http://www.claudiawegner.com

Liebe Mutter, liebe Schottland-Omi!

Mein Wunsch hat sich erfüllt. Du bist da. In Österreich. Hast es wider aller Erschwernisse geschafft von Großbritannien aus- und in Österreich einzureisen. Der Weg war kompliziert und voller Schikanen. Die Zeit, in der wir uns befinden ist keine gute für Reisen. Aber sie mussten dich ins Land reinlassen. Beim zweiten Anlauf hast du es geschafft. Es gibt einen familiären Notfall. Der familiäre Notfall ist deine Mutter.

Das Leben ist ein Kreislauf. Am Anfang sorgen die Eltern für ihre Kinder, am Ende sorgen die Kinder für ihre Eltern. Das ist einfach gesagt und klingt logisch. Aber wenn es dann soweit ist, sind die Dinge eben alles andere als einfach.

Dass du wieder zurück nach Österreich kommst, war zwar immer mein Wunsch, aber ich habe in den letzten siebzehn Jahren deinen Entscheidung auf der Insel zu leben, verstanden und akzeptiert. Für meine Kinder bleibts du immer die Schottland-Omi. Du warst glücklich und zufrieden. Hast dir dort dein eigenes Leben aufgebaut und bist trotzdem immer für uns da gewesen. Wenn bei uns der Hut brannte, nahmst du einfach das nächste Flugzeug und sprangst ein, griffst uns helfend unter die Arme. Wenn ich zurück denke, weiß ich nicht, wie ich manche Dinge anders hätte meistern können. Wir haben nicht physisch zusammenhocken müssen, um uns nah zu sein. Prinzipiell hätte alles gut sein können.

Dann kam der Brexit und Corona. Auf einmal war gar nichts mehr gut. Die damit verbundenen Einschränkungen und die Rezession kappten deine Möglichkeiten, mit und von der Kunst zu leben. Auch andere Einkommensquellen brachen weg. Von einem Tag auf den anderen, fanden keine Kurse mehr statt und auch einfach den Koffer packen und zu deiner Familie zu fliegen war dir nicht mehr möglich.

Dein Wunsch wieder dauerhaft „nachhause“ zu kommen wurde immer lauter und so suchtest du nach Möglichkeiten, wie das auf eine angenehme und für dich lebenswürdige Weise funktionieren könnte. Ideen hatten wir einige, geklappt hat davon nichts. Es scheint momentan auch keine gute Zeit für Visionen zu sein. Aber das Universum kennt kein Zurück und unser Wunsch erfüllte sich doch. Genau ein Jahr dauerte es, bis wir uns wieder in die Arme schließen konnten.

Mit Wünschen muss man vorsichtig sein. Wenn man etwas unbedingt will, sollte man die Rahmenbedingungen ganz genau definieren. Denn sonst kann passieren, was nun passiert ist. Der Wunsch erfüllte sich zwar, aber das Drumherum ist eine Katastrophe – Katastrophe deswegen, weil es unsagbar traurig ist, dass deine Mutter von einem Tag auf den anderen deine Hilfe und Pflege braucht. Ich hätte mit Vielem rechnet, aber nicht damit. Natürlich glaube ich nicht ernsthaft, dass unsere Wünsche diesen Umstand gebracht haben, vielmehr muss ich akzeptieren, dass auch meine Oma nicht ewig fit sein kann. Nach über neunzig Jahren Vitalität hätte ich im Hintergrund damit rechnen müssen. Und doch trifft es mich wie der Schlag.

Doch du nahmst dich der Sache, wie immer, sehr pragmatisch an. Hast so vieles organisiert, dass du einreisen darfst. Bist gekommen um alles in die Bahnen zu lenken. Hast es sogar geschafft, dass sie ins Krankenhaus geht. Denn nicht nur uns hat Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seit alles anders ist, sind die Hemmschwellen, sich in stationäre Behandlung zu begeben für manche Menschen noch höher als vorher.

Seit nunmehr einen Monat bist du hier und hast mittlerweile sogar den Mietvertrag für eine Wohnung unterschrieben. Denn anzunehmen, dass sich die Dinge wieder zum Alten wenden wäre Utopie. Weder wird deine Mutter wieder so wie vorher werden, noch wird sich die Lage in Europa schnell normalisieren. Und deswegen bist du gekommen um zu bleiben. Noch einmal wirst du auf die Insel zurückfliegen, um dein Hab und Gut in einen Container zu verstauen. Dein Leben für deine Familie zurücklassen. Wenn du wieder kommst, bist du da um deiner Mutter unter die Arme zu greifen. Um die Zeit für sie so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich hätte mir deine Pension anders vorgestellt. Aber das ist das Leben.

So ist dein Leben, so ist unser Leben. Gemeinsam werden wir die Oma schon schaukeln. Du kannst dich auf mich verlassen. Und wenn du einmal zu schaukeln sein wirst, werde ich das auch mit meinen Kindern machen. Familie bedeutet halt nicht nur, gemeinsam zu feiern, sondern dann füreinander da zu sein, wenn es gebraucht wird. Das habe ich von dir gelernt.

In Liebe, nicht nur zum Muttertag.

Laura

Hier ist der Link zur Kunst meiner Mutter: http://www.claudiawegner.com

Muttertagsbrief 2019: Liebe Mutter, am Sonntag wird es regnen. Es gibt Maroni-Suppe und sogar einen Biertisch.