Früher hatten wir großartige, differenzierte Beschreibungen für die Vielzahl an Dingen und Gedanken, die uns begleiten, heute haben wir „nice“. Es gibt nämlich nichts mehr, das nicht auf irgendeine Art und Weise als „nice“ bezeichnet werden könnte. Während wir früher nur feststellten durften, dass es „nice“ wäre „to meet you“, stoßen wir heute auf „nice“ Schuhe, „nice“ Apps, mindestens genauso „nice“ kann ein Song, ein Foto von einem Sonnenuntergang oder ein politischer Diskurs sein. Demonstriert Oma mit selbstgehäkelter Tafel freitags gegen den Klimawandel, so ist das „nice“. „Nice“ ist aber auch die Stimmung, wenn sich Strache im Trachten-Jopperl von seinen letzten Anhängern bei seinem Oktoberfest in Liesing feiern lässt. Es gibt „nice“ Antikörpernachweise – positive als auch negative. Es ist „nice“ wenn Papa den fleischigsten Burrito aller Zeiten auf Instagram postet, aber genauso „nice“ finden wir Mamas Pin mit der Veggie-Gesichtsmaske.

Auf was ich hinaus will, „nice“ gibt vor, viel zu sein und ist irrsinnig geduldig. „Nice“ ist selbsterklärend und unklar zugleich. „Nice“ ist so, wie die Farbwechselkarte bei Uno auszuspielen, aber ohne dabei Farbe zu bekennen. Man legt sich nicht wirklich auf was fest, tut niemanden weh, spielt trotzdem mit. Aber ohne persönlichen Einfluss zu nehmen. Haben wir uns früher bei Postings wenigstens noch ein klein wenig Gedanken gemacht, wie wir das Szenario für unsere Social-Media-Bubble wirkungsvoll beschreiben könnten, reicht heute das einfache und simple „nice“. „Nice“ ist alles, und alles ist nice. Freundlich, lieb, sympathisch, hübsch, angenehm, lecker, geil, super, toll, wunderbar, schön, eindrucksvoll, und vieles mehr. „Nice“ bleibt „nice“, kann nicht gesteigert werden und muss nicht dekliniert werden. Ist irgendwie wohlwollend gemeint, aber nicht so übertrieben wie „mega“, denn in der ganzen Lässigkeit der Selbstinszenierung auf Social Media ist ein „nice“ alles was wir brauchen. Statt unsere wirklichen Gedanken (insofern vorhanden) preiszugeben, geben wir den Betrachtern und Betrachterinnen die Chance, das Ganze ebenso „nice“ zu finden. Und fahren gut damit. Denn auch wenn der Inhalt völlig belanglos ist, kann unser Publikum das ebenso „nice“ finden und darauf hoffen, dass der nächste eigene Post wieder genauso zurück „genicet“ wird (sorry für die gewaltsame Beugung dieses unbeugsamen Wortes).

„Nice“ nervt mich. Vermutlich bin ich einfach zu alt für diesen nicen Shice. Und vermisse die vielen Facetten, die unsere wunderschöne Sprache in den verschiedensten Farbtönen schillern lassen können. Aber in Wahrheit bin ich selber schuld. Denn die Einen posten nice Stories, die Anderen schreiben sinnstarke Bücher. Die Entscheidung was ich letztendlich konsumiere liegt eben bei mir. Aber ich bitte trotzdem inständig darum, das mit dem „nice“ in Zukunft zu unterlassen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.