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Mein Sohn ist mittlerweile acht Jahre alt. Sachen die er liebt, betreibt er mit einer stoischen Konsequenz, die ihresgleichen sucht. Dinge, die ihn jedoch nicht interessieren, ignoriert er nicht einmal. Da gibt es kein Mittelmaß. Und so kommt es, dass er, wenn man seine schulischen Leistungen betrachtet, kaum bis gar keine Erfolgserlebnisse hat. Ihn interessiert das, was in der Schule gelehrt wird nicht. Und trotzdem merke ich oft, dass er nach einer Bewertung, die nicht sehr gut ist, mit seinem Stolz zu kämpfen hat. Abgesehen davon, dass er gewisse Sachen zuhause vermehrt zu üben hat, mache ich ihm deswegen nicht mehr viel Druck. Ich habe festgestellt, es wird davon nur noch schlimmer und er schaltet komplett auf stur. Und deshalb bin ich irrsinnig froh, dass er sich seine Erfolgserlebnisse mittlerweile woanders holt. Denn das stärkt sein Selbstbewusstsein und es ist für ihn eine Möglichkeit sich mit etwas zu identifizieren. Aber der Weg dort hin war nicht einfach.

Ich war schon länger auf der Suche nach etwas, das „sein Ding“ werden könnte. Erst haben wir es mit Floorball probiert, sein damaliger Kindergartenfreund trainierte dort auch und ich hoffte, dass meinem Sohn auf diesem Weg, ein wenig Motivation beschert würde. Zwar ging er anfangs gerne hin, aber als er einmal den Schläger auf die Nase bekam, weil er, statt zu spielen, verträumt vorm Tor saß und dann noch als Trottel bezeichnet wurde, wollte er dort nicht mehr hin. Ich verstand das.

Wir haben zuhause ein Klavier stehen. Ich selber spiele sehr gerne und habe das früher auch mal etwas professioneller betrieben. Ich wäre aber nicht auf die Idee gekommen, meinem Sohn das Instrument näher zu bringen. Alleine der Gedanke daran, ihm etwas zu erklären, während er mit den Gedanken irgendwo ganz anders ist, widerstrebte mir. Ich schätzte ihn auch nicht als außergewöhnlich musikalisch ein. Wenn irgendwo gesungen wurde, stand er dort und bewegte nicht einmal seinen Mund. Umso erstaunter machte mich die Frage, die eines Tages von ihm kam: „Mama, kann ich Klavier lernen?“ Ich freute mich natürlich, wusste aber insgeheim schon, was da auch mich zukommen würde und lagerte das Ganze sofort aus, in dem ich ihn in der örtlichen Musikschule anmeldete. Zu Beginn des Schuljahres bekam ich einen Anruf, wir mögen bitte vorbei kommen, im Fach Klavier ist aufgrund der vielen Anfragen eine Aufnahmeprüfung notwendig.

Als wir den Raum betraten, saßen dort eine Klavierlehrerin und zwei Klavierlehrer. Ich merkte, wie nervös mein Sohn auf einmal wurde. Einer der Aufnahmetests war es zum Beispiel, von zwei am Klavier angeschlagenen Tönen, immer den höheren herauszuhören, was mein Sohn fehlerfrei schaffte. Und dann kam der Moment, in dem er dazu aufgefordert wurde, eine gespielte Melodie nachzusingen. Ich hörte meinen damals sechs Jahre alten Sohn zum ersten Mal ernsthaft singen. Er hatte einen glockenhelle Stimme und traf die Töne fast alle am Punkt. Mich machte das irrsinnig stolz und erstaunt.

Ein paar Tage später bekamen wir den Anruf, er dürfe mit dem Unterricht starten.

Das erste Jahr war ein echter Kampf. Zum Üben hatte er natürlich keine Lust, aber Klavierspielen wollte er trotzdem. Wir diskutierten das erste halbe Jahr fast täglich über das Thema „üben oder aufhören“. Ein Instrument muss man nämlich erlernen. Da geht nichts von selber. Es geht dabei nicht darum, jemandem zum Konzertpianisten auszubilden, mit dem Üben schafft man sich allerdings die Grundlagen, um ein Instrument überhaupt spielen zu können. Sowie beim Sport das Training. Allerdings glaubte das mein Sohn seiner erfahrenen Klavierspiel-Mama nicht. Und so forderte ich fast jeden Tag konsequent ein, dass er mindestens 15 Minuten übte. Sonst müsse er seinen Platz an der Musikschule einem fleißigeren Kind überlassen.

Am Ende des Schuljahres bekam er sein Zeugnis vom Klavierlehrer überreicht. Er hatte ihm tatsächlich ein „Sehr gut“ gegeben, was eine sehr nachsichtige Beurteilung war. In den Sommerferien probierte ich ihn zum Spielen überreden. Keine Chance.

Und so beschloss ich, dass er im nächsten Jahr nicht mehr weiterspielen wird, hatte die Anmeldung für das kommende Jahr aber schon ausgefüllt. Und so rief uns am Anfang des Schuljahres sein Klavierlehrer an, um den wöchentlichen Termin für den Unterricht zu fixieren. Mein Sohn bettelte und jammerte was das Zeug hielt. Ich möge ihm dieses Jahr noch eine Chance geben.

Und das war auch gut so. Seit ungefähr sechs Monaten ist ihm der Knoten aufgegangen. Er hat die Freude am Spielen gefunden und wenn ich ihn dazu ermutige (von alleine passiert das noch immer sehr selten), geht er üben. Das läuft jetzt ohne Diskussionen ab. Er erarbeitet sich auf einmal die Stücke selber und hat auch richtig Biss, diese fehlerfrei spielen zu können. Immer öfters sehe ich ihn beim Klavier sitzen und einfach vor sich hin improvisieren. Und wenn wir Besuch haben, setzt er sich klammheimlich ans Klavier und spielt nebenbei seine erlernten Stücke. Und ich sehe, wie stolz und zufrieden er ist, wenn er dafür „unverhofft“ Applaus bekommt. Ich bin wirklich froh, dass wir dran geblieben sind.

Um was es mir hier geht: Ich bin der Meinung, dass jedes Kind etwas braucht, das es in seinen Augen gut macht. Ob das nun ein Sport ist, ein Instrument, Malerei, Tanzen, Schach – völlig egal was. Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft und es ist nicht jedem Kind möglich, seine Erfolgserlebnisse in der Schule zu lukrieren. Aber Kinder brauchen Erfolgserlebnisse von außerhalb. Auf der einen Seite stärkt das ihr Selbstbewusstsein, andererseits lernen Kinder so, dass sich Fleiß und Konsequenz im Leben auszahlen.

Aber es ist so, wie es das Klavier-Beispiel meines Sohnes zeigt – wenn die Kinder noch jünger sind, brauchen sie auch bei der Ausübung ihres Hobbies Führung und Motivation von uns Eltern. Auch wenn es manchmal mühsam erscheint, irgendwann stellt sich ein erster „Erfolg“ ein und mit dem kommt dann auch viel mehr Freude und Motivation. Also durchhalten und dranbleiben!