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Kaum eine Meldung erhitzte die Gemüter in den letzten Tagen mehr als die Aktion #allesdichtmachen. Eine, von mehreren Schauspielern inszenierte Videoaktion, die mit überspitzten Videos auf die derzeitige Situation von Kulturschaffenden aufmerksam machen sollte.

Der Schuss ging ordentlich nach hinten los. Innerhalb weniger Stunden waren die Social-Media-Kanäle mit Empörung überflutet. Sofort stand das Argument im Raum, dass durch diese Aktion Coronatote und das erschöpfte medizinische Personal verhöhnt würden. Ich musste das Ganze für mich selbst erst einmal sacken lassen und mir ein paar Tage Gedanken machen, wie ich diese Aktion und Reaktion für mich selbst einordne.

Es ist nun mal so, dass Satire von Natur aus nicht mit dem Werkzeug der Nächstenliebe und Rücksichtnahme arbeitet. Das war noch nie so. Weder bei Böhmermanns Schmähgedicht, noch bei der Mohammed-Karikatur von Charlie Hebdo war das der Fall, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen. Wie die Reaktionen auf das jeweilige Beispiel ausfielen, wissen wir leider zu gut. Und wenn wir nachdenken, können wir uns bestimmt erinnern, wie fassungslos uns diese Reaktionen gemacht haben. Und auf einmal verträgt Mitteleuropa keine Satire mehr? Wir leben doch in einem Land, in dem wir mit freier Meinungsäußerung und schwarzem Humor umgehen können. Oder etwa nicht?

Die Situation scheint eine andere zu sein. Das Thema, um das sich #allesdichtmachen dreht, sind die Pandemiemaßnahmen, die uns alle betreffen. Nicht nur eine „Minderheit“ oder einen Politiker. Und dann kommt noch dazu, dass diese Zeit unsere Gesellschaft unendlich tief gespalten hat und sachliche Diskussionen leider schon längst der Vergangenheit angehören.

Den Schauspielern wurde unter anderem vorgeworfen, den Querdenken direkt in die Hände zu spielen. Ich persönlich sehe das nicht so. Und auch nicht, dass Menschen verhöhnt wurden. Da muss man sachlich bleiben. Ich habe mir einige Videos angesehen. Ich finde sie zwar alle nicht gut, sie treffen nicht meinen Geschmack, mir fehlt dabei ein angepeiltes Ziel, aber ich kann darin nichts sehen, was mit den Querdenkern in Verbindung steht. Es ist nun mal so, dass die Kultur und alles drum herum seit mehr als einem Jahr stillsteht. Da sind wir uns alle einig. Und dass es im Umgang mit Kulturschaffenden Missstände gibt, ist auch eine Tatsache. Genau so wie mit der Nachtgastronomie, mit den Kinos, mit der Hotellerie und mit vielen anderen Bereichen. Und dass alle Betroffenen „Millionen“ am Konto haben, wie ein „Tatort-Forensiker“, ist leider auch nicht so. Gerade im Kulturbereich, vor allem in kleinen Theatern oder im Musikbereich sind viele direkt von den Einnahmen abhängig. Und ich weiß aus meinem Bekanntenkreis, dass die Ausgleichszahlungen leider oft nur einen Teil der fehlenden Einnahmen abfedern.

Was mich persönlich erschreckt ist, dass wir mittlerweile an einem Punkt angelangt sind, an dem unsere Gesellschaft anscheinend keine Satire mehr verträgt. In der Schauspieler und deren Angehörige Morddrohungen bekommen, nachdem sie Videos zur momentanen Situation online stellen. Noch einmal: Satire muss nicht gefallen, denn genau das ist ihr Kern! Und was ich zusätzlich noch sehr besorgniserregend finde ist, dass gleichzeitig das Argument mit den Querdenkern rausgeholt wird. Ich finde es nämlich viel gefährlicher, dass eine kritische Betrachtung der Dinge sofort im Keim erstickt wird, denn das ist überhaupt das, was den Querdenkern wirklich den unfassbaren Zulauf an Anhängern bringt- „Denn dort darf man endlich seinen Mund aufmachen“ Dass man nach einem Jahr Pandemie keine Satire mehr machen kann, ohne dass alle völlig aus den Latschen kippen – das ist das Erschreckende! Und leider keine Satire.