Betonkinder versus Gscherte – so könnte die grobe Überschrift der immerwährenden Diskussion über das „bessere“ Lebensmodell lauten. Wir kennen beides. Und wie überall im Leben gibt es Licht, als auch Schatten. Was ihr vor einer dauerhaften Wohnveränderung überdenken und berücksichtigen solltet, erkläre ich euch hier aus meiner Sicht.

Als erstes muss ich darauf hinweisen, gut und schlecht kann man überall leben. Wir können ein kleines Gartenparadies im Speckgürtel einer Großstadt unser Eigen nennen, andererseits leben auch manche Leute in einer kleinen Raucherbude am Land. Aber ich versuche mal unsere Erfahrungen zu erzählen.

Zu uns: Wir ( 2 Erwachsene und 3 Kinder) leben am Land. Wir teilen uns ein Miethaus mit einer anderen Familie, leben im ersten Stock und nutzen ein eigenes Stück Garten, für das wir durchs Treppenhaus runtergehen. Wir haben richtig viel Platz und eine traumhafte Aussicht auf ein Weingut, die Petzen und den Drau-Stausee. Laufen wir am Feld vor unserem Haus vorbei, sind wir in einer Minute im Wald. Zum Turnersee und zum Klopeiner See fahren wir ungefähr zehn Minuten mit dem Auto. Ich persönlich kann mir mittlerweile kaum etwas Besseres vorstellen.

Aber der Weg zu dieser Erkenntnis war ein relativ langer. Bevor wir in das knapp Sechshundertseelendorf gezogen sind, lebten wir mitten in der Stadt – unsere Wohnung lag in der Fußgängerzone. Die Müllabfuhr kam wöchentlich und wir konnten alles was wir brauchten, innerhalb kurzer Zeit erreichen. Einkaufsmöglichkeiten, Cafés, Bars und Parks waren im Radius von 200 Metern zahlreich vorhanden. Morgens brachte ich meinen Sohn per pedes in den Kindergarten, mittags hüpfte ich schnell in den Supermarkt und kaufte die paar Kleinigkeiten fürs Essen täglich frisch ein. Zur Arbeit überquerte ich die Straße und stand schon fast im Geschäft. Nachmittags nutzen wir spontan das Kulturangebot der Stadt, manchmal war es eine Kindertheatervorstellung, oftmals lauschten wir einfach nur einem Konzert der Straßenmusiker. Dabei genossen wir Großen einen Cappuccino im Café am Platz und die Kinder ein frisches Tüteneis.

Doch nicht jeder Tag ist ein Eis-Tag und Theatervorstellungen gibt es auch in der Stadt nicht immer. Und weil unsere Kinder sich gerne Outdoor austoben und das in einer Wohnung auch lautstark unter Beweis stellen, war der Verzicht auf ein Auto für uns nie ein Thema. Denn ein Stadtpark ist mit der „richtigen“ Natur nicht wirklich vergleichbar. Im Frühling fuhren wir raus auf Wiesen um zum Beispiel Brennnesseln zu sammeln und unsere Drachen steigen zu lassen. Im Sommer ging es entweder auf die Berge oder zum See, im Herbst lockte der pilzreiche Wald.

Die Kinder wurden größer und die Wohnung subjektiv gefühlt kleiner. Uns fehlte immer mehr Stauraum und letztendlich der Raum zum Durchatmen. Längere Zeit durchkämmten wir das Internet nach leistbaren Mietwohnungen, kamen aber immer wieder auf den Punkt zurück, dass das Angebot für uns entweder sehr wenig Wohnqualität bot, oder schlichtweg übertrieben teuer war. Und eines Tages stolperte mein Partner eher zufällig auf eine inserierte Haushälfte, in einem Ort, den wir im Normalfall niemals auf dem Such-Radar gehabt hätten. Als er mir davon erzählte, sah ich ihn irritiert an und fragte ihn, ob das wirklich sein Ernst sei. Und ließ mich dann trotzdem, tatsächlich auf einen Besichtigungstermin ein. Unglaublicherweise gefiel uns die Raumaufteilung und die Aussicht in Kombination mit dem Preis so gut, dass wir beschlossen uns auf das Abenteuer „Landleben“ einzulassen und wir entschieden uns für den Umzug, weg aus der Stadt.

Ich hatte mit im Vorfeld nicht sehr viele Gedanken gemacht. Mein Sohn befand sich gerade im letzten Kindergartenjahr und wir beschlossen, dass er das Jahr in der Stadt fertig machen sollte. Ein Wechsel hätte sich nicht mehr ausgezahlt. Ich kann mich erinnern, dass ich kurz nach unserem Umzug, stadtauswärts nachhause gefahren bin und mir dachte: „Das ist aber schon ein ziemlich weiter Weg.“ Und wie weit der Weg wirklich war, merkte ich erst zu dem Zeitpunkt, als mein Auto einen Reparatur benötigte und wir auf den Bus angewiesen waren.

Unter der Woche fährt der Bus einmal in der Früh in die Stadt und dann zu Mittag wieder zurück. Das bedeutete, dass ich meinen Sohn morgens um 6.30 mit dem Bus in den Kindergarten in die Stadt brachte und mit meiner jüngeren Tochter auf ihn bis Mittag in der Stadt wartete. Samstags, da arbeitete ich immer, fährt überhaupt kein Bus. Um in die Stadt zu gelangen, musste ich zwanzig Minuten in die Pedale meines Drei-Gang-Damenrades treten, um damit zur anderen Bushaltestelle an der Bundesstraße zu fahren. Ohne Auto ist man am Land völlig aufgeschmissen und als Familie braucht man unbedingt ein Zweitauto. Anders ist das leider nicht handzuhaben. Landleben bedeutet eben nicht nur Ruhe und Natur genießen, sondern auch große Abstriche im Bereich des öffentlichen Verkehrs und der Infrastruktur zu akzeptieren.

In der ersten Zeit am Land fuhr ich prinzipiell in die Stadt-Peripherie um einzukaufen. Natürlich gibt es dort eine größere Auswahl, als in dem kleinen Geschäft am Dorfplatz. Erst nach einiger Zeit fielen mir die Vorteile des kleinen Geschäftes auf. Parken, wirklich direkt vor der Türe und niemals lange Wartezeiten an der Kassa. Post und Trafik ist dort übrigens inkludiert. Eine Tatsache, die mich schon mal zum Schmunzeln gebracht hat: Ich rief bei der „Post“ an, weil ich eine Frage zu einem Paket hatte, landete aber in der „Feinkostabteilung“. Nachdem das Telefonat zur „Post“ zu Fuß „verbunden“ worden ist, wurde das Gespräch unterbrochen, weil jemand in die „Trafik“ kam und noch schnell vier Packungen Memphis braucht. Das ist alles kein Problem, denn man kennt sich hier. Aber genau an das musste ich mich auch erst gewöhnen.

Mit der Zeit verlagerte sich unser Leben immer mehr in unsere unmittelbare Wohnumgebung. Statt großartig ins Grüne zu fahren, gehen wir einfach vor die Türe. Langweilig wird uns dabei bis jetzt nicht, mit ein bisschen Durchhaltevermögen finden wir nach wie vor neue Routen, die wir auf unseren Spaziergängen erkunden. Wenn es mal ein bisschen was anderes sein soll, bleibt uns natürlich noch immer die Möglichkeit, einfach wegzufahren. Und alleine die Tatsache, dass die Kinder einfach runter in den Garten spielen gehen können, schafft den oft notwendigen Freiraum, einfach einmal nichts zu machen.

Das Leben spielt sich mehr zuhause ab. Früher traf ich mich oft spontan auf einen Kaffee mit einer Freundin in der Stadt. Das ist heute nicht mehr so. Die Tage verlaufen durchgeplanter, was definitiv auf die unvermeidbaren Autofahrten zurückzuführen ist. Wir treffen uns jetzt eher auf einen Kaffee zuhause. Das ist einer der Punkte, die ich eher als Nachteil beschreiben muss. Mittlerweile habe ich mich daran zwar gewöhnt, es ist allerdings leider schon so, dass ich meine Mädels weniger oft sehe.

Ich gebe automatisch weniger Geld aus. Das Leben in der Stadt ist automatisch mit mehr Konsum verbunden. Alles ist sofort und überall verfügbar, auch Sachen die man nicht unbedingt braucht. Jetzt erledige ich die Einkäufe gezielt und ausschließlich bedarfsorientiert. Das macht auf Dauer gesehen einen großen Unterschied am Konto.

Das Leben ist ein anderes und wenn man es zulässt, ist ein gutes. Relativ schnell nach unserem Umzug hatte ich die Möglichkeit, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen. Ich arbeite seitdem von zuhause aus. Das ist natürlich eine tolle Lösung, wenn man bedenkt, wieviel Zeit und Fahrkosten ich mir alleine wegen des Arbeitsweges erspare. Für mich ist das perfekt. Hat man diese Möglichkeit aber nicht, muss man das als Nachteil sehen.

Alles in allem empfinde ich unser „neues Leben“ als entspannender und unkomplizierter. Weg von der Stadt bedeutet für mich, dass vor allem das Tempo rausgenommen wurde. Die Veränderung kam allerdings nicht von einem Tag auf den anderen und obwohl wir nicht hunderte Kilometer weit entfernt von der Zivilisation, auf einem Berg leben, bedeutete dieser Umzug sehr, sehr viel Veränderung. Vor allem Veränderung im Lifestyle. Aber für uns war es eine Veränderung in die richtige Richtung und ich möchte jeden dazu ermutigen, diesen Schritt durchzuziehen, wenn der Gedanke im Raum steht und der Schritt wohlüberlegt ist. Es zahlt sich aus!