Im Zuge einer Aussortier-Aktion bin ich in ein moralisches Dilemma geraten. Und während die Waschmaschine läuft, komme ich im Kopf nicht weiter. Zwar schreibe ich gerade von einem typischen First-World-Problem, aber gerade das macht es eben kompliziert.

In unserem Stiegenhaus steht seit längerer Zeit eine Lauflernhilfe. Das ist ein Gerät für Babys, in das man sie reinsetzen kann, mit dem sie sich auf Rollen durch die Räume bewegen können, in dem sie durch Strampelbewegungen das Ding antreiben. Auf dem „Arbeitstisch“ sind viele bunte Knöpfe und Figuren, die bei Berührung Geräusche und Lieder wiedergeben. Ich selber wäre nie auf die Idee gekommen, einen Lauflernwagen anzuschaffen, alleine die Größe und der Platz, der draufgeht, wäre für mich Grund genug, das einfach sein zu lassen.

Eine liebe Bekannte, die auf ein kleines Kind aufpasst, hatte von der Familie ein großes Sortiment an nicht mehr benutzten „Luxusgütern“ mitbekommen und dachte sofort an uns, beziehungsweise an unsere Jüngste. Die Sachen, die Lauflernhilfe, ein batteriebetriebene Schaukelwippe und ein interaktiver Hopsring, wären sonst auf den Müll gewandert. Die Dinge waren wie neu und haben einen Gesamtwert von rund 360 Euro, wenn sie neu angeschafft werden. Alle Produkte sind aktuell im Internet und in Möbelhäusern erwerbbar. Wir freuten uns dann natürlich und verwendeten die Sachen in Maßen. Die Wippe fand ich zum Beispiel sehr praktisch, weil ich die Kleine, während ich kochte, dort hineinlegte und sie mir in den aufrechteren Haltung schaukelnd, zuschauen konnte, was eine gute Lösung war. Andernfalls hätte sie sich wahrscheinlich öfters „beschwert“, denn am liebsten wurde sie sonst von mir getragen. Auch den Lauflernwagen hatten wir in Verwendung, wenn auch nur zeitlich sehr eingeschränkt, wenn ich dringend die Hände freibrauchte und unsere Jüngste partout nicht auf den Boden wollte. Ich wusste zwar irgendwie, die Lauflernhilfe ist nicht das Gelbe vom Ei, von wegen Treppen und daraus resultierenden Unfällen, habe mich aber nicht wirklich damit beschäftigt. Der interaktive Hopsring war überhaupt nicht gefragt, unsere Kleine fühlte sich darin unwohl.

Nun endlich zum Dilemma. Unsere Jüngste verwendet die Sachen schon seit Langem nicht mehr. Und so stehen sie ungenutzt herum. Gerne trenne ich mich von Dingen, die wir nicht mehr brauchen. Und das regelmäßig. Im Gegenzug zu vielen anderen Menschen, ist mir der Verkauf von gebrauchten Sachen im Internet ein Gräuel, alleine die ewige Hin- und Her-Schreiberei zieht mir meine letzten Nerven. Ich teile die Dinge, je nach Zustand, in die Kategorien „So gut wie neu und wieder verwendbar“, „Plunder, aber vielleicht für andere Menschen interessant“ und „braucht kein Mensch, weg damit“ ein. Und für die ersten zwei Kategorien suche ich dann Menschen, die sich im besten Fall darüber freuen und die Dinge weiterbenutzen.

So weit so gut? Nein. Nicht in diesem Fall. Im Falle der Lauflernhilfe und der Schaukelwippe kontaktierte ich eine mir bekannte Hebamme und dachte, sie kenne bestimmt jemanden, der die Dinge in Zukunft weiternutzen möchte. Die Antwort erfolgte in dem Sinn, dass die zwei Sachen aus physiotherapeutischer Sicht nicht mehr zu empfehlen sind. Und sie die Sachen deswegen nicht weitergeben möchte. Das verstehe ich natürlich. Und begann selber im Internet zu recherchieren. Und ich muss sagen, vor allem das, was ich über die Lauflernhilfe in Erfahrung gebracht habe, lässt mich ratlos zurück.

Abgesehen von der Gefahr, damit eine Treppe runter zu fahren (was bei unserem Modell aufgrund einer Stoppfunktion, die ich aber technisch nicht ganz verstehe, angeblich wegfällt), birgt das Ding noch sehr viele andere Risiken. Einerseits sind Stürze mit Lauflernhilfen sehr, sehr gefährlich, weil ein Kind meist mit dem Kopf voran umfällt und eigenständig keine Chance hat, sich aus dieser zu befreien. Die Kinder sind damit höher und schneller unterwegs, haben somit eine viel größere Weichweite, was Verbrühungen, Verbrennungen, Vergiftungen, Kopfverletzungen, Gehirnerschütterungen und Schädeltraumen zur Folge haben kann. Jedes Jahr passieren damit tausende Unfälle mit schweren Folgen.

Auch wer sein Kind, wie es eigentlich sein sollte, damit niemals unbeaufsichtigt lässt, riskiert mit der Verwendung, dass das Kind in einer wichtigen Entwicklungsphase die Teile überspringt, in denen es eigentlich selbstständig am Boden robben sollte und lernen, sich eigenständig aufzusetzen. Zusätzlich schadet die aufrechte Haltung der Wirbelsäule, das Stehen auf den Zehen dem Fuß. Und wenn das Baby das Gewicht dann doch auf den ganzen Fuß verteilt, schadet das dem Becken. Die Liste der Kontras ist noch viel länger, wen das interessiert, kann das gerne hier nachlesen:

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/index.php?id=81&tx_kesearch_pi1%5Bsword%5D=gehfrei&tx_indexedsearch%5Bsubmit_button%5D.x=0&tx_indexedsearch%5Bsubmit_button%5D.y=0&tx_kesearch_pi1%5Bpage%5D=1&tx_kesearch_pi1%5BresetFilters%5D=0&tx_kesearch_pi1%5BsortByField%5D=&tx_kesearch_pi1%5BsortByDir%5D=

Also was mache ich nun mit dem Teil? Kann ich das jetzt überhaupt noch guten Gewissens weiterschenken? Anscheinend nicht, weil sonst würde ich das hier nicht schreiben.

Andererseits werden diese Teile nach wie vor produziert und verkauft. Und bevor dann jemand dieses Teil neu kauft, weil er es so oder so haben möchte, spart er sich wenigsten das Geld dafür. Und ich schmeiß kein intaktes Gerät auf den Müll.

Ich zog also zwei Personen zu Rate: zum Einen meine Schwester. Sie arbeitet in einem Geschäft, das guterhaltenen und intakten Waren zu sehr niedrigen Preisen zu einem zweiten Leben verhilft. Ihre Antwort auf meine Frage war eindeutig: Sie würd die Lauflernhilfe in den Verkauf nehmen. Auch wenn sie um die Gefahren weiß. Denn die Leute kaufen das so wie so. Und bei ihr zahlen sie dann wenigsten weniger dafür. Die zweite Person, deren Rat ich einholte, leitet ehrenamtlich einen Treffpunkt, wo gebrauchte Waren gespendet werden und an, oft bedürftige, Menschen gegen eine freiwillige Spende weitergegeben werden. Auch ihre Antwort fiel klar aus: Ja. Natürlich solle ich das spenden. Die Menschen wissen sehr gut um Gefahren, die von Sachen ausgehen können und sind in der Lage selbst Verantwortung zu übernehmen. Jede Spende ist willkommen.

Und während ich gerade den waschbaren Teil in der Waschmaschine reinige, stelle ich mir die Frage, was denn wirklich das Richtige ist. Weitergeben oder entsorgen? Verantwortung oder Eigenverantwortung? Wiederverwenden oder wegschmeißen?

Was würdet ihr tun?