit der Erkrankung unseres Sohnes zu tun hatten – das Gesundheitsamt hatte schon weitere Eltern benachrichtigt.

Eine Stunde später waren wir schon zum PCR-Test unterwegs. Unserem Sohn wurde die erforderliche Probe abgenommen. Wir – die restliche Familie, gingen „leer“ aus. Für eine Testung hätten wir uns extra anmelden müssen.

Am nächsten Tag, es war Sonntag mittags, rief ein netter Herr vom Gesundheitsamt an und sprach bis zu einem negativen Testergebnis für meinen Sohn eine Quarantäne aus. Wir wären zwar sowieso nirgendwo mit ihm hingegangen, trotzdem erschien diese Vorgehensweise als sehr zeitversetzt. Sonntag Nachmittag erhielten alle Eltern unserer Klasse eine Mail von der Direktion. Der Verdachtsfall in der Klasse konnte nicht bestätigt werden, die Quarantäne bliebe aber bis zu den negativen Testergebnissen der Kinder weiterhin aufrecht. Ich verstand das überhaupt nicht!

Prinzipiell bin ich ein sehr umgänglicher Mensch, aber wenn ich etwas gar nicht packe, dann ist das „Behördenlogik“ – und so rüstete ich mich Montag morgens für das Telefonat mit dem Gesundheitsamt. Ich war richtig auf Krawall gebürstet, die schlaflose Nacht unserer fiebernden, zahnenden Jüngsten tat ihren Rest dazu. Ich legte mir im Vorhinein folgende Sätze zurecht:

„Wer gab die Anweisung für einen amtlichen PCR-Test sowie für die Quarantäne, ohne dass es einen bestätigten Erkrankungsfall gibt und warum musste ich die Kontaktdaten meines Sohnes bereitstellen?“

Welche Rechtsgrundlage besteht für die weitere Aufrechterhaltung der Quarantäne?“

Und zu guter Letzt:

„Wann ist endlich mit dem Testergebnis unseres Sohnes zu rechnen?!“

und

„Erklären Sie mir das bitte so, dass auch ich als Zivilist das vestehe!“

Die Fragen stellte ich natürlich ganz langsam, im präpotentesten Hochdeutsch, das ich draufhabe. Jeder Reichsbürger hätte eine helle Freude mit mir gehabt.

Das Gespräch mit der sehr freundlichen Dame verlief wenig spektakulär, das Gesundheitsamt hatte zweifellos richtig gehandelt. Dem ganzen Theater mit dem Verdachtsfall gingen zwei positive Antigen-Tests voraus. Jede andere Vorgangsweise wäre absolut unverantwortlich gewesen, zumal zu viel Zeit vergangen wäre, bis zum Ergebnis des aufschlussreichen PCR-Tests.

Versöhnlich gestimmt wartete ich geduldig auf das Testergebnis unseres Sohnes, er wollte unbedingt spazieren gehen. Erst am Nachmittag meldete sich das Gesundheitsamt.

„Ihr Sohn ist positiv!“

Ups. Mir wurde heiß und schlecht. Was für eine Nachricht! Unsere Daten wurden noch einmal abgefragt, in der ganzen Aufregung fiel mir nicht einmal mehr meine eigene Sozialversicherungsnummer ein. Ich suchte verzweifelt nach meinem Portemonnaie, während meine Jüngste krank und fiebernd auf meinem Arm jammerte.

Jetzt fing die Zeit des Wartens an. Erst warteten wir auf die Testung, dann auf unsere Ergebnisse. In den zwei Tagen bis zum Befund, entwickelte so manch einer in unserer Familie Symptome. Von Übelkeit bis hin zu Schwindel war alles dabei. Von den hustenden Kinder und dem akut erkrankten Baby ganz zu schweigen.

Als dann endlich die SMS unserer Testergebnisse kam, waren wir umso erstaunter.

Wir alle, außer meinem Sohn natürlich, wir alle waren negativ!

In einem weiteren Telefonat mit der Behörde erfuhr ich, dass die Virenlast bei meinem Sohn wohl so gering war, dass er keinen anstecken konnte. Wir sind noch einmal mit (k)einem blauen Auge davongekommen. Als ich im Kindergarten meiner Tochter anrief um die guten Nachrichten kundzutun, erfuhr ich, dass dort die Varicellen (Schafblattern) ausgebrochen sind. Das ist für Organtransplantierte eine der gefährlichsten Krankheiten überhaupt.

Und nachdem ich nun schon sieben Tage ununterbrochen Zeit zum Arbeiten und Nachdenken hatte, möchte ich euch an dieser „Geschichte“ teilhaben lassen. Es ist im Leben nicht alles so wie wir denken und alles im Leben hat mehrere Seiten und seinen Sinn.

Bleibt gesund, alles liebe Laura